. .
Natur und Umwelt
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
15. September 2008, 16:22 Uhr

Die Kraft des Kollektivs

Ameisen sind ein Erfolgsmodell der Evolution: Die Insekten leben in perfekt organisierten Gemeinschaften. Diese Kraft des Kollektivs befähigt die Winzlinge zu ungewöhnlichen Leistungen. Ein Blick in das Leben der kleinen Staatsgründer. Von Horst Güntheroth

Der Flügel ist erst der Anfang: Auch tote Libellen werden von den Roten Waldameisen aus dem Weg geräumt© Heidi & Hans-Jürgen Koch

Gern tut er's nicht. "Für die Tiere ist es wie ein Erdbeben", sagt Hubert Fleischmann, "viele gehen dabei drauf." Mit der bloßen Hand langt er in den wimmelnden Haufen, greift einen Teil davon und legt ihn in eine große Plastiktonne. Handvoll für Handvoll, Schicht für Schicht, bis der einen Meter hohe Ameisenhügel abgetragen ist. Dann graben sich Fleischmann und sein Helfer mit einer Schaufel noch ein gutes Stück in den Untergrund. Nach zwei Stunden ist alles - Tiere und Nestmaterial - in zwei Tonnen verschwunden, die beiden Verschwitzten sind mit Krabblern übersät, haben Hunderte Bisse und Ameisensäure-Spritzer abbekommen.

Die Fässer kommen auf einen Pkw-Anhänger und werden zum nahen Waldrand gefahren. Dort türmen die Männer, nachdem sie Zweige und Spezialfutter ausgelegt haben, den Inhalt sorgfältig auf. In den nächsten Wochen, Monaten und Jahren werden sie kontrollieren, ob ihre Aktion Erfolg hatte. "Wichtig ist, dass wir die Königin erwischt haben und dass sie heil geblieben ist", sagt Fleischmann.

Zwangsumsiedlung einer Kolonie der Wiesenwaldameise mit 300.000 bis 400.000 Tieren beim oberpfälzischen Städtchen Auerbach. Das Volk musste weichen, weil am alten Standort ein Haus gebaut werden soll. Für Fleischmann ist die Prozedur Routine, weit mehr als 1000-mal hat der Vorsitzende des "Arbeitskreises Notund Rettungsumsiedelung" der Deutschen Ameisenschutzwarte aus dem nahen Nabburg Insektenkollektive vor Baggern oder genervten Anwohnern in Sicherheit gebracht. Ehrenamtlich, in der Freizeit. "Ich bin ameisenverrückt", gesteht er. "Die Tiere faszinieren mich. Doch ihr Lebensraum schrumpft, und die vielerorts verwendeten Pflanzenschutzmittel setzen ihnen zu. Deshalb versuchen wir alles, um den Rückgang der Kolonien aufzuhalten."

Ungewöhnliche Geschöpfe

Nicht nur organisierte Heger mögen die Tierchen. Seit Jahrhunderten sind Naturforscher begeistert von den sechsbeinigen Winzlingen, die zu den ungewöhnlichsten Geschöpfen unseres Planeten gehören, weil sie in perfekt funktionierenden Staaten leben. Salvador Dalí montierte sie als riesige Skulpturen an seine Hauswand, Filmemacher und Kinderbuchautoren erzählen anrührende Ameisengeschichten. Spaziergänger sind hin und weg vom unergründlichen Treiben der Massen im Hügel am Wegesrand. Und für Wissenschaftler sind die Wesen mit dem dreigliedrigen Körper ein unerschöpfliches Forschungsthema. "Es gibt nicht die Ameise, sondern eine ungeheure Vielfalt mit immer wieder anderen Verhaltensweisen", sagt Jürgen Heinze, Professor für Biologie an der Universität Regensburg, "so geht uns der Stoff in den nächsten Jahrzehnten nicht aus."

Mehr als 16.000 verschiedene Spezies der Insektenfamilie Formicidae haben Zoologen bis heute identifiziert, und jedes Jahr entdecken sie neue. Die kleinsten messen knapp einen Millimeter, die größten drei Zentimeter. Fast überall auf dem Planeten wimmelt es von ihnen. Obwohl ein einzelnes Tier nur ein paar Milligramm wiegt, übersteigt die Biomasse der Winzlinge die der Menschen. "Sie wälzen weltweit mehr Erde um als die Regenwürmer", sagt Forscher Heinze.

