Audi R8 Hab' Acht Porsche!


Höfliche Gäste klopfen an der Tür, wenn sie auf eine Party wollen. Der R8 reißt die ganze Wand ein, um hinein zu kommen. Kein Wunder, Porsche und Co wären lieber unter sich geblieben und müssen nun gute Miene zum schnellen Spiel machen.
Von Gernot Kramper/Las Vegas

"Plus Ultra" riefen die Konquistadoren auf ihren Raubzügen in die neue Welt. Für Audi, den Angreifer aus der bayerischen Niederung, gelten seit Jahren keine Limits mehr. Das man in Ingolstadt keinen Beißhemmungen kennt, manifestiert sich in dem neuen Sportwagen R8. Schon sein Anblick verwandelt die Kehle in die Staubwüste von Nevada, der Atem krächzt, die Zunge klebt am Gaumen. Unglaublich mächtig liegt das Heck auf den Asphalt, breit und fett und verziert mit riesigen Lufteinlässen. Ein Wagen, der beim Betrachter die Luft rauslässt, bevor er rettungslos seinen Primär-Gelüsten (Tätscheln, Riechen, Schmecken, Fahren) ausgeliefert ist.

Ein bisschen Spaß muss sein

Für Fans der gehobenen Wohnkultur thront der Achtzylinder unter einem Glasdach - auf Wunsch von Carbon eingefasst und von Kaltlicht illuminiert. Okay, bei Computer-Bastlern ist so etwas schon lange En Vogue und gilt als Beweis einer nicht verarbeiteten Pubertät. Mit 400 PS fällt die Wertung anders aus: Eine Vitrine, würdig der Kronjuwelen! Vorne sind die R8-Augen scharfe Schlitze, nur wenige Zentimeter erhebt sich der Bolide über den Asphalt, immer bereit, einen Sturm an Frischluft in sich hineinzusaugen. Die Hauptscheinwerfer ziert ein Lidstrich von je zwölf LED-Leuchten. Dieses Tagfahrlicht gibt dem R8 einen unverwechselbaren Ausdruck im Rückspiegel. Besonderes Stilelement und definitiver Hingucker sind die Karbon-Lätzchen an den Seiten. Der offizielle Name lautet "Sideblades". Durch sie kann der Wagen auf Wunsch extravagante Farbkontraste erhalten, es geht natürlich auch "Ton in Ton". Besonders farbsensitive R8-Fahrer können die Designplatten sogar dann und wann in der Werkstatt austauschen lassen. Passend zur Mode. Das wäre vielleicht der angemessene Gebrauch, denn von der Funktion her hätte man sicher eine weniger aufwändige Lösung finden können. Unter den Platten sitzen die riesigen Kiemen, die den Mittelmotor beatmen. Auch der in Handarbeit zusammengesetzte R8 profitiert vom Know-how des Großserienherstellers und bietet die von Audi gewohnte Perfektion im und in der Endfertigung.

Bequem für den Fahrer

Positiv: Auf den beiden Plätzen haben auch solche große Fahrer bequem Platz, die sportliche Exoten bislang nur mit großer Leidensbereitschaft fahren konnten. Die Sitze sind perfekt und bieten auch bei rasanter Fahrweise genügend Seitenhalt. Die optionalen Sportsitze sehen nicht nur sehr avantgardistisch aus, sind sind auch sehr stramm ausgelegt. Auf langen Strecken sicherlich nicht jedermanns Sache. Obwohl auf der Präsentation ein maßgeschneiderter Golfsack hinter den Sitzen platziert wurde (90 Liter Stauvolumen) muss das Angebot angesichts von 100 Litern Kofferräumchen unter der Vorderhaube sehr spartanisch genannt werden. Nutzbar ist die Lademulde ohnehin nur mit maßgeschneidertem Gepäck. Da bekommt man schon im normalen 911er deutlich mehr Platz geboten, der Targa mutet im Vergleich zum Audi wie ein Familienkombi an. Über Notsitze in der zweiten Reihe verfügt der Mittelmotorwagen übrigens nicht, mitreisende Kinder müssen daher am Gartenzaun weinen. Das begrenzte Ladevolumen des R8 führt zu dann auch zu den stärksten Einbußen in der Alltagstauglichkeit.

Leistung ist vorhanden

Gestartet wird traditionell mit Zündschlüssel. Der stylische Schaltknüppel liegt in einem gefrästen Wunderwerk von Schaltkulisse. Mit einem Tritt dreht der reine Sauger auf 8000 Umdrehungen hoch. In 4,6 Sekunden haben 420 PS und 430 Nm den Boliden auf Tempo 100 gebracht, in zehn Sekunden werden die 200 km/h-Marke erreicht. Einen Begrenzer gibt es natürlich nicht, theoretisch wäre bei 301 km/h Schluss. Dabei ist es eher unwahrscheinlich, dass bei den Testfahrten in den USA irgendjemand den Sprung über die 300 km/h-Grenze gewagt hat. Für diesen Bericht wurde vorher gestoppt, aber erst nachdem das Sprintvergnügen in den USA nicht mehr mit einer Geldstrafe hätte geahndet werden können.

