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10. März 2010, 08:30 Uhr

Wenn die Stimme versagt

Im Alltag sind wir darauf angewiesen, dass unsere Stimme funktioniert. Vor allem für Menschen in Sprechberufen wie Lehrer ist sie extrem wichtig. Doch gerade diese Berufsgruppe hat häufig mit Stimmproblemen bis hin zum Stimmverlust zu kämpfen - ein traumatisches Erlebnis, das einfach vermieden werden könnte. Von Lea Wolz

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Etwa fünf Prozent der Bevölkerung erkranken einmal in ihrem Leben an einer Stimmstörung© Colourbox

"Tokio-Hotel"- Sänger Bill Kaulitz hatte sie. Ebenso wie der mexikanische Star-Tenor Rolando Villazón oder Sängerin Sarah Connor. Und sogar in den Akten des Dritten Reiches findet sich ein Hinweis, dass auch Hitler davon betroffen war: eine Zyste oder einen Polyp auf den Stimmlippen. Belasten wir unsere Stimme zu sehr oder gebrauchen sie falsch, kann es sein, dass sich das Gewebe der Stimmlippen verändert und diese nicht mehr regelmäßig schwingen. Schlimmstenfalls bleibt die Stimme komplett weg.

Etwa sechs Prozent der Bevölkerung erkranken einmal in ihrem Leben an einer Stimmstörung. Noch häufiger sind Menschen betroffen, die in ihrem Beruf besonders auf ihre Stimme angewiesen sind, bei etwa einem Viertel aller Berufstätigen ist das der Fall. Sänger, Schauspieler, Mitarbeiter in Call-Centern, Pfarrer, Erzieher und vor allem Lehrer zählen dazu. "Etwa 30 Prozent aller Lehrer haben im Laufe ihrer Schulkarriere Stimmprobleme, die sie zeitweise arbeitsunfähig machen", sagt der Sprechwissenschaftler Norbert Gutenberg von der Universität des Saarlandes, der seit Jahren zum Thema Lehrerstimmen forscht. Studien kommen sogar auf bis zu 50 Prozent. Versagt bei den Pädagogen die Stimme, fehlt ihnen ihr wichtigstes Werkzeug.

Stimmtraining schon im Studium

Der Hamburger Gymnasiallehrerin Lena Klein (Name von der Redaktion geändert) brach die Stimme zum ersten Mal zehn Tage vor ihrem Examen komplett weg. Unter ihrem richtigen Namen will sie über ihre Stimmprobleme nicht sprechen, da sie Angst hat, dann als wenig belastbar abgestempelt zu werden. Die mittlerweile 36-Jährige plagte sich immer wieder mit Erkältungen und Kehlkopfentzündungen. "Anderen schlägt der Stress auf den Magen, bei mir zeigt er sich im Halsbereich", sagt sie. Zweimal konnte sie gar nicht mehr sprechen, musste ihre Stimme schonen. Belegt, rau, flach und leise habe diese zweitweise geklungen. Für die Englisch- und Religionslehrerin ein traumatisches Erlebnis. Denn über 30 Schüler mit einer kaputten Stimme in Schach zu halten, ist schwierig. "Jeder Versuch, laut zu reden, war schmerzhaft", erinnert sie sich.

Viele Stimmprobleme bei Lehrern könnten vermieden werden, wenn der richtige Gebrauch der Stimme schon in der Ausbildung geübt würde, ist sich Sprechwissenschaftler Gutenberg sicher. "Jeder Lehramtsstudent müsste einen Test machen, bevor er mit dem Studium beginnt", fordert er. Bei Bedarf solle dann ein Semester lang ein Stimmtraining angeboten werden. An manchen Universitäten ist das heute schon möglich, Pflicht ist es allerdings nicht. Daher krächzen sich noch immer viele Lehrer durch den Unterricht. Mit Folgen für Aufmerksamkeit und Leistung der Schüler: Hat der Lehrer eine Stimmstörung, merken sich die Kinder weniger und schneiden in Tests schlechter ab, haben Forscher der Universität Manchester herausgefunden.

Rechtzeitig zum HNO-Arzt

"Heiserkeit ist ein Zeichen, das etwas mit der Stimme nicht stimmt", sagt der Berliner Stimmchirurg Tadeus Nawka. "Dauert sie länger als drei Wochen an, würde ich zum Arzt gehen", rät er. Grob werden Stimmstörungen in funktionelle und organische unterteilt, wobei häufig ein Wechselspiel zwischen beiden besteht. Zu den organischen zählen Stimmlippenödeme, -polypen, -lähmungen oder die sogenannten Schreiknötchen, kleine Schwellungen am Rand Stimmlippen, die durch einen falschen Gebrauch der Stimme entstehen und auch als "Hühneraugen der Stimmlippen" bezeichnet werden. "Sie treten vor allem bei Menschen auf, die viel sprechen, bei Lehrern und Sängern zum Beispiel, aber auch bei Kindern, die lange schreien", sagt Nawka. Um organische Stimmstörungen zu behandeln, ist häufig ein chirurgischer Eingriff nötig. "Bei der Operation wird das überschüssige Gewebe abgetragen, wobei eine möglichst kleine Wunde zurückbleiben soll", erklärt der Stimmchirurg. Denn Narbengwebe ist nicht so beweglich und schon minimale Veränderungen können den Schwingungsablauf der Stimmlippen stören.

Neben den organischen Ursachen kann auch ein falscher Gebrauch die Stimme ruinieren. Fehlhaltungen und zu viel Anspannung zählen dazu. "Die prominenteste Personengruppe mit funktionellen Stimmstörungen sind die Lehrer", sagt die Hamburger Logopädin Karen Grosstück. Um sich gegen laute Klassen durchzusetzen, spannen sie sich an, sprechen mit mehr Druck - und setzen ihre Stimme häufig falsch ein. Einige Zeit geht das gut, doch wer immer 50 im ersten Gang fährt, macht den Motor irgendwann kaputt. "Auch Erzieher erleiden mit ihrer Stimme häufig Schiffbruch", sagt die Logopädin. "Der Wechsel zwischen Sing- und Sprechstimme und die erhöhte Stimmlage, in der sie mit den Kindern sprechen, sind auf Dauer anstrengend." Wer Probleme mit seiner Stimme hat, sollte daher rechtzeitig einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder einen Phoniater aufsuchen. Dieser stellt fest, ob eine Operation nötig ist oder eine logopädische Therapie ausreicht.

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