Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

"Wir sind keine Ökospinner"

Am Dienstag entscheiden 75.000 Gläubiger über die Zukunft des insolventen Ökofinanzierers Prokon. Eine der stärksten Anlegergruppen sind die "Freunde von Prokon". Sie wollen trotz Pleite weitermachen.

  Glauben fest an eine Zukunft von Prokon: Rainer Doemen (links), der Pressesprecher, und Wolfgang Siegel, der erste Vorsitzende der Gläubigergruppe "Freunde von Prokon"

Glauben fest an eine Zukunft von Prokon: Rainer Doemen (links), der Pressesprecher, und Wolfgang Siegel, der erste Vorsitzende der Gläubigergruppe "Freunde von Prokon"

Der Ökofinanzierer Prokon köderte 75.000 Anleger mit hohen Renditeversprechen - und wurde dann zahlungsunfähig. Am Dienstag enscheidet sich auf der Gläubigerversammlung, wie es mit Prokon und dem Geld der Anleger weitergeht. Es dürfte zum Showdown kommen: Carsten Rodbertus, der Prokon-Gründer gegen den die Staatsanwaltschaft mittlerweile wegen Insolvenzverschleppung ermittelt, will den Rettungsplan des Insolvenzverwalters verhindern und diesen abwählen lassen.

Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin weiß dagegen mit DSW, SdK und den "Freunden von Prokon" drei große Gläubigervereinigungen hinter sich. Die Freunde von Prokon sind ein 9000 Kopf starker Zusammenschluss von Gläubigern, die Rodbertus lange unterstützten und sich nun gegen ihn stellen. Die Firma Prokon wollen sie trotz der Pleite weiterführen - und sogar noch mehr privates Geld reinstecken.

Herr Siegel, Herr Doemen, erst haben Sie Ihr Geld in Prokon gesteckt und jetzt auch noch jede Menge Arbeit in den Verein "Freunde von Prokon", um das Geld zu retten. Wünschen Sie sich heute, Sie hätten sich all den Ärger erspart und wären niemals bei Prokon eingestiegen?
Siegel: Nein, die Arbeit im Verein macht unglaublich viel Spaß. Wir haben mittlerweile um die 9000 Mitglieder. Da ist eine Gemeinschaft entstanden von Menschen, die gemeinsam nach einer Lösung für das Problem suchen. Und weil alle ihr Geld da drin haben, sind auch alle sehr ernsthaft mit dabei.
Doemen: Wir Bürger müssen die Energiewende in die Hand nehmen. In den verantwortlichen Gremien der Politik gibt es überhaupt kein Bewusstsein für Klimaschutz. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu der wir unseren Beitrag leisten wollen.

Am Dienstag wird auf der Gläubigerversammlung über die Zukunft von Prokon entschieden. Was erwarten Sie sich davon?


Doemen:

Wir erwarten zunächst einmal, dass die Mehrheit der Gläubiger für das Sanierungskonzept des Insolvenzverwalters stimmt. Danach stellt sich die Frage: Wie kann Prokon in die Zukunft geführt werden. Wenn die Mehrheit das Unternehmen fortführen will, dann sehen wir eine sehr gute Chance, dass Prokon sich neu organisieren kann. Wir prüfen derzeit mehrere Varianten und stehen bereit, neue Konzepte zu entwickeln.

Auf der Versammlung wird auch der abgesetzte Prokon-Gründer Carsten Rodbertus versuchen, seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen.


Siegel:

Es ist ganz klar, dass wir mit Herrn Rodbertus nicht mehr zusammenarbeiten. Die Vorstellungen, die er hat, haben keinerlei finanzielle Grundlage. Er tut so, als könnte alles so weiterlaufen wie bisher. Er will gar nicht wahrhaben, wie viele Verluste und Probleme er hinterlassen hat.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Rodbertus wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung und Betreiben eines betrügerischen Schneeballsystems. Trotzdem halten Sie Prokon weiter für eine gute Idee? Warum?


Siegel:

Die Einsicht, dass Rodbertus nicht der ist für den man ihn gehalten hat, ist schon bitter. Die Freunde von Prokon hängen aber nicht an den acht Prozent Rendite, die Rodbertus versprochen hat. Wir tragen vielmehr die Vision, die er vertreten hat, selber in Kopf und Herz. Wir sind Menschen, denen die Energiewende am Herzen liegt und die dem herkömmlichen Bankwesen sehr skeptisch gegenüberstehen.

Statt der Banken haben Sie Herrn Rodbertus vertraut. Das war ja auch nicht besser.


Siegel:

Rodbertus hat die Idee für sein persönliches Machtstreben ausgenutzt. Das ist uns erst klar geworden, als das Unternehmen schon vor der Insolvenz stand. Die Idee selbst ist aber nicht die von Herrn Rodbertus, er hat sie nur organisatorisch umgesetzt. Jetzt wollen wir die Idee ohne ihn fortsetzen. Wir wollen unser Geld anders anlegen, als das üblich ist, und wir wollen die Energiewende unterstützen.

Kann das Unternehmen denn überhaupt auf einer soliden Basis fortgeführt werden? Die Finanzierung basierte vor allem auf sehr hohen Zinsversprechen und einem stetigen Geldzufluss.


Siegel:

Wir müssen jetzt ein völlig neues Finanzierungskonzept entwickeln. Das wird mit Sicherheit kein Schneeballsystem sein. Es wird auch keine hohen Zinsen mehr geben - die nur gezahlt werden können, wenn immer neues Geld reinkommt - sondern realistische Zinsen. Aber es ist ja nicht so, als ob gar nichts mehr da wäre: Im Unternehmen sind Werte von etwa einer Milliarde Euro vorhanden. Damit lässt sich eine solide Zukunft gestalten.

Glauben Sie nicht, dass die meisten Gläubiger nur schauen, wie viel von ihrem Geld sie retten können und aussteigen, statt ihr Geld im Unternehmen zu belassen.


Doemen:

Wir haben unter den Freunden von Prokon eine Umfrage gemacht und von denen wollen nur zwei Prozent ihr Geld rausziehen. Wir können natürlich nicht für alle Gläubiger sprechen, aber auch in den anderen beiden großen Gläubigergruppen SdK und DSW sind viele, die das Unternehmen fortführen wollen.

Würden Sie denn weiteres Geld in Prokon stecken?


Siegel:

Unsere Mitglieder haben insgesamt knapp eine Million Euro auf ein Konto der GLS-Bank eingezahlt. Das Geld ist dort geparkt und soll in Prokon investiert werden, wenn klar ist, wie es weitergeht. Etwa 30 Prozent unserer Mitglieder sind bereit, weiteres Geld zu investieren.

Manche werden Ihnen sagen, Sie hätten aus der Pleite nichts gelernt und seien realitätsfremde Weltverbesserer.


Siegel:

Bei den Freunden von Prokon gibt es einen Kreis von über 50 Aktiven, da sind Wirtschaftsfachleute und Juristen dabei, wir sind keine Träumer oder Ökospinner. Wir werden sehen, was auf Grundlage der Zahlen machbar ist.

Doemen:

Die Energiewende ist nichts für Visionäre und Spinner, sondern ein weltweit notwendiger Weg. Die 9000 Menschen, die sich bei uns zusammengeschlossen haben, haben das erkannt und ich hoffe, da kommen noch ganz viele dazu.

Interview: Daniel Bakir
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools