Sonnen an der Croisette Südafrikas

Die Touristen und die hier lebenden Ausländer - lieben die Côte d'Azur Südafrikas. Afrika ist gefühlt sehr weit weg. Von Elian Ehrenreich

Camps Bay, Südafrika, Kapstadt

Die Bucht Camps Bay wird von den Twelve Apostels abgeschirmt©

"Just juice to make you loose", "Coke to make you float" - die lustigen Reime des schwarzen Getränkeverkäufers, der die zentnerschwere Kühltasche über den Strand von Camps Bay wuchtet, zaubern ein kurzes Lächeln auf das Gesicht der coolen Blondine mit den Model-Maßen. Dann schaut sie durch die riesigen Gläser ihrer Sonnenbrille wieder gelangweilt in eine Modezeitschrift. Über Kapstadts Kult-Strand liegt bleiern die mittägliche Siesta.

Camps Bay, eingebettet zwischen der bis zu 500 Meter hohen Bergkette "Twelve Apostles" und dem Atlantik, wirkt wie ein Stück Riviera, das sich durch eine Laune der Natur an Afrikas Südspitze verirrt hat. Womit ist diese Bucht nicht schon verglichen worden: Côte d'Azur, Miami Beach. Doch solche Vergleiche sind nicht schmeichelhaft - für Camps Bay. Denn die Bucht ist ein echtes Unikat. Welche Millionenstadt kann schon auf weiße Sandstrände im Stadtgebiet verweisen, die obendrein ziemlich sauber sind? Wer in Camps Bay am Strand liegt, möchte posen, cool sein, flirten. Eines aber eher nicht: baden. Denn das prickelnde Atlantikwasser wird hier selten wärmer als 16 Grad. Und so sind es zumeist Deutsche oder Skandinavier - gestählt durch Nord- oder Ostseeerfahrungen - die sich unverzagt in die Fluten stürzen.

Von Touristen geliebt, von Einheimischen ignoriert

Zu Zeiten der Rassentrennung, da war die dominierende Hautfarbe am Strand weiß. Für schwarze und farbige Kapstädter waren die Strände von Camps Bay gesperrt, ausgenommen zwei felsige Abschnitte. Ganz verziehen haben das die Kapstädter Camps Bay nie. Als vor Jahren in einer als "Schlacht der Strände" bezeichneten Umfrage der "Sunday Times" ausgerechnet Camps Bay gewann, haben sich nur wenige gefreut. Denn ein wenig geht es dem Edelstrand wie dem Café Kranzler in Berlin: Touristen lieben es, Einheimische bevorzugen weniger bekannte Plätze.

Betuchte Europäer haben sich in Kapstadts schönste Immobilien mit Meerblick eingekauft. Es gab Zeiten, da waren die Preise so niedrig, da gönnten sich Briten oder Deutsche ein Haus in Kapstadt als Urlaubssouvenir, bezahlt mit der Kreditkarte. Das ist lange her. Kapstadts Edellagen hatten während des weltweiten Immobilienbooms bis 2008 eine jährliche Wertsteigerung von rund 30 Prozent, sind somit längst auf europäischem Preisniveau.

Die Mallorcirisierung der "Mother City"

Inzwischen hat die "Mother City" auch eine große Zahl Bewohner deutscher Herkunft. Etwa 30.000 Deutsche, so schätzt das deutsche Generalkonsulat, leben dauerhaft am Fuße des Tafelbergs. Hinzu kommen etwa 100.000 Bundesbürger, die an Afrikas Südspitze ihren Zweitwohnsitz haben. Von einer "Mallorcisierung" wird bereits gesprochen. Ähnlich wie auf der Baleareninsel - dort leben 60.000 Deutsche - ist Deutsch auf Kapstadts Straßen allgegenwärtig. Wer Kapstadts Edellagen besucht hat das Gefühl, dass Afrika sehr weit weg ist. Als würde das Sandsteingebirge Camps Bay vor allem schützen, was allzu "afrikanisch" ist - eine Illusion, die mit der Wirklichkeit im neuen Südafrika nicht viel zu tun hat.

Sundowner nach der Invasion

Es ist Nachmittag in Camps Bay. Ein Bus des städtischen Transportunternehmens "Golden Arrow" hält an der Victoria Road direkt am Strand. 50 schwarze Schüler springen heraus, rennen, kugeln lärmend über den weißen Sand. Die Kids kommen aus dem Kinderhaus Baphumelele des Townships Khayelitsha, der größten Armensiedlung am Kap der Guten Hoffnung. Das Meer, das sie so in Ekstase versetzt, sehen sie vermutlich nicht allzu oft. Und das ist schon eine Kunst, wenn man in einer Stadt lebt, die gleich an drei Seiten von Wasser umspült wird. Die nachmittägliche Invasion reißt den Strand aus seiner Siesta. Ein schwules Pärchen verzieht die Münder unter riesigen Sonnenbrillen zu einem milden Lächeln. Erst kurz vor dem Badelaken der beiden teilt sich die anstürmende Invasion in zwei Stränge, das Ziel der Kids ist das Meer. Endlich haben sie das Wasser erreicht. Nur noch in Shorts - "richtige" Badesachen besitzt keiner - springen die Neun- bis Zwölfjährigen kreischend in die meterhoch sich brechenden Wellen, um dann quiekend wieder zurück zu hüpfen, weil sie die Kälte des Wassers wie ein Peitschenhieb trifft.

Die Blondine vom Strand hat ihr Revier geräumt - vorübergehend! Nachdem sie sich einen winzigen Minirock über die Taille gestreift, ihr Strandlaken gefaltet und die Sonnenbrille mit den Initialen D&G in die Stirn geschoben hat, wippt sie über die Victoria Road, um aus der sicheren Distanz des "Cafés Caprice" bei einem kühlen Getränk auf ruhigere Zeiten zu warten. Gleich wird es Abend, dann gehört Camps Bay wieder allein den Schönen und Reichen. Einem glühenden Feuerball gleich wird die Sonne im Meer versinken. Im Baraza, im Caprice, im Club Ignite vis-a-vis zum Strand beginnt die lange Party-Nacht mit einem Sundowner, so nennen die Südafrikaner den Drink, mit dem sie sich allabendlich von der Sonne verabschieden. Das garantiert, dass sie auch am nächsten Tag wieder scheint.

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