Die Maut treibt Lkws auf gebührenfreie Nebenstraßen. Vielen Orten droht der Verkehrsinfarkt. Dabei gibt es kluge Konzepte gegen Lärm und Stau.

Täglich rollen eine Million Lastwagen auf überlasteten Straßen und Autobahnen durch Deutschland - hier über die Köhlbrandbrücke in Hamburg© Matthias Jung
Es ist drei Uhr nachts, als Thomas Ring aus dem Schlaf gerissen wird. "Was ist denn hier los?", wundert sich der 44-Jährige. Ein 40-Tonner donnert am Schlafzimmerfenster vorbei. Dann noch einer. Es werden immer mehr. Ring ist Verkehrslärm gewöhnt. Er lebt an der Bundesstraße 1 in Denstorf bei Braunschweig. Doch solch eine Invasion hat er noch nie erlebt. Die Zeit der Lkw-Maut beginnt - und die Lebensqualität der Rings ist dahin.
Das war im Januar. Acht Monate später ist alles noch viel schlimmer. Heute fahren viermal mehr Lastwagen durch Denstorf als vor der Maut. Durchschnittlich alle 45 Sekunden ein Truck, rund um die Uhr. Wegen 5,50 Euro. So viel Wegezoll sparen Fahrzeuge über zwölf Tonnen, wenn sie von Braunschweig nach Hildesheim über die B 1 fahren statt über die Autobahn. Eine Ausweichroute für ein Gewerbe, in dem jeder Cent zählt.
Die Nerven der Rings liegen blank. "Wir wollen, dass es wieder so wird wie vor der Maut", sagt Ehefrau Karin. Gemeinsam mit anderen Anrainern kämpfen sie für ein Lkw-Fahrverbot, zumindest nachts. Die Chancen stehen schlecht. Die B 1 ist nicht dabei, wenn ab 2006 einige Ausweichstrecken in die Mautpflicht genommen werden sollen. Zwei Kilometer entfernt in Vechelde erläutert Bürgermeister Hartmut Marotz, 57, lauthals die Lage. Lärm brüllt von der B 1 hinauf in seine Amtsstube. Mit Wucht rüttelt der Schwerlastverkehr am Rathaus. Daumenbreite Risse tranchieren die Außenwand. An der Kreuzung, wo sich die B 1 und die B 65, ein weiterer Mautschleichweg, treffen, haben sich lange Autoschlangen gebildet. Mal wieder.
SPD-Mann Marotz will rechtfertigen, was sein Genosse Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe mit der Maut angerichtet hat. "Wir müssen die Duldungsgrenze nach oben erweitern", kommentiert der Bürgermeister die Klagen der entnervten Anwohner. Eine Umgehungsstraße soll Abhilfe schaffen. Aber dagegen klagen zehn Bürger vom Stadtrand - weil die den Lkw-Krach fürchten.
In Deutschland reißt der Strom von Transportern nicht mehr ab. Eine Million Lkws rollen täglich über die Straßen, fast die Hälfte davon trägt ein ausländisches Nummernschild. Nach Schätzung der Bundesregierung steigt das Aufkommen in den kommenden zehn Jahren um weitere 25 Prozent. Noch zu Jahresbeginn hatte Verkehrsminister Stolpe versprochen: "Mit der Maut können wir den Verkehr entzerren und die Straßen um bis zu 25 Prozent entlasten."
Doch Gebühren lösen nun mal stets den Reflex aus, sie zu umgehen. In Österreich hat der Lkw-Verkehr auf Bundesstraßen seit Einführung der Maut um rund ein Drittel zugenommen. Die Schweiz, die für Lkws ein rund viermal höheres Kilometergeld als Deutschland erhebt, vertrieb die Transitreisenden in die billigeren Nachbarländer Österreich und Frankreich. Die Lastwagen machen zudem immer mehr Strecke - bei kaum steigender Tonnage. Verkehrsforscher taxieren die Zahl der Leerfahrten auf bis zu 40 Prozent. Vor allem der Lieferverkehr wächst rasant, weil das Internet-Einkaufsgeschäft floriert.
Vor diesem Hintergrund entpuppt sich die Lkw-Maut (durchschnittlich 12,4 Cent pro Kilometer) als ein stupides Inkassosystem. Ungeeignet, den wachsenden Verkehrsfluss in die richtigen Bahnen zu lenken. "Ihre regulierende Wirkung geht in weiten Teilen gegen null", sagt der Logistikexperte Peter Klaus, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Nürnberg. Da werde auch die jetzt diskutierte Idee wenig helfen, die Maut auf mehr Straßen zu erheben und sie zugleich nach Fahrzeug, Strecken und Tageszeiten zu staffeln.
Auf dem Highway ist längst die Hölle los. So nehmen gegen den allgemeinen Trend Unfälle mit Kleinlastwagen und Sattelschleppern zu. In Brandenburg steigen die Unfallzahlen von osteuropäischen Trucks zweistellig. Verkehrsforscher Michael Schreckenberg, 48, beschreibt die Lage auf den Autobahnen so: "Lkws fahren immer am Limit." Mitte Juli stellte die Polizei auf der A 4 bei Gummersbach einen spanischen Lkw-Fahrer - bei Tempo 140. Die ABS-Bremsleitung war zum Spritkanal für einen Zusatztank umfunktioniert. Als die Beamten die Tachoscheibe verlangten, schluckte der 27-jährige Fahrer sie hinunter.
Übernommen aus ...
Ausgabe 35/2005