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70 Jahre stern

Preisgekrönte Fotoreportage: Argentinien - Besuch in einem vergifteten Land

Der Norden Argentiniens war einst ein Paradies aus Wäldern und Flüssen. Dann hielten Gensaaten und Pestizide Einzug. Mit ihnen kamen hohe Profite - und erschreckende Raten von Krankheiten und Missbildungen. Eine preisgekrönte stern-Fotoreportage.

Von Pablo E. Piovano, Text: Jan-Christoph Wiechmann

Argentinien: Besuch in einem vergifteten Land

Die Hand des Farm-Arbeiters Alfredo Ceron. Er sprühte neun Jahre lang Pflanzenschutzmittel auf Sojafelder. Heute leidet er an Leberzirrhose, die Nägel seiner Hand sind abgefallen

Immer nah dran am Leben - Die großen stern-Fotografen sind Legende. Ihre Bilder zeigen nicht irgendwas, nicht irgendwen, sie erzählen, was ist. Seit 70 Jahren. Unsere Fotografen wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt gewann Pablo Ernesto Piovano den Henri-Nannen-Preis 2018 in der Kategorie Reportage-Fotografie. Sie steht beispielhaft für das, was stern-Fotografie ausmacht: Opulente Bilder, berührende Geschichten, gesellschaftliche Relevanz. Sehen Sie hier noch einmal die Aufnahmen, die ein unbekanntes, ein bedrückendes Argentinien zeigen.

Es ist ein sommerwarmer Tag im Februar, als sich Jessica Sheffer, ein 14-jähriges Mädchen aus dem Norden Argentiniens, auf die Suche macht nach denen, die sie für ihre Mörder hält. Sie kennt weder Namen noch Adresse, sie glaubt nur, dass sie bald schon deren Giften erliegen wird mit Namen wie DTT, MCPA oder 2,4-D, das als Agent Orange schon im Vietnamkrieg eingesetzt wurde.

Jessica kriecht mühsam durch den heißen Sand vor ihrer Holzhütte an der Nationalstraße 14 und bleibt nach wenigen Metern erschöpft liegen. Sie watschelt wie eine Echse, sagen die Kinder des Dorfes in ihrer grausamen Direktheit. Sie vergleichen ihre Anatomie wahlweise mit einem Reptil und einer Kuh, ein Mischwesen, wie es sonst auf der Welt nicht existiert.

Allein zu Hause lernen

"Der Lehrer bat mich, Jessica nicht mehr zur Schule zu schicken", sagt ihre Mutter, Ramona Sheffer, zur Begrüßung. "Er weiß nicht, wie er mit ihr umgehen soll."

"Ich lerne nun allein zu Hause", sagt Jessica.

"Der Lehrer sagt, sie erinnert die Kinder zu sehr daran, dass hier in der Gegend was nicht stimmt."

"So ist es ja auch", sagt Jessica.

Sie legt sich in den Schoß der Mutter. Die Beine sind verkrümmt. Das Rückgrat im Halbkreis nach oben verdreht. Ihr Kopf sitzt tief im Nacken, als habe ihn jemand an den Schulterblättern festgenäht.

"Daran wird Jessi sterben", sagt ihre Mutter nüchtern. "Irgendwann ist der Nacken so gebogen, dass das Essen in der Speiseröhre feststecken wird. Dann erstickt sie.

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Ramona Sheffer spricht mit der Härte eines Lebens, das sie erst zehn Jahre als Tagelöhnerin auf die Tabakfelder führte und die nächsten zehn Jahre zum Spott der Gaffer machte. Schon bald nach Jessicas Geburt bildeten sich erste Anormalitäten. Sie wuchs, aber die Bänder bildeten sich zurück und hielten die Knochen nicht mehr zusammen. So formte sich ein Körper, der nicht den Regeln der Anatomie folgte, sondern denen von Wildwuchs und Schwerkraft.

Sie gingen von einem Arzt zum anderen, doch keiner kannte diese rätselhafte Krankheit. Nur ein US-Mediziner sagte, es könnte sich um eine genetische Mutation handeln, hervorgerufen durch Pestizide. "Hatten Sie mal Kontakt mit Giften?", fragte er Jessicas Mutter.

