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13. Oktober 2005, 14:47 Uhr

Eklige Geschäfte

Eine bayerische Firma soll in großen Mengen für Menschen ungenießbare Schlachtabfälle an Lebensmittelhersteller verkauft haben - ein Fleischskandal von unabsehbarem Ausmaß.

Fleisch

Aufnahmen aus dem Lagerraum der Firma Frost: In riesigen Behältnissen werden Geflügelknochen und genussuntaugliche Karkassen aufbewahrt; sie sind nur für Tierfutter zugelassen

Das Freihafengelände im bayerischen Deggendorf ist ein unwirtlicher Ort. Ein paar gesichtslose Hallen, eine Kläranlage, Ruinen, abweisende Zäune. Industrie-Tristesse. Und über allem ein infernalischer Gestank. Manfred Hanke, der hier einen Teppichhandel betreibt, beschreibt ihn als "grausam". Nicht die Kläranlage sei schuld. Hanke berichtet von "herumliegenden verwesenden Fleischresten", von "krabbelnden Maden" und von "Ratten, groß wie Kaninchen". In Deutschland und Europa bahnt sich ein neuer Fleischskandal an - und wer ihm nachspüren will, kann hier Witterung aufnehmen.

Zum Beispiel, indem man einem der schneeweißen Lastwagen ohne Aufschrift folgt, die ab und zu hier durchfahren. Wobei Vorsicht geboten ist: An der deutsch-österreichischen Grenze bei Braunau hat jüngst ein Zöllner den Fahrer eines solchen 20-Tonners mit dem Kennzeichen DEG F 1566 aufgefordert, den Laderaum zu öffnen. Als der sich weigerte, hat es der Zöllner selbst gemacht - und wurde überschüttet von einem gewaltigen Blutschwall.

Im Inneren des Lkw stapelten sich kubikmetergroße Kisten, in denen Geflügelreste schwappten. Köpfe, Füße und so genannte Karkassen. Das sind Gerippe von Hühnern, die nach ihrer maschinellen Schlachtung und Zerlegung übrig bleiben; denn immer öfter verlangt der Verbraucher nicht das ganze Hendl, sondern nur Brust oder Schenkel. Die Schlachtabfälle stammten aus einem österreichischen Betrieb und waren für den Kunden Nr. 1310 ordnungsgemäß deklariert: "Nicht für den menschlichen Verzehr geeignet, Schlachtnebenprodukte Kategorie 3 Material".

Nach der BSE-Krise wurde die Hygiene im Schlachthof neu definiert. Alles, was nicht in die menschliche Ernährung gelangen darf - amtlich: "tierische Nebenprodukte" -, wird in besonderen Behältern und einem so genannten Konfiskat-Raum gesammelt. Nebenprodukte der Kategorie 1 oder 2 sind dabei von vornherein infektionsverdächtig oder mit Pharmarückständen belastet. Dazu zählen Wirbelsäulen und Nervengewebe von Wiederkäuern, die als BSE-Auslöser gelten. Diese Materialien dürfen nicht mehr zu Tiermehlfutter verarbeitet werden. Meist werden sie verbrannt. Übrig bleiben Nebenprodukte der Kategorie 3: Knochen, Schwarten, Innereien, nicht ansteckend kranke Tiere und anderes, das beim Schlachten und später beim Transport aus der Kühlkette herausgenommen wird. Dieses Material darf prinzipiell als Tierfutter verwendet werden. Aber auch nur für Zootiere oder Hunde und Katzen und nicht für Nutztiere, die oder deren Produkte der Mensch später verzehrt.

Der schneeweiße Lkw - mit Ladung der Kategorie 3 - setzt nach der Grenzpassage seinen Weg üblicherweise fort in den Deggendorfer Freihafen. Dort hält er vor einer großen weißen Halle, die ebenfalls keine Aufschrift trägt. Mit dem Heck rangiert der Fahrer so an die Laderampe, dass ein leichtes Gefälle zum Fahrerhaus hin entsteht. So kann beim Entladen kein Blut herausschwappen. Vor der Halle steht ein blauer Büro-Container. An der Tür ein Zettel mit der Aufschrift "Deggendorfer Frost GmbH".

