Sie wünschten sich Liebe und Geborgenheit. Doch sie wurden sexuell missbraucht. Während die Täter - meist aus dem engsten Familienkreis - zum Teil mit einer Bewährungsstrafe davonkamen, leiden die Opfer ein Leben lang. Sechs Frauen und ein Mann schildern, wie sie mit den traumatischen Belastungen zurechtkommen. Von Anette Lache

Der Großvater vergriff sich an Jennifer, wenn sie mit ihm im Schrebergarten allein war. Beim ersten Mal war sie nicht älter als vier Jahre. Mit 16 zeigte sie ihn an© Andreas Reeg
Hamburg, 1981.
Tagsüber schmiert er ihr Butterbrote und
geht mit ihr in Hagenbecks Tierpark. Tagsüber
erklärt er ihr geduldig, warum ihre
Katze Mäuse tötet, und schaut sich mit ihr
im Kino den kleinen, schrumpeligen Außerirdischen
E. T. an. Nachts kommt er in
ihr Kinderzimmer. In ihr Kinderbett. Sie
ist fünf. Beim ersten Mal.
Hamburg, 2008.
"Den Tagesvater habe ich geliebt, den
Nachtvater gehasst", sagt sie über ihre zerrissenen
Gefühle als Kind. Scarlett, heute 33, sitzt in einer Hamburger Kneipe und schiebt die Gabel in das Bauernfrühstück. Doch sie isst nicht. Es geht eben doch nicht: von einer Kindheit zu erzählen, die in
Wirklichkeit keine war, und gleichzeitig
den Magen mit Kartoffeln, Eiern, Speck und Gewürzgurke aufzufüllen. "Vielleicht später", sagt sie und schiebt den Teller erst einmal weg.
* Namen geändert
Sie redet von ihrem Peiniger, dem Stiefvater. "Ein ruhiger Typ, mit einem hohen Bildungsgrad. Die Art von Täter, die glaubt, mit einem Kind eine Beziehung eingehen zu können, und das für Liebe hält." Sie spricht von ihrer Mutter, die den Mann später sogar heiratete, wissend, was er mit ihrer Tochter nachts am Ende des Flurs im Kinderzimmer tat. Und von den Nachbarn im feinen Stadtteil, die ihre Schreie nicht hören wollten. Und von dem seelischen und körperlichen Missbrauch, der fast sieben Jahre dauerte. "Ich hatte immer nur Angst. Er tat mir weh, auf jede Art und Weise, auf die ein Mann einem Kind wehtun kann."
Sie schweigt für zwei, drei Minuten, schaut durch die schmutzigen Scheiben des Lokals zu den Kastanienbäumen. Man ist fast dankbar für die Pause. Mehr als 2500 Mal wird es Nacht in dem Einfamilienhaus mit der weißen Fassade - ohne dass Scarlett Anlass zu der Hoffnung gehabt hätte, dass es aufhört. "Ich habe geschrien. Gebettelt. Bis er mir den Mund zuhielt. Alle Väter würden das mit ihren Töchtern machen, sagte er mir."
Die Richterin hielt am Ende des Prozesses gegen den Stiefvater im Jahr 1994 in der Urteilsbegründung fest: "Das Kind gab zumeist nach einiger Zeit resignierend den Kampf auf und lag einfach so da. Dabei drückte es häufig zum Trost die Hauskatze an sich." Die Katze war Scarletts einziger Halt: "Sie hat mich getröstet, mit ihr träumte ich mich in eine andere Welt. Ohne sie wäre ich tot."
Sechs Jahre und sechs Monate Gefängnis bekam der Mann für sein Verbrechen an einem Kind, das ihm nicht entkommen konnte. Als Scarlett mit zwölf ins Heim gekommen war, hatte er ihre Mutter verlassen. Wozu bleiben ohne den kindlichen Körper in greifbarer Nähe. Scarlett kann inzwischen über die Vergewaltigungen sprechen, an besseren Tagen zumindest. Auch wenn die Bilder immer noch da sind. "Der Trick ist, die Emotionen, den Ekel, die Angst, abzukoppeln von den Bildern. Dann ist es nur eine Erinnerung, die man anschaut wie ein Bild und wieder weglegen kann. Sie beherrscht einen nicht mehr, kann einen nicht mehr ständig quälen", sagt sie leise.
Zwischen diesen Sätzen und dem sexuellen Missbrauch liegen Jahre des Verdrängens, der Sprachlosigkeit, der Psychotherapien und der Krankenhausaufenthalte wegen gynäkologischer Probleme. Vertrauen fasste Scarlett lange nur zu Tieren, später zu einigen wenigen Menschen. Es ist noch nicht lange her, da schlief die junge Frau häufig auf dem Boden. "Weil das Bett für mich ein unsicherer Ort war, auch viele Jahre nach dem Missbrauch."
