Straße vieler Welten

5. Dezember 2007, 09:49 Uhr

Für die einen ist sie Inbegriff einer Sehnsuchtsroute, andere halten sie für einen Trampelpfad der Globalisierung. Wie sieht sie wirklich aus? Was ist von ihrem Mythos geblieben? In drei Etappen reisten Geo-Special-Reporter entlang der alten Trassen und suchten Geschichte und Geschichten. Von Maik Brandenburg

Großvater und Enkel vor ihrem Haus in einer Bauernsiedlung außerhalb von DunHuang©

Zheng Lheng Xing poliert die tellergroßen Schwielen der Kamele, die Stiefel der Reiter aus matt schimmerndem Stein. Eine denkwürdige Reisegesellschaft: Die gemeißelten Tiere tragen Kisten voll unermesslicher Kostbarkeiten, sind hoch mit prallvollen Säcken beladen. Herr Zheng streckt sich, bis er auf Zehen steht. Besonders müht er sich am dicken Mann, dem lächelnden Anführer der Karawane, die im ewigen Aufbruch verharrt. "Ein Kaufmann", sagt Zheng bewundernd. "Sehen Sie sein Gesicht? Oh, er sieht wirklich glücklich aus."

Zheng ist das Faktotum am "Denkmal der Seidenstraße", für einen Gartenbaubetrieb kehrt er Wege, sprengt Rabatten und wischt feinen Staub vom Stein. Das Denkmal erinnert an den Beginn der Seidenstraße - von hier, von Chinas erster Hauptstadt Chang'an, die jetzt Xi'an heißt, waren die ersten Kaufleute Richtung Westen gezogen. Das Monument steht auf einer rund 1000 Quadratmeter großen Fläche. Umgeben von gestutztem Rasen, sauberen Bänken, Betonwegen und einem Tor, das Zheng jeden Abend verschließt. "Ich muss zuverlässig sein", sagt Zheng, "dann stellen sie mich irgendwann fest ein."

Also nimmt Zheng Lheng Xing, 74 Jahre alt, jeden Morgen seine Zähne aus dem Glas und mischt sich Maisbrei mit Dampfnudeln. Seit 20 Jahren lebt er in einer Hütte im Schatten der steinernen Kamele. Ein mit Kohlen gefülltes Fass steht vor der Behausung, es ist seine Küche. Um ihn herum brüllt der Verkehr Xi'ans, "immer lauter, jedes Jahr", sagt Zheng. Mitunter lehnen Jugendliche ihre Mopeds und Fahrräder an den Zaun, der das Areal umschließt. Dann schimpft er mit ihnen. Und wenn sie trinkend über die Stränge schlagen in der Nacht, immer ausgelassener werden, dann schleppt Zheng seine Matratze vor das Denkmal, damit es niemand besudelt.

Die große Zeit ist längst vorbei

Am Anfang, Zheng lächelt verlegen, ist er noch mitgeritten, einfach aufgestiegen auf das Denkmal, gleich hinter dem dicken Mann. Am Mittag waren sie in Gedanken schon weit fort: in Samarkand, in Buchara, am Mittelmeer. "Wovon man so träumt", sagt Zheng. Vorbei. Statt seiner ist ein ganzes Land aufgebrochen. In eine Zeit, die Zheng nicht mehr versteht. Nur hier, in diesem Geviert der Erinnerung, fühlt er sich einigermaßen sicher. Hier passiert nichts Neues. Herr Zheng meint, die großen Zeiten seien längst vorbei.

Sind sie das? Der Fotograf Per-Anders Pettersson und ich wollen das herausfinden. Von Xi'an wollen wir auf dem chinesischen Teil der Seidenstraße bis an den Torugart-Pass reisen, die kirgisische Grenze im Nordwesten. Ein Weg von beinahe 4000 Kilometern, rund ein halbes Jahrtausend nachdem die Seidenstraße ihre überragende Bedeutung im transkontinentalen Warenverkehr verloren hat. Längst haben Schiffe, Züge oder Flugzeuge andere, schnellere Wege gefunden.

