Legt den Klimagipfel endlich auf Eis!

26. November 2012, 11:45 Uhr

Wer ein Problem nicht lösen will, hängt es hoch. Dann scheitert die Umsetzung garantiert - siehe Weltklimagipfel. Verschont uns mit dem jährlichen Ritual ohne Resultate. Oder schafft die Wende. Ein Kommentar von Lea Wolz

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Der große Sprung steht bei den Klimaverhandlungen noch aus©

Man stelle sich eine Familie vor - groß und verteilt über die ganze Welt. Jedes einzelne Mitglied dieses Clans weiß, dass es sparen muss. Denn es ist schlecht bestellt um das gemeinsame Guthaben. Rutscht man ins Minus, droht Ungemach. Die schicken Häuschen müssten versteigert werden. Das Obdach wäre weg.

Um über die Notlage zu konferieren, treffen sich die Familienmitglieder einmal im Jahr: Immer im Dezember kommen sie zusammen, um zu beratschlagen, wer wo wie viel sparen muss. Sie buchen Flüge, jetten um den halben Globus und mieten sich in teure Hotels ein. Und immer steht schon im Vorfeld fest: Verbindliche Ergebnisse wird es leider nicht geben. Dafür kostet das Treffen - es frisst Geld, Zeit und Ressourcen.

Unsinnig, oder? Willkommen in der Welt der Klimagipfel: Jedes Jahr reisen dafür Tausende Regierungsvertreter, Lobbyisten und Journalisten an - und die bekannte Dramaturgie entfaltet sich. Die Mahner weisen darauf hin, dass es drängt, aber gerade noch ein kleines Zeitfenster bleibt, um die Welt zu retten. Alle sind sich einig: Es muss etwas getan werden. Doch dann gehen nationale Interessen über das Gemeinwohl. Vereinbart wird: nichts oder fast nichts. Und so tritt die Weltgemeinschaft seit Jahren beim Klimaschutz auf der Stelle.

Wenig Hoffnung auf globale Abkommen

Ein rasches Voranschreiten, ein echter Durchbruch ist auch in diesem Jahr nicht in Sicht. Bereits im Vorfeld des Gipfels dämpfen Experten die Hoffnung: Es wird wohl wieder nicht viel rauskommen, die Chancen für ein globales Klimaabkommen stehen schlecht. Da erscheint es fast als Treppenwitz, dass die Klimakonferenz in diesem Jahr in Doha stattfindet, der Hauptstadt des Wüstenstaates Katar. In einem Land, das sich an Öl und Gas eine goldene Nase verdient, bisher nicht gerade durch Umweltbewusstsein hervorstach und pro Kopf den höchsten CO2-Ausstoß hat.

Apropos CO2-Ausstoß. Der steigt weiter munter an - trotz Kyoto-Protokoll, trotz Klimagipfel, trotz Emissionshandel. Der Ausstoß von Treibhausgasen hat im vergangenen Jahr sogar einen neuen Rekordwert erreicht. Den Temperaturanstieg so abzubremsen, dass sich die Ökosysteme anpassen können, sei kaum mehr möglich, warnte die UN-Umweltbehörde kürzlich. Das Zwei-Grad-Ziel, auf das sich die Teilnehmer des Klimagipfels in Cancún 2010 einigten, schon nicht mehr erreichbar. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sei ein massiver Umschwung zum Klimaschutz sei nötig. So massiv, dass er - realistisch gesehen - schon nicht mehr möglich ist.

Ohne Zweifel: Die Erderwärmung ist ein globales Problem. Es wäre wünschenswert, dieses mit weltweiter Willenskraft zu lösen. Mit einem ganz großen Wurf. Mit einer heroischen Kraftanstrengung. Doch offensichtlich funktioniert das nicht.

Es wird Zeit, neue Wege zu beschreiten

Es wird Zeit, ernsthaft andere Wege zu beschreiten und darüber nachzudenken, ob der Klimaschutz die UN-Bühne braucht. Würde es nicht erst einmal reichen, wenn sich die zehn größten Klimasünder zusammensetzen und verbindliche Klimaziele vereinbaren? Immerhin sind diese Länder für knapp zwei Drittel der weltweiten, energiebedingten CO2-Emissionen verantwortlich. Oder wenn sich die zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer verbindlich festlegen, bis wann und um wie viel sie ihre Emissionen reduzieren?

Zudem sollten einzelne Länder im Umweltschutz mutig voranschreiten und ihre Wirtschaft nachhaltig ausrichten, um so andere mitzuziehen. Beispiel: die Energiewende in Deutschland. Gelingt diese, wirkt irgendwann die Macht des Faktischen - wenn emissionsarmes Wirtschaften ein Wettbewerbsvorteil ist. Auch die EU sollte auf dem Klimaschutz-Pfad vorpreschen und statt der bereits zugesagten Reduktion der Emissionen um 20 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 auf 30 Prozent aufstocken. Denn 18 Prozent weniger sind jetzt schon erreicht.

Und ja, auch wenn es abgedroschen klingt: Klimaschutz geht uns alle etwas an. Jeder einzelne kann dazu beitragen und seinen Konsum nachhaltig ausrichten: weniger Autofahren, weniger Fliegen, weniger Fleisch essen, mehr regionale Produkte einkaufen und weniger Kaffee aus Wegwerfbechern trinken: Das wäre schon einmal ein Anfang. Wenn aus diesen vielen kleinen Schritten etwas Großes geworden ist, wenn das Fundament steht, könnten auch wieder die Vertreter von 195 Ländern zusammenkommen - um darauf aufzubauen und den Bau abzuschließen.

Bis dahin verschont uns bitte mit Klimagipfeln, in deren Vorfeld schon klar scheint, dass nichts Substanzielles zu erwarten ist. Oder schafft endlich die Wende.

Die Klimagipfel von Rio bis Doha Rio de Janeiro 1992 Auf dem Gipfel von Rio vereinbaren die Staaten, den Ausstoß der Treibhausgase zu begrenzen. Sie dürfen nur so weit steigen, dass sich "die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können" und "die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird". Rund 190 Staaten haben die Klimarahmenkonvention (UNFCCC) ratifiziert, darunter die USA.

Kyoto 1997:Das Protokoll von Kyoto gilt als erster konkreter Schritt, um die Rio-Ziele umzusetzen. Die Industriestaaten vereinbaren, den Ausstoß wichtiger Treibhausgase von 1990 bis 2012 um mindestens 5 Prozent zu senken. Die USA und Kanada treten später aus.

Kopenhagen 2009: Die Konferenz scheitert darin, eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls zu vereinbaren. Die Staaten nehmen lediglich "zur Kenntnis", dass die Erdtemperatur um nicht mehr als zwei Grad steigen sollte, und versprechen Geld für die Entwicklungsländer.

Cancún 2010: Die Konferenz vereinbart lose Fahrpläne für die Fortsetzung des Kyoto-Protokolls und für die Klimaziele der USA und der Entwicklungsländer. Alle einzelnen Länder werden zu mehr Klimaschutz ermahnt, damit das globale Zwei-Grad-Ziel erreicht wird.

Durban 2011: In Südafrika beschließen die EU und andere Kyoto-Staaten eine zweite Phase des Kyoto-Protokolls ab 2013. China, die USA und weitere Staaten wollen bis 2015 bei einem globalen Klimaabkommen mitmachen, das feste Reduktionsziele ab 2020 enthält.

Doha 2012: Im Ölstaat Katar sollen konkrete Punkte von Kyoto 2 festgelegt werden. Entwicklungsländer fordern konkretere Geldzusagen.

DPA

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