Viele Opfer sexueller Gewalt durchleben einen Stress, den Fachleute mit den Belastungen der Opfer von Geiselnahmen oder der Überlebenden von Konzentrationslagern vergleichen. Der traumatische Stress schlägt eine seelische Wunde, die oftmals über Jahre offen bleibt. Schlafstörungen, Albträume, Depressionen, Ängste, Panikattacken und aggressives Verhalten bis hin zu Selbstverletzungen, zermürbenden Erinnerungen, immer wiederkehrenden Suizidgedanken und Essstörungen - das ist die Liste der möglichen Langzeitfolgen, die der Trauma-Experte Andreas Krüger, Kinder- und Jugendpsychiater vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, nennt. Zusammengefasst werden diese Symptome unter dem Begriff Posttraumatische Belastungsstörung. Viele der Betroffenen haben Schwierigkeiten, sich überhaupt auf Beziehungen einzulassen, sagt der Psychiater. Studien weisen zudem darauf hin, dass frühkindliche Traumatisierungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sozial zu scheitern, nicht in der Lage zu sein zu arbeiten. Auch das Risiko von Alkohol- oder Drogensucht steigt beträchtlich. Andreas Krüger: "Woran man arbeiten kann, ist die Wundheilung. Aber auch wenn sie gelingt, wird auf jeden Fall eine seelische Narbe bleiben."
Häufig können sich Opfer sexualisierter Gewalt erst nach einem jahrelangen Martyrium jemandem anvertrauen. Zu groß sind Scham- und Schuldgefühle. So katastrophal ist die Störung des inneren Gleichgewichts, dass die Kinder und Jugendlichen zunächst oft nur einen Ausweg sehen: ausblenden, verdrängen. Nicht selten drohen die Täter ihren Opfern mit Strafen und Konsequenzen: "Dann töte ich deinen Hund" oder "Deine Mutter wird dir nicht glauben, dann musst du ins Heim". Kinder sind leicht einzuschüchtern.
Eine Gemeinde in Schleswig-Holstein,
Mitte der 90er Jahre.
Der Jugendliche in Cowboystiefeln pokert
mit dem kleinen Mädchen, wenn er Gelegenheit
hat, mit ihr allein zu sein. Verliert
sie - also immer -, muss sie sich ausziehen,
von ihm anschauen lassen. Nachts holt er
sie zu sich ins Bett in seinem Zimmer
mit den Mickey-Mouse-Aufklebern am
Schrank und dem braunen Plüschteppich.
Dann muss sie ihn mit Hand und Mund
befriedigen, während ihre Geschwister einen
Meter entfernt auf der Ausziehcouch
schlafen. Sie ist sechs, er 15 und ihr Onkel.
Mehr als vier Jahre lang ist sie sein Opfer.
Immer wenn ihre Eltern sie an Wochenenden
und in den Ferien in die "Obhut"
der Großmutter und von Manfred*,
dem Kinderschänder, gibt.
Nina* erzählt niemandem von ihrem Leid. Wem auch. Ihrer alkoholkranken Großmutter? Ihrer Mutter, die ihre Tage lieber mit Howard Carpendale verbringt und sich im Schlafzimmer ihre Welt schöner singt und tanzt, statt sich um ihre Kinder zu kümmern? Nina hält die sexuelle Gewalt aus, weil sie ihre Schwestern unbedingt beschützen will. Denn ihr Onkel will sich die Kleinen nehmen, wenn sie nicht willig ist. Damit droht er. Sie denkt, dass sie das verhindern kann, indem sie alles leise erträgt. Ein kindlicher Irrtum.
Hannover, 2008.
"Erst mit 18 habe ich erfahren, dass er
mindestens zwei meiner Geschwister genauso
missbraucht hat wie mich", erzählt
Nina, heute 21. Sie gab sich die Schuld
daran. Die Folge: Nervenzusammenbruch,
Krankenhaus. Alles Verdrängte kam hoch.
Wie Jauche aus der Grube. Der Onkel, der
Geruch. Das Ekelgefühl. Bis heute quälen
sie Albträume. "Dann fühle ich mich
schlecht."
Wie stark sich Traumatisierungen auf Seele und Körper auswirken, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Studien belegen, was naheliegt: Je enger und vertrauter die Beziehung zwischen Opfer und Täter war, desto traumatischer wirkt meist der sexuelle Missbrauch. Je mehr ein Kind einem Erwachsenen vertraut hat und auf dessen emotionale Unterstützung angewiesen war, desto größer ist der Vertrauensverlust, der Verrat, die Enttäuschung, die gefühlsmäßige Zerrissenheit und Verwirrung des Kindes über die erlittene Gewalt.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 45/2008