Die ersten Schritte auf dieser Straße sind wir getorkelt. Das lag am Unternehmergeist von Liu Wen Ping, denn der ist hochprozentig. Seit ein paar Jahren vertreibt der 37-Jährige "Mou Tai", einen Brand aus Sorghum und Weizen. Seine Firma hat über 30 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von rund 50 Millionen Yuan (4,7 Millionen Euro). Einst wurde Maos Lieblingsschnaps nur auf Staatsbanketten gereicht. Seinerzeit auch galt jeder als "Imperialist", der sein eigenes Geschäft führte. Heute, sagt Liu, sind die Besitzer von Lieferservices oder Baubetrieben, von Restaurants und noch so kleinen Garküchen Bürger besten Rufs. Warum? "Weil sie Geld machen."

Schnaps als Touristenattraktion

Liu nimmt eine Flasche aus dem Regal. "Fünf Jahre alt, kostet 1000 Euro." Er wiegt das schlichte Gefäß in der Hand, dann öffnet er es. Der erste Schluck lässt uns röcheln, wir sehen aufs Etikett - 54 Prozent. "Die Flasche ist", sagt Herr Liu triumphierend, "wie wir Chinesen sind: Sieht nach nichts aus, doch sie hat es in sich." Er selbst ist das beste Beispiel. Als mittelloser Bauer kam er aus seinem Dorf in die Provinzhauptstadt, im Gepäck zwei Weisheiten. Die eine ist uralt und besagt, dass es umso gemütlicher wird, je mehr man trinkt. Die andere stammt von Chinas erfolgreichstem Reformer, Deng Xiaoping. "Er sagte, Sozialismus bedeutet, nicht arm zu sein." Eigentlich drückte es der vormalige Parteichef bildhafter aus, auf typisch chinesische Art: "Ob weiße oder schwarze Katzen, fangen sie Mäuse, sind sie gute Katzen." Doch Liu interpretierte den Spruch auf seine Art, und bis jetzt fuhr er gut damit. Der Schnaps wirft genügend Gewinn ab, um sich ein 160 Quadratmeter großes Apartment zu leisten. Und, viel wichtiger, einen Sohn.

Er hat seinen Stammhalter sozusagen ausgehandelt, beim Mah-Jongg-Spiel mit Xi'ans Beamten. Er hat sie gewinnen lassen, er bewirtete sie gut, "ich habe es ihnen gemütlich gemacht", sagt Liu. Am Ende wagte er den großen Einsatz. Söhnchen Liu Xing ist sein drittes Kind. Eigentlich ist dies ein schweres Vergehen im Land der Ein-Kind-Politik, das mit Gefängnis geahndet werden kann. Doch der "Mou Tai" hat unerhörte Kräfte: Er kann selbst Gesetze betäuben.

Möglicherweise wird diese Fähigkeit demnächst wieder gebraucht. Denn Liu denkt über eine neue Geschäftsidee nach. Seiner Meinung nach hat Xi'an eine weitere Sensation nötig, obwohl die Stadt in ihrer Umgebung ja schon ein Weltwunder besitzt, die Terrakotta-Armee. Seit die tönernen Krieger vor 33 Jahren entdeckt wurden, haben Millionen Besucher die Kapitale der Provinz Shaanxi aus ihrem Schlaf gerüttelt. Eine Stadt, die sich nun sichtlich müht, mit den anderen Boomtowns des Landes mitzuhalten. Schon jetzt ist sie ein kleines Shanghai, eine Metropole mit breiten Boulevards und Stadtautobahnen, mit Häuserschluchten und Shoppingmalls. Laut, glitzernd, modern - verwechselbar. Wird Zeit, das etwas Besonderes kommt, meint Liu: sein Schnaps.

Geo Special

Geo Special Dieser Text ist dem aktuellen Geo Special entnommen. Das Heft "Die Seidenstraße" (Ausgabe 6 Dezember2007/Januar 2008) ist ab sofort im Handel erhältlich. Weitere Informationen gibt es unter www.geo-special.de

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