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BMW 760Li: Langes Laster

80 Prozent der amerikanischen 7er-Kunden warten sehnsüchtig auf die Langversion des großen Bayern. Da lag es nahe, der Weltpresse den langen Lulatsch in Miami schmackhaft zu machen.

80 Prozent der amerikanischen 7er-Kunden warten sehnsüchtig auf die Langversion des großen Bayern. Da lag es nahe, der Weltpresse den langen Lulatsch in Miami schmackhaft zu machen.

14 Zentimeter mehr

Mit dem langen Siebener in Amerika, das ist schön - hat man doch selten die Gelegenheit, den Luxus-BMW in seiner »natürlichen« Umgebung zu bewundern. Mit dem langen Siebener in Amerika, das ist aber auch ganz schön ernüchternd - muss man sich doch nach den ersten Meilen damit abfinden, dass im Land der unbegrenzten Auto-Monster 14 Zentimeter mehr 7er längst nicht das Maß aller Dinge sind.

Hollywood-Glanz

Zugegeben, für europäische Verhältnisse ist der 760 Li eine durchweg beeindruckende Erscheinung. Natürlich wegen seiner gestreckten Karosserie und den spektakulär getönten Fontscheiben, die an Stars, Chauffeure in Uniform oder Hollywood-Stars erinnern. Natürlich aber auch wegen des auf Hochglanz polierten V12-Logos, das unweigerlich die Blicke auf sich zieht.

12 Zylinder, sechs Liter Hubraum, 445 PS und ein Drehmoment von 600 Newtonmeter. Wer bei solchen Leistungsdaten den Chauffeur ans Steuer lässt, dem ist nicht mehr zu helfen - sollte man meinen. In der Praxis machen jedoch DVD-Unterhaltung, Massagesitze, Kühlbox und XXL-Beinfreiheit dem Platz hinterm Volant Konkurrenz.

»Hallo, ich bin Johann, Ihr Chauffeur...«

Dementsprechend »selbstlos« überlässt man dem Fahrer (»Hallo, ich bin Johann, Ihr Chauffeur. Es freut mich, mit Ihnen unterwegs zu sein.«) das Cockpit. Dort hat sich im Vergleich zum Serien-7er auch nichts verändert. Edelste Hölzer, fragwürdige Design-Linien aus der Feder von BMW-Chefdesigner Chris Bangle und der immer wieder gern beschriebene »iDrive«-Knopf, der nach wie vor auf der Mittelkonsole nach Aufmerksamkeit giert.

Stufenlose Türbremse

Ganz so spurlos ist der Abstecher auf die Streckbank an den hinteren Plätzen nicht vorbeigegangen. Die 14 Zentimeter mehr Blech sind hier deutlich spür- und erlebbar. Sogar wer mit endlosem Körperwuchs und unbegrenztem Reichtum geschlagen ist, muss sich um die standesgemäße Unterbringung seiner Körperteile keinerlei Gedanken machen. Selbst von den extrem großen Font-Türen droht keine Gefahr. Die riesigen Portale werden von stufenlosen Türbremsen in Position gehalten. Egal wie weit man die Türen auch öffnet, sie bleiben immer in der gewählten Position. Das Schließen der Türen verläuft völlig stressfrei. Entweder mit viel Schwung und dem obligatorischen »Oberklasse-Plopp« oder sanft mit elektrischer Unterstützung. Ab der Vorraststellung übernimmt ein Elektromotor das endgültige Schließen der Türen. Da haben die BMW-Ingenieure bei Maybach ganz genau hingeschaut...

High-Tech-Sitzmöbel

Nach dem Tür-Theater geht es für die Fond-Passagiere erst richtig los. Der Weg führt nach dem Einstieg direkt in einen der beiden komfortablen Einzelsitze. Das Leder-Gestühl muss sich nicht hinter den Sitzgelegenheiten anderer Luxus-Schlitten verstecken. Verstellmöglichkeiten sind genügen vorhanden, die einzelnen Sitzteile ausreichend dimensioniert. Auf Wunsch sorgen die Sitze per Heizung oder Kühlung fürs richtige Rücken-Klima und versorgen ihren Passagier sogar mit einer Massage. Den Maybach ausgenommen, bietet derzeit nur ein Konkurrenzfahrzeug ähnliches High-Tech-Sitzmöbel im Fond: der VW Phaeton. Dort wirkt die Massage auch im Rückenbereich, während beim Siebener lediglich die Po-Backen durchgeknetet werden.

An Details gedacht

Der Qualitätseindruck ist über jeden Zweifel erhaben. Alles andere wäre in einem Fahrzeug aus der BMW-Manufaktur auch eine Überraschung gewesen. Dass dabei in Zeiten gesichtsloser Massenprodukte auch an Details gedacht wird, unterstreicht den hohen Anspruch, den man sich in München mit dem langen 7er gesetzt hat. So sind selbst die Haltebügel (»Schwiegermutter-Griffe) über den Seitenscheiben mit edlen Holzbeschlägen ausgestattet. Schick: der mit Alcantara bezogene Dachhimmel.