"Einmal?", antwortete sie. "Tausende Male."

"Wenn sie der Kampfeswillen verlässt, ist es vorbei."

Seit ihrer Jugend hatten Sheffer und ihr Mann als Tagelöhner auf den Feldern gearbeitet. Tag für Tag hatten sie Insektizide gespritzt, ohne jede Schutzkleidung oder Maske: Brommethan, Carbofuran, Glyphosat - sie zählt die Gifte so fließend auf wie die Namen ihrer sechs Kinder. Sie sagt: "Jessi lebt nur noch, weil sie die Schuldigen finden will. Wenn sie der Kampfeswillen verlässt, ist es vorbei."

Jessica blickt von ihrer Arbeit auf. Ein hübsches Mädchen mit langen krausen Haaren und strengem Blick. Sie stickt ein Bild mit dem einzig Funktionsfähigen, was sie noch hat, den Fingern. Mit der Stickkunst finanziert sie ihr Handy. Mit dem wiederum erforscht sie ihre Krankheit. In der nahe gelegenen Provinz Chaco etwa, berichten Kinderärzte, stieg die Zahl der Missbildungen binnen zehn Jahren um das Vierfache.

Sie kontert den Satz der Mutter auf ihre Weise: "Ich will noch Tänzerin werden."

Für einen Moment ist die Mutter still. Nur aus der Nachbarhütte ist das Gurren einer anderen schwer behinderten Bauerntochter zu hören. "Jessica ist nicht die Schlimmste", flüstert sie. "Da ist der kleine Lucas mit seiner Reptilienhaut. Und Fabián mit dem Wasserkopf. Und Tomasi, unser Held, der liegt im Sterben." Sie redet so eifrig, als finde sie Trost darin, dass Jessica im Ranking genetischer Deformationen nicht an letzter Stelle liegt.

Sie schnallt sich ihre Tochter auf den Rücken. Alle zwei Wochen fahren sie in die Stadt Posadas, fünf Busstunden entfernt. Sie begeben sich da bei den Behörden auf eine kafkaeske Suche nach staatlicher Hilfe. Da Ramona Sheffer den Gendefekt durch Pestizide nicht nachweisen kann, gibt es keinen Schuldigen. Da es keine Schuldigen gibt, gibt es keine Anerkennung als Opfer. Und ohne Opferstatus keine Therapien.

"Ich will nur die Wahrheit", sagt Jessica. "Wie heißt meine Krankheit? Wer gab sie mir?" Sie zeigt auf die Felder, über die sich die Giftschwaden der Farmer senken wie der Morgentau des anbrechenden Herbstes. "Ich will das wissen, bevor ich sterbe."

Volk versus Elite

Jessica formuliert da so etwas wie den Grundkonflikt ihres Ortes Fracrán, ja der ganzen Region: Die Menschen wollen die Wahrheit. Industrie und Politik dagegen wollen Ruhe. Es ist eine Neufassung des Konflikts Volk versus Elite, der dieses Jahrzehnt gerade aus den Angeln hebt.

Die Gegend an der Nationalstraße 14 war ein Paradies, wie es in Argentinien kaum noch vorkam. Die Wälder waren dicht und die Flüsse rein, und durch den Dschungel zogen Affen, Nasenbären und sogar Jaguare, die Könige des Regenwalds. Der Sound der Gegend bestand aus den Rufen der Tukane und dem Rauschen der Wasserfälle, wie es auf jede Meditations-CD passt.

Die Natur der Gegend war von solcher Üppigkeit, dass die Bewohner sich keine Gedanken machten, als die Agrarindustrie den ertragreichen Streifen Erde für sich entdeckte. Willig opferten sie Teile ihres scheinbar unendlichen Reservoirs im Tausch für feste Jobs. Und selbst als ein US-Konzern mit dem heilig klingenden Namen Monsanto den Norden Argentiniens 1996 als großflächigen Markt für seine Genprodukte auserkor, nahmen sie dies im Namen des Fortschritts hin und suchten Halt in Begriffen wie Pflanzenschutz und Biotechnologie.

