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6. November 2003, 10:51 Uhr

Leichen im Keller

Seit es seine umstrittene Ausstellung Körperwelten gibt, muss sich der Heidelberger Anatom Gunther von Hagens die Frage stellen lassen: Woher kommen die Toten, die er konserviert? stern-Reporter recherchierten in Kirgisien - und machten grausige Entdeckungen.

Durch von Hagens' Konservierungsverfahren ist das Gewebe des Toten in allen Feinheiten erhalten. Weltweit haben, so von Hagens, bisher mehr als 13 Millionen Besucher die Ausstellung gesehen© dpa

Bei Narynbaj Mamakejew klingelte das Telefon. Es war die Nachbarin seines Bruders Keneschbek. "Dein Bruder ist weg", rief sie. "Er ist vor zwei Tagen aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekehrt." Sofort machte sich der damals 65-jährige Rentner auf die Suche im winterlich-kalten Bischkek, der Hauptstadt Kirgisiens. Er fragte bei Verwandten und Freunden, fuhr von Krankenhaus zu Krankenhaus, ging zur Polizei und gab eine Vermisstenanzeige auf. Niemand wusste etwas. Die Zeitung druckte ein paar Tage später ein Foto des Verschollenen, das Fernsehen bat um Hilfe. Keneschbek blieb verschollen.

Drei Jahre später die erste Spur. "Wir haben Neuigkeiten über Ihren Bruder", teilte ein Parlamentsabgeordneter mit. Ermittler des Innenministeriums waren auf Unregelmäßigkeiten in der Medizinischen Akademie in Bischkek gestoßen, bei einer Durchsuchung hatten sie eine Totenliste aus dem Jahr 2000 gefunden. Der Vermisste stand an zweiter Stelle. Laut Krankenakte hatte ein Rettungswagen ihn am Abend seines Verschwindens mit einem schweren Schlaganfall ins 4. Krankenhaus der Stadt eingeliefert. Vier Tage später war er gestorben, ohne dass irgendjemand informiert worden wäre.

Zentrale des Grauens

Aufgewühlt fuhr Mamakejew zur Medizinischen Akademie. "Wir können ihren Bruder heute nicht herausgeben", sagte ein Mitarbeiter lakonisch, "er ist tiefgefroren." Weil Mamakejew beharrte, führte man ihn in den Keller. Dort trieben Dutzende tote Körper in großen Becken, in der Kühlkammer stapelten sich Leichen. "Bitte", bekam Mamakejew zu hören, "suchen Sie sich einen aus."

Was der Mann damals noch nicht ahnte: Er stand mitten in der Zentrale des Grauens, aus der der deutsche Anatom Gunther von Hagens jahrelang Material für seine umstrittenen Leichenkonservierungen bezogen hatte. Mit der Ausstellung "Körperwelten", in der er durch Plastik haltbar gemachte Tote zeigt, tourt er seit 1996 um den Globus. "13 Millionen Besucher", so von Hagens, hätten seine plastinierten Leichen inzwischen gesehen. Von Japan über Korea bis München, Köln, Hamburg und demnächst Frankfurt - die makabre Show zieht die Massen an und ist höchst lukrativ. Für zwölf Millionen Euro hat von Hagens mittlerweile im chinesischen Dalian eine "Plastination City" gebaut, in der aus Toten Kunststofffiguren werden.

In der Gerichtsmedizin in Bischkek lagern Leichen, die Fahnder im Keller der Medizinischen Akademie gefunden hatten© Sergey Maximishin

Seit den ersten Ausstellungen muss sich der Mann mit dem Beuys-Hut fragen lassen, woher die vielen Leichen kommen, die er so perfekt konserviert und mit künstlerischem Anspruch modelliert. Immer wieder hat er versichert, dass die Menschen, aus deren Körpern er seine "Gestalt-Plastinate" formt, zu Lebzeiten eine Einverständniserklärung unterschrieben hätten. Diese "Körperspende" (von Hagens) ist sein Freifahrtschein ins ethische Grenzgebiet.

Doch wer sich in der Medizinischen Akademie in Bischkek umschaut, mit der von Hagens eng zusammenarbeitet, bekommt Zweifel an der von ihm behaupteten Freiwilligkeit. Inzwischen untersucht neben der Polizei auch ein kirgisischer Parlamentsausschuss die Herkunft der Toten. Hauptvorwurf: unerlaubter Leichenexport.

In der weitgehend muslimischen Ex-Sowjetrepublik müssen alle Verstorbenen, deren Todesursache unklar ist, obduziert werden. Doch bei einer Razzia fanden die Fahnder im Keller der Medizinischen Akademie stapelweise zusammengefrorene Leichen, die nicht nur nicht untersucht waren, sondern teilweise sogar noch bekleidet - und zum Teil schon seit zwei Jahren dort lagerten. In 110 Plastikfässern schwammen menschliche Reste: ganze Organkomplexe von der Zunge bis zum Darmausgang, vom Rumpf getrennte Köpfe, einzelne Arme - Herkunft unklar. "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt der Leiter der Bischkeker Gerichtsmedizin, Bakytbjek Turdalijew. "Solche Bilder kennt man sonst nur aus Auschwitz."

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