24. Juni 2005, 09:58 Uhr

Herr der Gläschen

Mit Bio-Babykost hat der gläubige Katholik Claus Hipp die wohl ungewöhnlichste Erfolgsstory der deutschen Wirtschaft geschrieben.

Als "Bauer mit feinen Händen" beschreibt sich Claus Hipp, 66, hier auf einer Wiese seines privaten Bauernhofs bei Pfaffenhofen. In der Freizeit malt der Unternehmer abstrakte Bilder und spielt Oboe©

Ein Mann hat eine Idee, und er findet die Idee irre gut. Alle sagen: "Der spinnt, der Hipp." Das ist dem Hipp sehr egal. So überzeugt ist er von seiner Idee. So fest glaubt er an sie, und mit dem Glauben kennt Claus Hipp sich als strammer Katholik aus: "Glauben heißt, etwas für wahr halten, was man nicht weiß."

Tja. Inzwischen weiß nicht nur Hipp, dass seine Idee sehr gut war. Er hat es allen bewiesen. Hipp, 66, ist der Herr der Gläschen, der ängstliche Muttis beruhigt einschlafen lässt, weil sie vertrauen: darauf, dass die Firma mit dem quietschbunten Herzchenlogo ihre Babys wahrscheinlich besser versorgt, als sie es mit ihren selbst angebrannten Möhren und dem übergekochten Milchreis könnten. Besser, weil mit Verstand: Ernährungswissenschaftler komponieren Menüs, Agrarwissenschaftler belehren Bauern, Unkraut wird von Hand gerupft, Reis per Minisauger verlesen, wild wachsende Bananen sind satellitenüberwacht, Kälber dürfen bei ihren Müttern saugen. Die Zutaten werden auf 800 Schadstoffe untersucht, bevor sie ins Glas kommen, zusätzlich durchläuft das Endprodukt 260 Kontrollen.

"Dafür stehe ich mit meinem Namen", sagt Hipp in seinen Fernsehspots. Groß ist er, breitschultrig. Chaotisch steht sein schlohweißer Haarkranz vom Kopf ab. Ohne Krawatte und die Budapester an den Füßen wäre er die perfekte Besetzung von Heidis Großvater, dem Almöhi. Als "Bauer mit feinen Händen" würde er sich einem Blinden beschreiben. Claus Hipp bekommt täglich fotogespickte Mutti-Fanbriefe. "Ich lese sie alle selbst", sagt er, der Marktführer. Nach Hipp kommt der Nestlé-Konzern mit der Alete-Kollektion und die ebenfalls zum Unternehmen gehörende Günstigmarke Bebivita.

Hipp hat also bewiesen, dass Öko erfolgreich sein kann. Umsatz 240 Millionen Euro, Gewinn im zweistelligen Millionenbereich, 1000 Mitarbeiter, Betriebsstätten in Deutschland, Kroatien, Ungarn, der Ukraine. 3000 Bauern bewirtschaften 15000 Hektar für Hipp. Eine Million Gläschen rollen täglich in seinem Pfaffenhofener Werk vom Band.

"Stark wird man, wenn man das Rechte tut": Hipp in der Kapelle Herrenrast bei Pfaffenhofen, die er jeden Morgen aufschließt©

Aber dafür gibt es nur den halben Preis. Die andere Hälfte geht an seine Zähigkeit. Für Unternehmer wahnwitzige 32 Jahre lang musste Hipp nämlich darauf warten, dass der Funke seiner Idee auf die Kunden übersprang und sie bereit waren, für Bio etwas mehr zu bezahlen. Es müssen 32 spannungsreiche Jahre gewesen sein: voller Sorgen, Frust - und Hoffnung. In Hipps Erinnerung sind sie verblasst angesichts der dreimal so langen Hipp-Historie.

Weil Claus Hipps Großmutter ihre 1899 geborenen Zwillinge nicht voll stillen konnte, mixte Großvater Joseph, von Beruf Bäcker, aus Kuhmilch und Zwieback einen Babybrei, den er auch seinen Kunden anbot. Claus Hipps Vater Georg machte 1932 daraus ein Unternehmen für Babynahrung. Heute produziert die Firma 207 Artikel, von der Schwangerenergänzungsnahrung "Natal aktiv" bis zum "hippness crisp Müsli". Und Hipp ist nicht nur der bekannteste Bio-Bauer Deutschlands, sondern auch der weltgrößte Verarbeiter von organisch-biologischen Rohstoffen.

War der Weg dorthin auch steinig, so verliert jedenfalls Hipp kein Wort darüber: "Zweifel hatte ich nie", und danke, "ich schlafe gut. Wenn mein Körper fünf Minuten nicht gefordert wird, stellt er auf Schlaf um". Letzteres ein Wesenszug, der ihm noch immer nützlich ist, wenn er mit eitlen Rednern konfrontiert wird. Seine wichtigste Eigenschaft aber ist sein Glauben: "Er ist wie ein Geländer, an dem ich mich festhalten kann."

Auch die Mitte der 50er Jahre noch irre Bio-Idee entspringt seinem Glauben: daran, dass es einen Gott gibt und seine Schöpfung, die Erde, mit ihrem Reichtum an faszinierenden Lebewesen, ausgeklügelten Naturphänomenen und der Fähigkeit, neues Leben hervorzubringen. Dass der Mensch sich die Erde untertan machen soll, wie in Genesis, Kapitel 1, steht, versteht Hipp als Handlungsanweisung: "Wir dürfen keine Schäden machen, die die kommende Generation nicht mehr beseitigen kann." Hipp erklärt das Prinzip Nachhaltigkeit am Beispiel eines Apfelbaums. Man darf sich die Äpfel nehmen, aber nicht den Baum umhauen. Weil, logisch: kein Apfelbaum - keine Äpfel.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 26/2005

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