Die Deggendorfer Frost ist kein Lebensmittelbetrieb. Sie hat nur eine Zulassung nach dem Tierkörperbeseitungsgesetz als "Zwischenbehandlungsbetrieb für Material der Kategorie 3". Seit der Kategorieneinteilung durch die EU im Oktober 2002 (Verordnung 1774) sind zahlreiche Betriebe dieser Art gegründet worden - sehr zur Freude der Schlachthöfe, die vorher wegen des Tiermehlverbots ein gewaltiges Entsorgungsproblem hatten. Mittlerweile raufen sich hierzulande 138 K3-Betriebe um die Schlachtabfälle, 54 davon allein in Bayern. Angeblich sind russische Pelzfarmen mit Hunderttausenden von Nerzen die Hauptabnehmer der deutschen und europäischen Tierfuttersammler; kontrolliert wird der neue Geschäftszweig offenbar kaum.

Die Deggendorfer Frost jedoch und ihren Geschäftsführer Rolf Keck, 39, haben Ermittler seit Monaten im Visier. Nicht weil sie glauben, dass Kecks gesammelte Schlachtabfälle illegal an Kühe und Schweine verfüttert werden. Viel schlimmer: "Es gibt Beobachtungen, die den Schluss zulassen, dass genussuntaugliche Waren umdeklariert wurden zu Waren für den menschlichen Verzehr", so Johann Kreuzpointner von der Staatsanwaltschaft Memmingen, die gegen Rolf Keck ein Strafverfahren (Aktenzeichen 116 Js 11738/05) eingeleitet hat.

Mit anderen Worten: Abfälle, die das liebe Vieh wegen BSE nicht mehr fressen darf, landeten offenbar auf unseren Tellern. In Gestalt von Wurst und Götterspeise oder anderen Lebensmitteln - die Liste der möglichen Produkte ist groß; von den Geflügelkarkassen wird maschinell das letzte Fitzelchen Gewebe abgelöst und das weit verbreitete Separatorenfleisch gepresst; und aus Schwarten wird die Allround-Zugabe Gelatine gewonnen.

Ins Rollen kam das Verfahren an der schweizerischen Grenze. Zollbeamten war aufgefallen, dass aus der Schweiz immer mehr "ungenießbare Waren tierischen Ursprungs" nach Deutschland importiert wurden. Nach dem BSE-Krisenjahr 2000 hatte sich die Tonnage zeitweise verzehnfacht, unter anderem jede Menge Geflügelkarkassen und Schweineschwarten. "Wir haben uns gefragt: Wozu braucht man das Zeug?", sagt Günther Herrmann, Chef der Zollfahndung Lindau.

Als Herrmann hörte, dass einer der Importeure die Deggendorfer Frost war, "haben meine Alarmglocken geklingelt". Denn Rolf Keck ist für Zoll und Justiz kein Unbekannter. Im Oktober 2003 wurde er wegen Fleischbetrügereien zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und 36 000 Euro Geldstrafe verurteilt. Laut rechtskräftigem Urteil des Landgerichts Augsburg hat er in den 90er Jahren versucht, durch Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung bei Fleischim- und -export Zusatzgeschäfte zu machen, und dabei auch zwei Zollbeamte bestochen. Einer der vom Dienst suspendierten Beamten ist mittlerweile bei Keck angestellt.

Auch in der Fleischbranche hat Keck die richtigen Freunde. Christian Scharbatke, einer der Anwälte, die ihn damals verteidigten, war zugleich selbst Fleischhändler und saß im Vorstand des Bundesfachverbandes Fleisch. Inzwischen sitzt er wegen des Verdachts des Subventionsbetrugs und der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe im Bielefelder Untersuchungsgefängnis. Vor seiner Verhaftung im September war er bei Keck untergetaucht.

Feinde aber hat sich Keck auch gemacht. Vergangenes Jahr ließ ihn Klaus Pieper, mit Excellence Trading groß im Ostgeschäft, per Mail wissen: "Rolf, ich fühle mich von Dir derart beschissen." Keck habe ihm "für Russland altes, aber steinaltes Schweinefleisch verladen". Pieper schließt mit der Drohung: "Bei Deiner nächsten Gerichtsverhandlung sage ich die Wahrheit, das verspreche ich Dir."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 42/2005

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