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29. Mai 2004, 10:37 Uhr

Wunderbohne im Zwielicht

Sie gilt als Cholesterin-Senker, Krebs-Schützer und als Jungbrunnen. Wegen ihrer vielen positiven Eigenschaften wurde die Soja-Bohne gerühmt. Doch jetzt gibt es erstmals ernsthafte Zweifel am Nutzen der Hülsenfrucht.

Soja gilt als wahre Wunderbohne, doch der Verdacht von möglicherweise schädlichen Wirkungen verstärkt sich© Karen Ducey/AP/Indianapolis Star

Sie gilt als wahre Wunderbohne und wird vor allem Frauen als Jungbrunnen angepriesen: Soja soll das schädliche Cholesterin senken, vor Krebs schützen, vor allem aber eine ebenso sanfte wie wirkungsvolle Alternative zur höchst umstrittenen Hormonersatztherapie in den Wechseljahren sein. Doch jetzt gibt es erstmals ernsthafte Zweifel am Nutzen der Hülsenfrucht: Forscher der Universität Karlsruhe fanden heraus, dass Soja der Gesundheit unter Umständen auch schaden kann. Sogar mit Krebs wird die Pflanze in Verbindung gebracht.

Hormonersatzmedikamente stehen unter Beschuss

Nach Angaben des Berufsverbandes der Frauenärzte befinden sich in Deutschland derzeit rund zehn Millionen Frauen in den Wechseljahren, und nur bei 20 bis 30 Prozent verläuft die Hormonumstellung beschwerdefrei. Bei der überwiegenden Mehrheit dagegen reduziert die verminderte Produktion von Östrogen und Progesteron die Lebensqualität: Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen gehören zu den häufigsten Beschwerden der Menopause.

Noch immer greifen Millionen Patientinnen in dieser Lebensphase zu Hormonmedikamenten. Doch inzwischen zeigen sich viele Frauen alarmiert von den Ergebnissen mehrerer Studien, wonach die Therapie das Risiko für Brustkrebs, Schlaganfall, Herzinfarkt, Alzheimer, Thrombosen und Lungenembolie deutlich erhöht. Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat ihre Empfehlungen mittlerweile aktualisiert: Nur bei starken Beschwerden und auch nur so lange wie unbedingt erforderlich soll der Hormonersatz eingenommen werden.

Soja enthält hohe Konzentration von Phytoöstrogenen

Bei der Suche nach schonenderen pflanzlichen Alternativen steht Soja schon lange im Blickpunkt. Bereits in den 80er Jahren war Wissenschaftlern aufgefallen, dass Japanerinnen in der Menopause wesentlich seltener unter Hitzewallungen und Knochenschwund leiden als europäische Frauen. Zurückgeführt wurde dies auf die traditionell sojareiche Ernährung in dem asiatischen Land. Welcher Inhaltsstoff der Pflanze jedoch für die positive Wirkung verantwortlich sein soll, ist nach Angaben der Forscher bis heute weitgehend unklar.

Unstrittig ist lediglich, dass Soja hohe Konzentrationen an so genannten Phytoöstrogenen enthält, die ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östradiol wirken. Die Wissenschaftler des Karlsruher Uni-Instituts für Lebensmittelchemie und Toxikologie untersuchen derzeit, was genau im Körper geschieht, wenn diese Stoffe mit der Nahrung aufgenommen werden. Geprüft wird vor allem, welche Zwischen- und Endprodukte beim Abbau der Phytoöstrogene entstehen und welche Wirkung sie haben. Die ersten Ergebnisse sind beunruhigend: Einige der Zwischenprodukte ähneln bekannten Krebs erregenden Stoffen, wie Institutsleiter Manfred Metzler berichtet.

Warnung vor hoch dosierten Präparaten

Die Experten testeten unter anderem die Effekte der Pflanzeninhaltsstoffe auf das Verhalten der so genannten Mitose-Spindel, die eine entscheidende Rolle bei der Zellteilung im Körper spielt. Tatsächlich stellten die Forscher fest, dass drei der in Soja enthaltenen Phytoöstrogene diesen Mechanismus so stören, dass sich das genetische Material ungleichmäßig verteilt. "Das heißt, dass diese Substanzen und einige ihrer Abbauprodukte potenziell Krebs erregend sind", sagt Metzler. Allerdings sei der Effekt bisher nur in einzelnen Zellen beobachtet worden. Ob sich die Ergebnisse auf den gesamten Organismus übertragen ließen, müsse noch an Tieren untersucht werden.

Bis die endgültigen Resultate der Studie vorliegen, rät der Toxikologe zur Zurückhaltung vor allem beim Konsum hoch dosierter Sojapräparate. Die mit der normalen Ernährung aufgenommenen Mengen an Phytoöstrogenen seien dagegen höchst wahrscheinlich unbedenklich, betont Metzler. Vermutlich würden die Substanzen so schnell entgiftet und ausgeschieden, dass ihre potenziell schädliche Wirkung auf das Erbmaterial gar nicht zum Tragen komme. In den USA aber seien längst spezielle Soja-Präparate auf dem Markt, die das 20fache jener Phytoöstrogen-Menge enthielten, die selbst eine Japanerin im Durchschnitt pro Tag zu sich nehme, warnt der Professor: "Das könnte tatsächlich gefährlich werden."

Froben Homburger, AP

 
 
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