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23. November 2008, 15:01 Uhr

Der große Etikettenschwindel

Er schmückt sich mit Prominenten, und Prominente schmücken sich mit ihm. Für einen Abend mit Hardy Rodenstock zahlen Kenner große Summen. Er serviert echt uralte Weine - wenn man den Etiketten trauen darf. Das war mindestens einmal nicht der Fall. Nach stern-Recherchen hat Rodenstock Aufkleber jahrelang nachdrucken lassen. Von Stephan Draf, Bert Gamerschlag und Jörg Zipprick

Wein, Betrug, Fälschung, Etikett, Rothschild, Hardy Rodenstock

Hardy Rodenstock setzte für seine Druckaufträge all seinen Charme ein© Imago

Die Nummer mit dem Gerhard weiß der Toni noch genau. Am 19. Februar 1999 packte der Hamburger Gastronom Anton Viehhauser Karaffen, Korkenzieher und Gläser ein und fuhr nach Hannover. Er sollte den Sommelier machen - für den Kanzler. Es wurde ein lustiger Abend mit ziemlich viel altem Wein, und am Ende war es nach Viehhausers Erinnerung so, dass Schröder mit jovialer Geste auf ihn zusteuerte; er hatte noch einen alten Cognac entdeckt, ungeöffnet.

Wär es nach Viehhauser gegangen, wäre die Flasche zu geblieben, doch Schröder insistierte, und für das Kanzler-Du im Gegenzug - "bei einem solchen Angebot hatte ich natürlich keine Argumente mehr" - griff der Sommelier zum Korkenzieher. Gastgeber an jenem Abend, so Viehhauser, sei der Weinhändler Hardy Rodenstock gewesen. Der habe dem Kanzler die Altweinprobe geschenkt. Rodenstock und Schröder seien ebenfalls per Du.

Das nennt man Beziehungen. Im Grunde wäre es Privatsache, mit wem ein Kanzler ein Gläschen hebt, hätte Gastgeber Rodenstock nicht stets gezielt die Nähe der Prominenz gesucht und genutzt, als Ausweis seiner Wertschätzung in den besseren Kreisen. Mit manchen Verbindungen nach ganz oben - der zu Schröder etwa - ging er recht dezent um, andere wurden umgehend auf den Klatsch- und Gesellschaftsseiten breitgetreten.

Der Indiana Jones der Flaschen

Hardy Rodenstock, 67, ist Deutschlands bekanntester und dabei verschwiegenster Weinhändler, er ist der meistbeneidete Weinaufspürer der Welt, der Indiana Jones der Flaschen, der uralte Weine an geheimnisvollen Orten aufgespürt haben will, in den schwülen Breiten der venezolanischen Tropen ebenso wie in den eisigen Längen der ruhmreichen Sowjetunion, als es sie noch gab. So stark hat er die Welt der Weinraritäten geprägt, dass der Begriff Weinrarität und der Name Rodenstock zusammengehören wie Brigitte und Bardot.

Rodenstock hat die Flaschen dem Vergessen entrissen, auf dass sie von meist deutschen, amerikanischen und chinesischen Neureichen gegen gutes Geld geleert würden - oder gebunkert, als Wertanlage. Denn die staubigen Bouteillen kosten richtig Geld: Ein einziges Fläschchen 1900 Château Margaux wird derzeit locker für 7000 Euro gehandelt, für seltenere Magnumflaschen (1,5 Liter) desselben Jahrgangs werden mindestens 25.000 Euro fällig, und Großflaschen sind Rodenstocks Spezialität. Die Erlöse aus 25 Jahren Weinverkauf dürften problemlos im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich liegen.

Gemunkelte Zweifel am Dauerglück beim Auffinden uralter Weine gab es schon lange. Laut wurden sie im vergangenen Jahr, nachdem der amerikanische Weinsammler William Koch in New York gegen Rodenstock vor Gericht gezogen war. Der Deutsche, so der Vorwurf, sei ein international agierender Fälscher (stern Nr. 12/2007). Rodenstock bestreitet das. In Manhattan kommt es jetzt zum Prozess.

