Nächste Etappe: Kilimandscharo

5. November 2012, 09:05 Uhr

Verena Bentele war der Star des deutschen Behindertensports. Vor einem Jahr hat sie ihre Karriere beendet. Heute hält sie Vorträge - und macht sich für das Thema Inklusion stark. Von Klaus Bellstedt

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Blinde Rekordgewinnerin bei den Paralympics: die ehemalige Biathletin Verena Bentele©

Genau ein Jahr ist ihr Rücktritt vom aktiven Leistungssport jetzt her. Im November 2011 verkündete die von Geburt an blinde Verena Bentele ihr Karriereende - auch weil sie zu dem Zeitpunkt alles gewonnen hatte. Seit 1995 war Bentele als Skilangläuferin und Biathletin Teil der deutschen Nationalmannschaft. Bei den paralympischen Spielen gewann sie insgesamt zwölfmal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze. Fünf der Goldmedaillen holte die Biathletin allein in Vancouver 2010. Sie wurde im selben Jahr mit dem Bambi in der Kategorie Sport ausgezeichnet, 2011 gewann sie den Laureus Sport Award, den Preis als paralympische Weltsportlerin. Die 30-Jährige war und ist immer noch der Star des deutschen Behindertensports.

Bentele ist auch heute noch sportlich. Natürlich. Abtrainieren ist das falsche Wort. Die junge Frau läuft drei Mal in der Woche. Sie fährt Rad. Und natürlich kehrt sie, wann immer es geht, in die Loipe zurück. "Diesen Winter will ich aber auch endlich wieder auf die steilen Pisten. Zu meiner aktiven Zeit durfte ich das wegen der Verletzungsgefahr nicht", sagt Bentele, der es nach ihrem Rücktritt gelungen ist, einen nahtlosen Übergang ins Berufsleben hinzubekommen. Ihre neue Herausforderung ist Kommunikation. Sie hält jetzt Vorträge. Dabei geht es in erster Linie um Motivation. Aber auch um Arbeit im Team und Vertrauen als Trainingsprogramm. Nebenbei absolviert sie eine Ausbildung zum Coach und arbeitet für die Schulsportstiftung.

Nachholbedarf an den Unis

Auch das Thema Inklusion ist ihr ein Anliegen - gerade auch was den Bildungssektor betrifft. Das sei noch viel Luft nach oben, sagt die 30-Jährige. "Behinderte Kinder sollen sich nicht an das existierende Schulsystem anpassen müssen. Der Weg kann nur ein gemeinsamer sein. Beide Seiten, Schüler und Lehrer, müssen von Anfang an in den Gestaltungsprozess mit einbezogen werden." Als Kind hatte Bentele in der Schule Judounterricht. "Der Trainer hat keinen Unterschied zwischen behinderten und nicht-behinderten Schülern gemacht. Es gibt Lehrer, die machen das. Für mich ist das gelebte Inklusion."

An den Universitäten liefe zwar vieles schon besser als früher, aber es herrsche ebenfalls Nachholbedarf. "Studenten mit Behinderungen müssen vieles selber organisieren. Natürlich klappt es nicht immer, sich an Verbesserungsprozessen zu beteiligen. Die Herausforderung besteht darin, gemeinsame Kompromisslösungen zu finden und an einem Strang zu ziehen." Das, betont Bentele, gelte insbesondere auch für den Leistungssport. Dort sieht es diesbezüglich nämlich düster aus.

Immer neue Ziele setzen

"Wir wollen gleich behandelt werden, ebenso wie alle behinderten Menschen in der Gesellschaft", kritisierte die blinde Sportlerin schon 2010 am Rande der Winter-Paralympics die Prämienverteilung der Stiftung Deutsche Sporthilfe. 4.500 Euro erhielten die deutschen Sieger in Vancouver, Goldmedaillen bei Olympia wurden dagegen mit 15.000 Euro entlohnt. Ginge es nach ihr, müsste es eine "Annäherung" zwischen olympischen und paralympischen Sportlern geben. "Ich bin für gemeinsame Wettkämpfe und gemeinsame Verbände. Man sollte immer schauen, was geht, anstatt danach zu suchen, was nicht geht." Es sind klare Worte der studierten Literaturwissenschaftlerin, die ihr eigenes Leben nach genau diesem Grundsatz ausgerichtet hat.

Im Januar will sich Verena Bentele ihren nächsten Traum erfüllen. Dann macht sie eine kleine Pause mit den vielen Vortragsreisen und besteigt mit einer zehnköpfigen Crew, bestehend aus Behinderten und Nicht-Behinderten, den Kilimandscharo. Auch das ist Inklusion. "Man muss sich immer neue Ziele setzen", sagt Bentele. Eine Frau, die in vielerlei Hinsicht zum Vorbild taugt.

Was ist Inklusion? Jeder Mensch erhält die Möglichkeit, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen - und zwar von Anfang an und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter.

 
 
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