Doch dann, vor gut zehn Jahren, begannen sich die Dinge zu ändern entlang der Ruta 14. Der deutschstämmige Zimmermann mit Namen Vogel erhielt immer mehr Aufträge für Kindersärge. Im Krankenhaus sah sich der leitende Arzt Gómez de Maio mit so vielen Fehlgeburten konfrontiert wie selbst in Buenos Aires nicht. In Gottesdiensten tauchten Neugeborene auf, die den Bürgern anders erschienen: mit gebogenen Rücken und aufgeblähten Köpfen - Wesen, die sie glaubten nur aus Fantasyfilmen zu kennen.

Auf der Suche nach Verantwortlichen stößt Jessica auf Schweigen. Kein Politiker in der Provinz Misiones will sich äußern, schon gar kein Farmer. Sie haben Verträge mit der Agrarlobby unterschrieben, nicht mit Medien zu sprechen - und Angst, angeklagt zu werden. Vergangenes Jahr ging ein Fall vor Gericht. Nach dem Tod des vierjährigen Nicolás Arévalo ordnete der Richter eine Autopsie an und stellte eine Vergiftung mit dem Pestizid Endosulfan fest. Ein Farmer wurde angeklagt, aber im November 2016 wegen Mangels an Beweisen freigesprochen.

"Höhle des Löwen"

Man würde entlang der Ruta 14 rein gar nichts von den Krankheiten erfahren, wenn nicht in den Abendstunden im Radio eine sonore Stimme den Satz spräche: "Guten Abend, liebe Mitbürger der Gen-Republik Monsanto." Sie gehört Rubén Durand, 51, einem stämmigen kleinen Mann, der zu einer Art Sprecher der Anklage zwischen den Zeilen wurde: Er redet auf Sendung über die hohe Zahl von Behinderten im Landkreis - 900 -, aber nicht über die Ursachen. Er spricht über die Anlieferung von Krebsmedizin -, aber nicht über die Gifte. "Ich darf nicht alles sagen", verrät er.

Durand empfängt in seinem "abhörsicheren" Garten, einer Oase aus Zitronenbäumen, Palmen und Kolibris. Er war selbst Holzfäller - "Waldräuber", wie er sagt - und zog für die Industrie wertvollste Tropenbäume aus dem Dschungel: "In einer Stunde einen 500 Jahre alten Mahagoni, bis mir aufging, dass ich der Erde den Schatz mehrerer Jahrhunderte entriss."

Heute ist Durand für viele so etwas wie die Stimme des Gewissens. Als er zu weit ging in seinem Hinterfragen, klärte sein Sender ihn auf, dass sich mit so viel Negativität keine Werbung verkaufen lasse.

"Ich bringe euch zu den Tätern", sagt Durand. "Meine eigene Verwandtschaft."

Am nächsten Tag führt er in die "Höhle des Löwen", wie er sie nennt, eine Farm aller möglicher Gensaaten: Mais, Reis, Soja. Er wählt den Moment, als alle Arbeiter auf den Feldern sind, und schmuggelt uns an Wachhunden und Stacheldraht vorbei zu einem Bunker aus dicken Schichten Beton: das "Gifthaus", geliefert von der Chemieindustrie selbst. Durand öffnet die Tür und gibt den Blick frei auf die mit Totenköpfen bedruckten Container von Monsanto, Bayer, BASF. Viele Insektizide wie das früher von Bayer produzierte Endosulfan sind mittlerweile in Argentinien verboten, aber in einer typisch argentinischen Wendung dürfen Bauern sie benutzen, bis der Vorrat aufgebraucht ist.

"Die Hitze killt mich."

Plötzlich taucht der Farmer auf, Durands Neffe Matías, ein ausgehöhlter Junge von 20 Jahren, dem die harte Arbeit die jugendliche Schönheit genommen hat. Auf dem Rücken trägt er einen Tank mit 20 Liter Pestiziden.

"Du bist wieder ohne Maske und Schutzanzug", konfrontiert ihn Durand.

"Mir ist das Ding zu heiß. Die Hitze killt mich."

Matiás zeigt auf einen dicken weißen Schutzanzug an einem Haken.

"Vielleicht killt dich eher das Gift", sagt Durand.

"Ich vertraue Vater. Der macht das sein Leben lang und hat nichts."

