Universum unter Wasser

1. November 2006, 06:03 Uhr

In ewiger Finsternis tummeln sich bizarre Kreaturen, die wie Aliens wirken. Forscher wissen über die Unterwelt der Meere bis heute weniger als über den Mond. Das soll sich ändern - mit einem neuen Roboter-U-Boot können sie demnächst in die verborgensten Abgründe vorstoßen. Von Horst Güntheroth

Qualle "Voragonema pedunculata": Lichtsignale spielen eine große Rolle im Reich der Finsternis

Gischt schlägt über das U-Boot, dann verschlucken es die Wellen. Der stählerne Apparat geht auf Abwärtsfahrt, keine Menschenseele ist an Bord. Das Geisterschiff taucht durch Wolken von Plankton und Heere glibberiger Quallen. Gleitet vorbei an Sardinen- und Makrelenschwärmen, passiert Kraken, die aus großen Augen blicken, und Rochen, die elegant durchs Wasser schwingen. Zwei Tonnen Hightech sinken hinab in eine Welt, in die nie ein Sonnenstrahl dringt. Schier endlos scheint die Reise zum Abgrund. Erst nach Stunden ist das drei Meter lange Gefährt am Ziel.

Sonar-Sensoren signalisieren die Nähe zum Boden, Propeller manövrieren das Vehikel zentimetergenau. Dann flammen Scheinwerfer auf, eine Videokamera observiert, was im Lichtkegel erscheint. Minuten später entfaltet sich ein hydraulischer Arm. Er greift nach umherliegenden Brocken, buddelt im Sediment und grapscht nach mysteriösen Wesen aus der Unterwelt. Dann verstaut er alles, was er ergattern kann, in Behältern am Apparat - und bald darauf macht sich die Konstruktion zurück auf den langen Weg nach oben.

"HROV" soll der Super-Roboter heißen, eine Abkürzung von "Hybrid Remotely Operated Vehicle". Er wird die Erforschung der Tiefsee revolutionieren. Noch ist die fünf Millionen Dollar teure Tauchmaschine erst im Bau. Ingenieure der "Woods Hole Oceanographic Institution" bei Cape Cod an der amerikanischen Atlantikküste fertigen derzeit die Komponenten. Eine technologische Herausforderung: Mechanik, Hydraulik und Elektronik müssen extremem Druck widerstehen.

Sphären, in die derzeit niemand vordringen kann

In ein paar Monaten wird das Wunderwerk vollbracht sein, dann soll HROV im Ozean sein Können beweisen. Wenn die Tests erfolgreich verlaufen, wollen die Wissenschaftler ihren Neuling zur tiefsten Stelle des Ozeans schicken - in den Marianengraben, 11.034 Meter unter der Wasseroberfläche des Pazifiks. "Mit dem HROV werden wir zum ersten Mal in der Lage sein, routinemäßig in Gebieten des Ozeans unterhalb von 6500 Metern zu forschen, in Sphären, in die derzeit niemand vordringen kann", schwärmt Richard Pittenger von der Woods Hole Oceanographic Institution, "selbst unter das Eis der Arktis werden wir tauchen können."

Mit Hochspannung fiebern er und seine Kollegen diesen Missionen entgegen. Und gewiss auch die Leser von Frank Schätzings Bestseller "Der Schwarm". Sein Katastrophenthriller hat bei Millionen Menschen große Neugier auf die geheimnisvollen Gefilde geweckt.

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Bizarre Landschaften formen den Meeresgrund

Die Expedition in die Unterwelt ist eines der letzten Abenteuer der Menschheit. Vorstoß in ein geheimnisvolles Universum, über das Wissenschaftler weniger wissen als Astronomen über den Mond. Es ist der größte Lebensraum unseres Planeten und zugleich sein rätselhaftester. 200 Meter unter der Meeresoberfläche beginnt die Tiefsee, jene Zone, in die fast kein Licht mehr dringt, ab etwa 800 Metern ist es stockfinster. Etwa 80 Prozent des Ozeans gehören zu dieser gigantischen Dunkelwelt, in der nicht nur das Wrack der "Titanic", sondern auch die Überbleibsel vieler anderer Schiffshavarien schlummern.

Bizarre Landschaften, so zeigen Echolotungen, formen den Meeresgrund. Steinige Becken und weite sandige Ebenen, platt wie ein Parkettboden. Dann wieder recken sich gewaltige Gebirge in die Höhe, mit sanften Hängen und schroffen Felsen. Mit 60.000 Kilometern ist der mittelozeanische Rücken, der sich submarin über den ganzen Planeten zieht, der längste zusammenhängende Gebirgszug der Erde. Und immer wieder klaffen Täler und Schluchten. Von diesen Canyons ist der Marianengraben im Pazifik mit seinen mehr als elf Kilometern der tiefste. Dort unten herrscht der unvorstellbare Druck von über einer Tonne pro Quadratzentimeter.

Welches Leben versteckt sich im Keller des Meeres?

Die Wassermassen im Reich der ewigen Finsternis sind meist eisig und in ständiger Bewegung. An den Polen des Globus sinkt schweres kaltes Wasser nach unten, strömt dann in Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean. Ein wenig erwärmt steigt es dort auf, wird oben von der Sonne aufgeheizt und zirkuliert zurück zu Arktis und Antarktis. Langsam, aber stetig läuft dieses globale Förderband, etwa tausend Jahre braucht ein Wassermolekül für einen Kreislauf. Diese Umwälzanlage spielt für das Klima auf der Erde eine wichtige Rolle; vollgetankt mit Wärme, bescheren ihre Oberflächenströmungen mancher Landmasse milde Temperaturen, wie etwa der Golfstrom Westeuropa. Details dieser gewaltigen Bewegungen versuchen Wissenschaftler zurzeit auf die Spur zu kommen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 42/2006

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