Nachgemachte Etiketten

Recherchen des stern haben nun ergeben, dass Rodenstock abgelöste Etiketten von uralten Weinflaschen nachdrucken ließ - und zwar nicht nur einmal, sondern jahrelang. Das weckt die Frage: Tragen Weinschätze aus Rodenstocks Handel nachgemachte Etiketten und wenn ja, was bedeutet das?

Ob auch die deutsche Justiz gegen den Mann ermitteln wird, ist unklar, denn der Nachdruck von Weinetiketten allein ist strafrechtlich nicht relevant. Wichtiger ist da, dass Kunden, die bei Rodenstocks kostenpflichtigen Verkostungen Weine aus Flaschen mit zweifelhaften Etiketten tranken und dafür ein Heidengeld ausgaben, sich betrogen fühlen und klagen wollen.

Die Umstände des Etikettennachdrucks kamen ans Licht, als stern-Redakteure im April unangemeldet an der Tür eines bescheidenen Hauses im hessischen Bad Marienberg klingelten. Es öffnete eine Frau um die 50, Kurzhaarschnitt, unprätentiös, gepflegt. Ob sie sich erinnern könne, mal für einen Hardy Rodenstock Weinetiketten gedruckt zu haben? Heide Sanner, geb. Kluth, blickte sekundenlang still in die Augen der Besucher, sagte ruhig Ja und öffnete die Türe dann ganz.

Warum im Westerwald?

Ab Mitte der 70er Jahre hatte der Raritätenhändler mal mit, mal ohne Anmeldung in jenem Bad Marienberg im Westerwald gelebt - selbst dann noch, als er längst Weltruhm erlangt hatte und mondäne Adressen in München und Kitzbühel, in Monte Carlo, Bordeaux und Marbella hatte. Wozu noch Bad Marienberg?

Nun, dort gab es eben die kleine Familiendruckerei Kluth. Heide Sanner gab Auskunft darüber, wie Rodenstock beim elterlichen Betrieb jahrelang mit den Etiketten französischer Altweine erschien und deren Nachdruck beauftragte: "Mein Bruder Rüdiger war der Reprofotograf, er hat die wichtigsten Arbeiten gemacht."

Das Druckgewerbe ist eine gnadenlose Branche, in der die Betriebe um minimale Gewinne ringen. Ein lukrativer Kleinauftrag kann eine Firma retten, ein großer, schlecht kalkulierter kann sie ruinieren. Da nimmt man, was man kann. Das war auch in den 80er Jahren schon so. Firmenchef Hans Kluth, Heide Sanners Vater, starb den Stresstod an der Druckmaschine. Seine Tochter führte den Laden zusammen mit ihrem Mann, bis auch der starb. Am 8. Dezember 1987 schloss sie den Betrieb.

Kunde wohl über sieben Jahre

Bis dahin war Familie Kluth Rodenstocks Etikettenquelle, wohl über einen Zeitraum von sieben Jahren. Da lässt sich manches drucken. Rodenstock bestätigt zwar, Kluth-Kunde gewesen zu sein - jedoch nur für andere Aufträge: "Ich habe niemals Weinetiketten bei der Druckerei Kluth in Bad Marienberg drucken lassen", erklärte er gegenüber dem stern und fügte an: "Meines Wissens sind Frau und Herr Kluth inzwischen verstorben."

Da hat er recht, aber andere Mitglieder der Familie und ehemalige Angestellte leben noch, und nach deren Aussage war der Betrieb so organisiert, dass Heide Sanner die Finanzen regelte. Zwei Angestellte, deren Aussagen dem stern ebenfalls vorliegen, erledigten den Druck. Sie berichten: "Zum Teil haben wir altes Papier dafür verwendet, das waren alte Lagerbestände, die schon lange im Keller lagen und vergilbt waren. Die Etiketten sollten möglichst nicht neu aussehen." Einer der beiden weiß noch, oft habe es sich um Etiketten mit dem Aufdruck "Rothschild" gehandelt. Die Druckvorlagen erstellte der junge Rüdiger Kluth, der die Finessen der Reprofotografie beherrschte.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 47/2008

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