Präzise und satt

Für seine sportliche Gangart möchte sich der Wagen im unrealistischen Normzyklus bereits 14,6 Liter genehmigen, bei sportlicher Fahrweise dürfte der Verbrauch zwanzig Liter übersteigen. Zum Glück kann man beim Kauf zwischen einem 75-Liter-Tank und einer Highway-Ausgabe mit 90 Litern wählen. In den reinen Fahrwerten übertrifft er selbst den 911er. Im Fahrverhalten überzeugt der R8 auch bei fordernder Fahrweise mit seiner ungeheuren Präzision. Dank des serienmäßigen Quattro-Allrad-Antriebs und ausreichendem Gewicht auf der Vorderachse wirkt der Wagen nie nervös und kommt mit sparsamen ESP-Eingriffen aus. Zum Jahresende wird der R8 auch mit Keramikbremsscheiben ausgerüstet, die jetzt verfügbaren Metallscheiben halten die Kräfte allerdings auch fest im Griff. Trotz Leichtbauweise bringt der R8 opulente 1600 Kilogramm auf die Wagen. Davon lasten 56 Prozent auf der Hinterachse. Hier harmoniert Audis Allradtechnik Quattro mit der perfekten Gewichtsverteilung eines Mittelmotorkonzeptes. Der Antrieb betont das Heck, er teilt der Hinterachse immer zwischen 65 und 90 Prozent der Kraft zu. Diese Verteilung reicht für ein sportliches Kurvengefühl, Drifts und andere Späßchen lassen sich auch bei ausgeschaltetem ESP nur mit Absicht herbeiführen.

"Wo wir sind, ist vorn!"

Gelungen ist also gar kein Wort. Im ersten Wurf in diesem Segment nimmt Audi lässig einen Platz an der absoluten Spitze ein. Als Vergleich fällt jedem, der den R8 gefahren ist, nur ein Wagen ein: der 911. Mehr kann man nicht erreichen, als im ersten Versuch die absolute Krone einer jahrzehntelangen Sportwagen-Tradition einzuholen. Natürlich begann auch Audi nicht beim Stand "Null". Der R8 atmet den Geist des Le-Mans-Siegerautos und verdankt dem Lamborghini Gallardo einiges. Ob der 911 nun tatsächlich besser oder schlechter sei, ist ohnehin eine Frage, die nur echte Rennfahrer im unmittelbaren Vergleich herausfinden können. Viel entscheidender sind reine Geschmacksfragen: Schätzt man den etwas größeren Innenraum im Audi oder möchte man nicht auf die Enkel-Pritsche im Porsche verzichten? Liebt man die Knochenikone 911 oder verliebt man sich in den bullig-italienischen Stil des Ingolstädter?

Kein Stottern im Stau

Die kompromisslose Härte des Gallardo wurde lieber weggelassen, trotz des martialischen Aussehens - und des Verbrauchs - lässt sich der R8 in Alltagssituationen sehr bequem und mit überraschend guter Sicht nach hinten manövrieren. Niemand kauft sich so diesen Wagen, um im Citystau zu stehen, nur vermeiden lässt es sich nicht. Tatsächlich kann man auch im R8 geduldig in der Schlange warten und im Berufsverkehr umher zuckeln, ohne dass neben den anderen Kraftfahrern auch noch ein nervöses Rennpferdchen auf die Nerven fällt.

Porsche ist natürlich nicht der Hauptkonkurrent von Audi, die eigentliche Stoßrichtung des Sportwagens zielt auf die Anbieter im Premiumsegment Mercedes und BMW - und beide haben nichts im Angebot, was dem R8 standhalten könnte. Von ihnen spricht im Zusammenhang mit dem Audigeschoß niemand. Besonders den sportiven Münchnern dürfte die R8-Pille wenig munden.

Retter gesucht

Preise gibt es beim R8 auch und, was soll man sagen, der Wagen schenkt sich nicht unter Wert hin. Ein Basispreis von über 100.000 Euro führt zu Summen von 120.000 bis 130.000 Euro in der Endkonfiguration. Dass sich ein Edelgeschoß wie der R8 immer noch einen tüchtigen Schluck aus der Extra-Flasche genehmigt, mag man bedauern, verwundern tut es nicht. Unangenehmer ist, dass es für das sportlichste Modell von Audi auf absehbare Zeit keine DSG-Technik geben wird. Wegen des Mittelmotors wird man auf ein echtes Cabrio vergebens warten, dafür ist jedoch reichlich Platz im Maschinenraum, so dass einer PS-Kraftkur mit mehr Zylindern nichts im Wege steht. Ein Erfolg ist der R8 schon jetzt, die Produktion des ersten Jahres wurde komplett verkauft. Mit Glück könnte man noch ein Händlermodell ergattern. Bei den Fahrzeugen auf den Fotos handelt es sich übrigens noch nicht um Serienmodelle. Diese himmlischen Renner werden daher nie in den Handel kommen. Wenn sich nicht eine Audi-Abteilung ihrer erbarmt, gehen sie allzu früh den Weg allen Irdischen. Altruistische Rettungs- und Asylangebote nimmt Audi leider nicht an


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