"Dafür haben alle anderen Krebs."

"Wir brauchen die Arbeit", hält Matiás ihm entgegen. "Wovon sollen wir hier sonst leben?"

So geht der Riss in Argentinien mitten durch Familien. Die Einnahmen der Farmer sind seit der Einführung der Monokulturen gestiegen - doch auch die Krebsraten. Durand sieht seinen eigenen Neffen als Täter - der sieht sich eher als Opfer der Weltwirtschaft. Einig sind sie sich darin: Monsanto hat ihr Leben revolutioniert wie kein Diktator und keine Industrialisierung.

"Dein Gift tötet andere", sagt Durand zum Abschied, "wie Jessica."

"Da müsst ihr mit Monsanto sprechen", erwidert Matías. "Wenn es Verantwortliche gibt, dann die."

Vor genau 21 Jahren machte der Agrochemie-Konzern aus Missouri einen damals kaum beachteten Vorstoß. Er schloss einen Deal mit der argentinischen Regierung unter Staatspräsident Carlos Menem über die Zulassung genmanipulierter Landwirtschaft, die in Ländern wie Brasilien und Deutschland nicht erlaubt war. Das Gutachten zur Unbedenklichkeit der Gensaat lieferte der Konzern 1996 gleich mit.

Es handelte sich um eine ebenso geniale wie perfide Idee der Chemieindustrie in ihrem Krieg gegen Schädlinge: nicht nur genmanipuliertes Saatgut zu liefern, sondern auch das passende Gift, und wenn Schädlinge resistent werden, das nächste Gift - eine Kette von Produkten, die große Erträge versprechen und große Abhängigkeit schaffen. Fortan wurde auf einer Fläche halb so groß wie Deutschland Genmais, Genweizen und Gensoja angebaut und Argentinien zu einem Lehrstück der Globalisierung: Die Amerikaner von Monsanto liefern Gensaatgut ans Rinderland Argentinien, um Futter für die Mästung von Schweinen in China zu produzieren.

Bäume wie auf dem Exerzierplatz

Vor einer ähnlichen weitreichenden Entscheidung wie damals Argentinien steht nun, 20 Jahre später, die EU. Bis Ende des Jahres muss sie beschließen, ob sie Glyphosat neu zulassen soll. Experten streiten über die Wirkung des meistverkauften Pestizids der Welt. Nach Studien der Internationalen Behörde für Krebsforschung in Lyon ist es karzinogen (wie aber auch Salami oder Speck). Nach einem Gutachten der Europäischen Chemikalienagentur ECHA dagegen ist es nicht krebserregend. Die Frage ist eher: In welchen Mengen wird Glyphosat angewandt? Wie schützen sich Farmer und Arbeiter? Und wer ist dafür verantwortlich, wenn sie es nicht tun?

Auf der Fahrt zu Monsanto verändert sich die Landschaft. Die letzten Ausläufer des Regenwalds gehen über in Pinienplantagen und endlose Sojafelder. Nur noch zehn Prozent dieses einst ausgedehnten Urwalds Südamerikas existieren noch. Ersetzt haben ihn die symmetrischen Plantagen der Land- und Forstwirtschaft, Bäume wie auf dem Exerzierplatz. Besprüht werden sie aus der Luft von Pestizidfliegern im Namen der Makellosigkeit. 20 Jahre nach dem Einzug der Industrie ist die Natur Geometrie.

Entlang der Ruta 14 folgen weitere Begegnungen mit Kindern, die jedes für sich eine Reportage verdient hätten: In San Alfonso verbringen wir einen Tag mit Fabián, 10, dessen Wasserkopf so groß ist wie sein Torso. In Posadas treffen wir den unter einer genbedingten Hauterkrankung leidenden Lucas, 6, den sie das Kristallkind nennen, weil seine schuppige Haut nicht atmen kann. Mit jedem Kilometer wird es ein zunehmend unerträglicher Trip an dunkle Orte, wo hoffnungsvolle Kindheit auf die Gewissheit des nahenden Endes trifft, diese schlimmste aller Begegnungen von Leben und Tod.