Die Sechsbeiner sind unentbehrlich fürs Ökosystem. Viele heimische Arten halten als "Polizei des Waldes" Insektenarten in Schach, die sonst die Baumbestände niedermachen würden. Auch zahlreiche kleinere Wildpflanzen brauchen die Tierchen, die ihre Samen verschleppen und für deren Verbreitung sorgen. Darüber hinaus sind die Krabbler proteinreiche Leckerbissen für Vögel - und helfen den Gefiederten noch auf ganz andere Weise. Werden Lerche, Drossel oder Eichelhäher von Milben geplagt, fliegen sie zu einem Ameisenhügel und hocken sich mit ausgebreiteten Schwingen darauf. Dann versuchen die Aufgeschreckten, die Eindringlinge mit Säurespritzern abzuwehren, und töten dadurch die Parasiten.

Einzeln gehen sie zugrunde

So zahlreich und verschieden die Mitglieder der Formicidae-Familie auch sind - alle leben in Pulks; ein isoliertes Einzelwesen würde innerhalb von Tagen zugrunde gehen. Manchmal sind es nur kleine Verbände mit gerade mal einem Dutzend Mitgliedern, andere Spezies bilden Megagesellschaften mit Millionen Individuen. Vor wenigen Jahren entdeckten der Schweizer Ameisenforscher Laurent Keller und seine Mitarbeiter von der Universität Lausanne die bis heute größte bekannte Kolonie: Fast 6000 Kilometer lang erstreckt sie sich am Meer - von der italienischen Riviera bis an die spanische Atlantikküste. Ein Abermilliardenheer eingewanderter argentinischer Ameisen.

Die überwiegende Zahl der Arten ist sesshaft, baut Nester. Manche dieser Behausungen, etwa die der nur wenige Millimeter messenden heimischen Schmalbrustameisen, bestehen aus wenigen Gängen und sind so winzig, dass sie in eine Eichel oder einen Kirschkern passen. Andere Tiere, wie zum Beispiel die in Südasien lebenden Weberameisen, kleben in den Kronen von Bäumen Blätter zu einer Höhle zusammen - mithilfe von Fäden aus ihren Larven.

Die bei uns beheimatete Rote Waldameise errichtet meterhohe kuppelförmige Domizile mit Labyrinthen aus Hohlräumen sowie ausgeklügelten Belüftungs- und Klimaanlagen. Und selbst diese erstaunlichen Bauwerke wirken bescheiden gegen die Architektur der südamerikanischen Blattschneiderameise Atta sexdens. Ihr unterirdisches Zuhause, ein wahres Metropolis, besteht aus mehr als 1000 Kammern, verbunden durch ein kilometerlanges Röhrensystem. Ein Ringtunnel sowie eine Batterie kreisförmig angeordneter Entlüftungsschächte, die nach oben führen, perfektionieren den Bau.

Ameisen verblüffen Biologen

Nicht nur als Konstrukteure leisten die Wesen mit den Minigehirnen Großes. Sie entwickelten Überlebenstechniken, die selbst Biologen immer wieder verblüffen. So züchten einige Spezies in den Kammern ihres Nestes auf Beeten aus zerkleinerten Blättern und Speichel einen Pilz, dessen Knöllchen sie genüsslich vertilgen. Andere halten Läuse als "Melkkühe". Rund um die Uhr schützen sie die Tierchen vor Feinden, und wenn sie Hunger haben, trommeln sie mit ihren Fühlern auf deren Leiber, damit sie ihren zuckerhaltigen Kot abgeben - eine Leckerei. Sogar Sklavenhalter sind am Werk: Diese Sechsbeiner rauben aus artfremden Nestern Larven und Puppen, päppeln die fremde Brut und lassen die Geschlüpften für sich arbeiten.

Nichts jedoch beeindruckt mehr als der Zusammenschluss der Tiere zur Kolonie und das Funktionieren dieses Staates. Wie kann es im chaotischen Gewusel Abertausender Winzlinge überhaupt planvolles Handeln geben? Wer oder was steuert die unüberschaubare Kooperative? Und wie funktioniert die Verteilung der Aufgaben im Gefüge? Generationen von Forschern ließen diese Fragen nicht los, und manche Antwort haben sie heute parat.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 37/2008

 
  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Ameisenforschung Sexpolizistinnen auf Eier-Patrouille

Auch im Ameisenstaat gibt es eine Polizei - und sie hat eine delikate Aufgabe: Sie kontrolliert, welche der Arbeiterinnen sich illegal fortpflanzen wollen. Spüren die Polizistinnen Gesetzesbrecherinnen auf, gehen sie wenig zimperlich vor. mehr...

Insekten-Quiz Was kreucht und fleucht da?

Sobald die Temperaturen steigen, tauchen wieder mehr Insekten auf. Aber wie gefährlich ist eigentlich eine Hornisse? Und was zeichnet Hummeln aus? Testen Sie, wie gut Sie sich mit den Tierchen auskennen! mehr...