Angriff auf Spanisch

22. März 2013, 23:41 Uhr

Das DFB-Team hat gegen Kasachstan einen lockeren Sieg gefeiert – ein idealer Test für das "spanische Modell" ohne klassischen Mittelstürmer. Für Mario Gomez wird es in Zukunft schwer. Von Tim Schulze

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Kasachstan, DFB, Deutschland, Löw, Astana

Mittelstürmer neuen Typs: Mario Götze (r.) klatscht sich nach seinem Treffer gegen Kasachstan mit Mesut Özil und Thomas Müller ab.©

Die aufregendste Frage vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan in der Hauptstadt Astana war die nach dem "falschen Neuner". Bundestrainer Joachim Löw hatte vor der Partie angekündigt, möglicherweise wieder auf das "spanische Modell" zurückzugreifen. Soll heißen: eine Mannschaft nur mit offensiven Mittfeldspielern und ohne klassischen Mittelstürmer auf das Feld zu schicken. Als sich Mario Gomez, der einzige etatmäßige Stürmer im deutschen Aufgebot, im Abschlusstraining eine leichte Zerrung im Oberschenkel zuzog, hatte sich das Rätselraten nach der taktischen Formation erledigt. Und Gomez kam um die Gelegenheit, für sich und das klassische "Stürmer-Modell" zu werben.

Für Löw war das ein Vorteil. Jetzt blieb ihm nur diese Variante. So lief die deutsche Nationalelf in einer Formation auf, die Löw, wie er oft genug betont, im Hinblick auf die WM in Brasilien bevorzugt. Und seine Mannschaft zeigte zumindest in den ersten 45 Minuten eine Leistung, die dem Bundestrainer recht gibt. Außerdem kam er nach dem Abpfiff um kritische Fragen nach Gomez oder dem von ihm hartnäckig ignorierten Stefan Kießling herum. Schon im Testspiel gegen Frankreich spielte die DFB-Elf in der letzten halben Stunde mit dem "spanischen Modell". Im Februar war Mesut Özil nach der Auswechslung von Gomez ins Sturmzentrum gerückt. Auch da lief es glänzend.

Die deutsche Elf nimmt das Spiel ernst

Diesmal, gegen Kasachstan, übernahm Mario Götze die Rolle des zentralen Angreifers. Trotz des Anpfiffs um Mitternacht Ortszeit auf Kunstrasen in der Astana Arena kombinierte die deutsche Elf in den ersten 45 Minuten flüssig und mit viel Spielfreude gegen tiefstehende Kasachen. Die Mannschaft nahm das Spiel ernst, das war ihr anzumerken. Die Gastgeber wirkten phasenweise wie ein Sparringspartner, der für ein lockeres Trainingsspielchen gebucht worden war.

Götze war ständig anspielbereit und rochierte viel mit Thomas Müller und Mesut Özil. Auf der linken Außenbahn gab Löw überraschend dem jungen Schalker Julian Draxler eine Chance, sich zu beweisen. Auch das war ein Hinweis auf die Zukunft. Mit Draxler drängt ein weiterer Hochbegabter in die Nationalelf, dessen Technik, Spielübersicht und Torgefahr perfekt in das Anforderungsprofil von Löw passen. Der Schalker hatte allerdings Pech, als er nach einem Zusammenstoß mit Verdacht auf eine Gehirnerschütterung früh ausgewechselt werden musste. Für ihn kam Lukas Podolski ins Spiel. Auch der 27-Jährige gehört zu denjenigen, die ihren Platz in der ersten Elf wohl räumen müssen.

Nicht wegzudenken ist Bastian Schweinsteiger, der das Spiel aus der zentralen Defensive mit großer Übersicht lenkte. Sami Khedira interpretierte seine Rolle sehr offensiv. Marcel Schmelzer und Philipp Lahm auf den Außenpositionen in der Viererkette fanden immer wieder die Gelegenheit, sich in die Offensive einzuschalten. Als dann innerhalb von zwei Minuten (20. und 22. Minute) Schweinsteiger und Götze trafen, war das Spiel bereits gelaufen.

Müller: Ganz gut gespielt

"Es war Pflicht, hier zu gewinnen. Zur Pause war das Spiel schon entschieden, in der zweiten Halbzeit haben wir das Tempo rausgenommen und nicht mehr so konsequent gespielt", sagte Löw. Nach Wiederanpfiff gab die deutsche Elf den Kasachen für zehn, fünfzehn Minuten die Gelegenheit zu zeigen, dass sie nicht nur mauern können. Mit einem Schuss aus gut 20 Metern traf der eingewechselte Ulan Konysbajew die Latte. Danach musste Manuel Neuer bei einem Schuss des Fürthers Heinrich Schmidtgal aus spitzem Winkel zupacken.

Die Reaktion folgte prompt. Die Deutschen warfen die Kombinationsmaschine wieder an und Müller machte mit seinem Treffer zum 30 alles klar. "Drei Punkte bleiben hängen und das war‘s eigentlich. Wir haben die erste Halbzeit ganz gut gespielt, in der zweiten aber ein paar Nachlässigkeiten drin gehabt, die wir sicher besprechen müssen. Aber ansonsten kann man das Ding hier abhaken und zufrieden nach Hause fahren", bilanzierte Müller lakonisch, aber zutreffend.

Auch wenn das Spiel gegen Kasachstan kaum als ernsthafter Test taugt, kann man voraussagen, dass für Gomez in der Nationalelf schwere Zeiten anbrechen. Seine Fähigkeiten und sein Spielstil garantieren ihm keine Einsatzzeiten mehr. Löw machte nach der Partie klar, dass er die ganze Diskussion um klassische Mittelstürmer und "falsche Neuner" nicht verstehe, schließlich würde die Mannschaft mit einer echten Sturmspitze spielen, nur eben variabler. Auch die Tatsache, dass es kaum klassisch ausgebildete Angreifer in Deutschland gibt, die sich Löw aufdrängen, bereitet ihm angesicht der zahlreicher Hochkaräter im Mittelfeld kein Kopfzerbrechen. Die andere Alternative im Angriff heißt Miroslav Klose, den Löw sehr schätzt. Doch Klose ist mit 34 Jahren schon rein biologisch ein Auslaufmodell.

Oder doch nicht? Die Diskussion wird weitergehen.

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