Vor der Monsanto-Zentrale in Buenos Aires hängen noch die Plakate der letzten Großdemo. "Raus mit Monsanto" steht auf ihnen. Seit Geschichten wie die Jessicas durchs Land gehen, ist das Image des Gentech-Giganten in Argentinien angekratzt. Im Konzern hält man das für ungerecht. Korrekt angewandt sei "Glyphosat weniger toxisch als die Sonnencreme auf der Haut deines Kindes", lässt ein Sprecher verbreiten.

"Vereinigten Staaten von Soja"

Noch in diesem Jahr will Bayer Monsanto für 66 Milliarden Dollar kaufen. Es wäre die größte Firmenfusion der deutschen Geschichte. Der Name Monsanto könnte sich dann in so etwas Unverfänglichem wie Bayer Cropscience auflösen. Die Chemiekonzerne haben angesichts solcher Geschichten wie die Jessicas eine Gegenstrategie gefunden: Erstens steige die Weltbevölkerung 2050 auf 9,7 Milliarden Menschen, die ernährt werden müssen. Zweitens gebe es keine Beweise für die Schädlichkeit von Gensaaten. Konfrontiert mit den hohen Krebsraten und Missbildungen in Argentinien teilt Bayer mit: "Wissenschaftliche Studien zeigen keinen kausalen Zusammenhang der Erkrankungen mit Einsatz von Pflanzenschutzmitteln."

So stehen sich die beiden Seiten unversöhnlich gegenüber: hier die Rettung vor dem Hungertod - dort die Rettung vor dem Gifttod. Schutz des Lebens versus Schutz des Lebens. Der Konflikt von Argentinien ist ein Vorgriff auf eine Zukunft, in der bald zehn Milliarden Menschen den Kampf um begrenzte Ressourcen antreten.

Die Suche nach Beweisen führt abseits der Ruta 14 nach Rosario, in die Hauptstadt der "Vereinigten Staaten von Soja", wie es im Werbespot heißt. Von hier gehen die Genernten per Schiff hinaus in die Welt und landen als Öle und Mehle in Chinas Schweinefutter und deutschen Süßigkeiten. Wie Phallussymbole stehen gewaltige Silos am Flussufer, die neuen Wahrzeichen des einst stolzen Landes der Gauchos und Steaks.

Als die Nachrichten von Deformationen und Krebstoten vor zehn Jahren die Stadt erreichten, gründeten Mediziner der Universität Rosario eine Forschungsgruppe. Seitdem schicken sie Ärzte aufs Land, jeweils 20 Dozenten für fünf Tage. Diese gehen von Haus zu Haus und erstellen einen Krankheitsatlas der Gemeinden. Inzwischen haben sie 28 Orte und 98.000 Menschen erfasst und kommen mit erschreckenden Ergebnissen zurück.

Dr. Damián Verzeñassi, 41, leitet die Gruppe, ein agiler Mann mit wachen Augen. Im vergangenen Mai trug der Mediziner seine Forschungen auf einer Konferenz in Den Haag vor, um die Europäer vor der Zulassung von Glyphosat zu warnen. Als er zurückkehrte, hatte die Uni sein Dokumentationszentrum mit Ketten verriegelt. "Kein Wunder", sagt er. "Das Unikrankenhaus erhält Gelder von der Industrie - wie auch Forscher und Politiker. Der ganze Staat lebt von Gensoja so wie Texas vom Öl."

368 Krebsfälle auf 100.000 Einwohner

Verzeñassi führt vom Hafen durch eine schmale Gasse in einen Hinterhof. Hier lagert er Kopien der Dokumente. "Die Ergebnisse sind erschütternd", sagt er und überreicht uns die letzte Studie. "Auf 100.000 Einwohner kommen im nationalen Durchschnitt 206 Krebsfälle. In unseren Orten 368, in einigen sogar 740. Die Magenkrebsrate bei den unter 50-Jährigen ist sogar sechsmal so hoch wie im Durchschnitt."

Er blickt uns vorwurfsvoll an, als habe die Welt hier ein Thema verschlafen. "Es ist eine einfache Rechnung. Die Agrotoxine bringen Erträge und Jobs, aber auch Krankheiten und Tod. Die Kardinalfrage lautet: Wie viel Profit ist uns die Missbildung eines Kindes wert?"

Aber hat er denn Beweise für durch Pestizide hervorgerufene genetische Schäden - wie im Fall Jessica?, fragen wir ihn. "Das ist die falsche Frage", sagt er. "Die Konzerne müssten erst mal beweisen, dass die jahrelange Anwendung nicht Folgen für Grundwasser, Luft, Erbgut hat." Verzeñassi holt die letzten Ergebnisse aus dem Jahr 2016 hervor. Besonders dramatisch sei die Lage in Basavilbaso. Es sei gleichzeitig der Ort einer geradezu unmöglichen Mission: Hier wollen die kleinen Leute den Giganten Monsanto zur Strecke bringen. An der Spitze die Symbolfigur des Widerstands, Fabián Tomasi, Jessicas Vorbild. "Aber beeilen Sie sich, ihn zu sehen. Tomasi hat nicht mehr lang zu leben."

Basavilbaso, 10.000 Einwohner, liegt nah der Ruta 14 bei Kilometer 358. War sie früher eine Kommune jüdischer Kleinbauern, so haben Sojafelder die Stadt heute bis zum Horizont eingekesselt. Hügel wurden begradigt, um die Ernte zu erleichtern, Land wurde übereignet, um den Einsatz von Sprühflugzeugen zu ermöglichen. Man könnte es so sagen: Hier wurde die Topografie der Industrie angepasst.

Mitten im Gürtel kleinwüchsiger Sojafelder steht einsam ein buntes Häuschen, die Schule Nr. 44 für Landarbeiterkinder. Auf die Fassade haben Schüler ein dystopisches Wandbild gemalt: Flugzeuge sprühen dunkle Wolken auf die Erde und hinterlassen Kinderleichen. Dazu der Spruch: "Besprüht unsere Schulen nicht. Agrogifte töten."

"Als Erstes starb Alexis"

Vor dem Gebäude steht die Lehrerin Mariela Leiva, 45, eine große stämmige Frau mit strohblonden Haaren wie aus einem Wikingerfilm - "Überreste meiner Vorfahren." Vor zwei Jahren wurde die Schule zum "Ziel eines Luftangriffs mit Chemiewaffen", wie sie das nennt. "Flugzeuge rauschten dicht über die Felder und besprühten dabei auch uns. Meine Schüler erbrachen und wiesen Symptome von Vergiftung auf."

Leiva holt nun dicke Mappen hervor mit Beweisfotos von Schwellungen und Ekzemen der Schüler. Nach jedem Chemieangriff legt sie einen Projekttag "Dekontamination" ein, dann desinfizieren Eltern und Kinder die Schule. Forscher der Universität La Plata kamen im November 2016 zu dem Ergebnis, dass einige Schulen der Region verseucht sind, sie fanden 300 chemische Substanzen in Luft und Erde. Leiva erstattete Strafanzeige - Nr. 5274/14 - und zog bis vor den Kongress, um eine Schutzzone für Schulen durchzusetzen. Sie zeigt auf einen Berg voller Gerichtsakten in ihrer Wohnküche, da erhält sie einen Anruf. "Den Fall kenne ich noch nicht", murmelt sie. "Wir sind in einer Stunde da."

Wie bei einem Noteinsatz rast sie in ihrem Wagen über die neu geteerten Landstraßen, vorbei am neuen Flugplatz, an neuen Silos, an einer neuen Agrarlandschaft aus dem Labor - made in America. Im Ort Gilbert hält sie vor dem bröckelnden Haus der Bauernfamilie Portillo - oder eher den Überresten der Familie.

"Wo sind die Kinder?", fragt Leiva. "Als Erstes starb Alexis", sagt Norma Portillo, die Mutter. "Es hieß: an Meningitis. Er war 18 Monate alt." Und dann? "Dann meine Nichte Micaela, mit acht. Das Grundwasser war plötzlich verseucht. Elf Tage war sie interniert." Und dann? "Drei Wochen später starb mein Sohn Cristian. Auch er an Meningitis." Und dann? "Dann zogen wir weg von unserem kleinen Stück Land." Und Ihr Mann? "Der ist gerade gestorben. Mit 41." An Meningitis? "Nein, diesmal sagten sie: Sarkoidose. Aber wir sind überzeugt: Alle starben an Vergiftung. Das Gift des Farmers hat unsere Großfamilie halbiert."

Norma Portillo führt uns zu den Gräbern auf dem Friedhof, selbst dieser ist umgeben von Sojafeldern. Ihr letztes Geld gab sie Anwälten, um Autopsien durchführen zu lassen, aber es versandete auf dem Weg zur Klärung. "Kann Fabián Tomasi nicht helfen?", fragt Portillo.

Wandelnde Leiche

"Der stirbt gerade", sagt Leiva.

"Wir erlegen die Monster gerade."

Tomasi empfängt uns noch am selben Abend in einem kleinen Haus am Ortsrand mit dem Satz: "Noch mal die wandelnde Leiche sehen, oder?" Er sitzt am Küchentisch über einer Maschine, die ihm Kamille in die Lungen pumpt. Ein fahler Mann, 51, der von sich selbst als Skelett spricht, ausgehöhlt von einer Krankheit, die ihm die Würde nahm, aber nicht den schwarzen Humor. "Schau dir meine Stäbchen an", sagt er und zeigt auf dünne Beine voller brauner Flecken. "Und diesen Traumkörper", er zeigt auf einen Brustkorb, der nur aus Rippen und Haut besteht.

Zwei Jahre arbeitete Tomasi bei der Agrarfirma Molino und belud Sprühflugzeuge mit Glyphosat und DDT, bis er Atemnot bekam. Die Ärzte diagnostizierten toxische Polyneuropathie, eine Nervenkrankheit, und gaben ihm noch sechs Monate Leben. Er sah das als Herausforderung und machte bis heute zehn Jahre draus.

"Unser Kampf hat sich gelohnt", resümiert er. "Wir erlegen die Monster gerade." In Córdoba präsentierten sie vor Gericht die mit Agrochemikalien durchsetzten Blutwerte von 114 Kindern. In Ituzaingó erreichte die mit dem Goldman Umweltpreis ausgezeichnete Hausfrau Sofía Gatica die Verurteilung eines Giftpiloten und eines Sojabauern zu drei Jahren Haft. In der Ortschaft Malvinas beteiligten sich Bürger so lange an einer Blockade, bis Monsanto seine Pläne für die zweitgrößte Genmaisfabrik Lateinamerikas aufgab.

"Es ist der Sieg kleiner Leute über die Elite", sagt Tomasi und klingt für einen Moment wie ein Anhänger Trumps. Seine Mutter füttert ihn mit Brei, weil er selbst den Löffel nicht halten kann. Medizin nimmt er nicht mehr, "weil die Medizin meine Vergiftung nicht anerkennt".

Wir verabreden uns für den nächsten Tag, aber als wir eintreffen, ist Tomasi zusammengebrochen und schnappt nach Luft. Wir fahren ihn ins Krankenhaus, wo er für einige Stunden in der Notaufnahme verschwindet. Am Morgen danach tritt ein Arzt heraus und sagt: "Er war fast tot. Die Lunge ist am Ende. Ich mache Ihnen wenig Hoffnung."

Mehr Giftflugzeuge als Militärmaschinen

Tomasi darf keine Gäste empfangen, aber er besticht eine Krankenschwester und bittet zum letzten Gespräch, eine Art Epilog oder Manifest. Am Krankenbett sitzen die Mutter, die Tochter, die Exfrau. Mit schwacher Stimme spricht er: "Ich kann nicht glauben, dass die intelligenteste Generation Mensch, die es je gab, unsere Werte so ausliefert. Wir in Argentinien haben inzwischen mehr Giftflugzeuge als Militärmaschinen. Wir haben unsere Seele verkauft an die Industrie. Vieles ging zugrunde - nur die Wahrheit nicht. Jetzt kann ich gehen. Sie haben mich niedergerungen - und ich sie. Wir sind quitt."

Er blickt aus dem Klinikfenster auf den Stolz der Stadt, die größten Getreidesilos in der Provinz Entre Ríos, und rundherum: Genfelder, selbst am Krankenhaus. Wir wollen die Gardine zuziehen, aber er hebt protestierend die Hand. Er sagt: "Ich will meinen Feinden beim Sterben ins Auge sehen."

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