Den Weg auf den Rücksitz geschafft hat mit der Präsentation des langen Siebeners auch das »iDrive«-System. Spötter mag es gruseln, Fans erfreuen - wer im 7er Li fahren lässt, soll währenddessen mit dem oft gescholtenen »Dreh-Drück-Steller« durch die diversen Menüs von Klima-Anlage, Entertainment-Angebot und Telefon-Verzeichnis »surfen«. Das beherrscht man oder eben auch nicht.

Rollendes Kino

Auf Wunsch (und natürlich gegen mindestens 2.600 Euro Aufpreis), wird der gestreckte 7er zum rollenden Kino. Sechs DVDs schluckt der Wechsler im Kofferraum, alle einzeln anzusteuern mit dem bereits erwähnten »iDrive«-Knubbel. Sichtbar wird der digitale Filmgenuss auf einem schicken Flachbildschirm im 16:9-Format, der zwischen den beiden Vordersitzen untergebracht ist. Für den angemessenen Sound sorgt das Logic7 von Harmann-Kardon, das die Font-Passagiere mit einwandfreiem Surround-Sound versorgt.

Alles komplett? Von wegen! So richtig stilvoll wird´s mit der eigenen Klima-Anlage für die Hinterbänkler (2.000 Euro), einem separaten Telefon (750 Euro) und elektrischen Sonnenrollos für Heck- und Seitenscheiben (1.630 Euro). So lässt es sich leben - auch im Land der grenzenlosen Auto-Möglichkeiten.

Her mit dem Lenkrad

So gleitet man als bemitleidenswerter Autotester, dank dicker Scheiben von der Außenwelt weitgehend abgeschirmt, durchs spätsommerliche Miami, plaudert mit dem Chauffeur, konsumiert den einen oder anderen Filmtrailer und gönnt sich einen kühlen Schluck Mineralwasser (!) aus der Kühlbox (920 Euro). Kritik? Nicht wirklich - und doch dauert es nicht lange, bis man das scheinbar perfekte Dahinrollen nicht mehr ausstehen kann. Man mag es Berufskrankheit nennen, aber auf Dauer geht es nicht ohne Lenkrad. Erst Recht mit der Gewissheit, dass irgendwo vor dem Fahrer 12 Zylinder flüsterleise ihrer Arbeit nachgehen.

Flüsterleise

Also, ran ans Steuer. Bereitwillig überlässt mir Johann den typischen 7er-Schlüssel. Das bartlose Elektronik-Kästchen gehört zum »Comfort Access« , das das gute alte Zündschloss überflüssig macht. Nähert man sich mit dem »Schlüssel« in der Tasche dem Fahrzeug, lassen sich wie von Geisterhand die eigentlich verschlossenen Türen öffnen. Auch die Betätigung des Startknopfes bleibt nicht unbeantwortet. Zumindest theoretisch. Dass der Zwölfzylinder seiner Arbeit nachgeht, lässt sich eigentlich nur durch die Bewegungen des Drehzahlmessers nachweisen.

2.150 Kilo und der Sportwagen-Sprint

Das akustische Versteckspiel sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass man es beim 760er mit einem reinrassigen Zwölfzylinder zu tun hat. Schon der zaghafteste Kontakt mit dem Gaspedal ist für das bayerische Kraftwerk ein willkommener Anlass, ans Werk zu gehen. Scheinbar spielerisch marschiert der 760 in jeder Situation vorwärts - die 2.150 Kilo, die die Limousine auf die Waage bringt, sind dabei Nebensache. Wer es darauf anlegt, pulverisiert die 100er-Grenze in schlappen 5,7 Sekunden.

Um die Leistungsfähigkeit des weltweit ersten Zwölfzylinder-Motors mit Benzin-Direkteinspritzung gefahrlos zu erleben, braucht man jedoch ein abgesperrtes Testgelände. Zwar gilt es schlechthin als Sünde, eine Luxus-Karosse durch enge Schikanen und endlose Geraden zu prügeln. Aber was sein muss, muss sein.

In den Kurven siegt die Physik

Wo üblicherweise amerikanische Tourenwagen auf dem Homestead Miami Speedway im Kreis fahren, durfte sich auch der 760Li austoben. Extra für die europäischen Gäste wurde das Oval jedoch um eine »echte« Rennstrecke erweitert. Eine faire Geste. Denn bereits die ersten Kurven offenbaren die wohl einzige Schwäche des dicken Bayern: sein Gewicht.

Selbst die sonst so auf Sportlichkeit bedachten Bayern können die Physik nicht außer Kraft setzen. So ist der reine Spurt für die lange Limousine keine echte Herausforderung. Wer jedoch versucht, die über zwei Tonnen des 760Li sportwagengleich um schnelle Ecken zu zirkeln, schließt schnell Freundschaft mit den zahllosen Fahrstabilitätsprogrammen. Wild blinkend hat die Elektronik alle Hände voll zu tun, den rasenden Riesen wieder in eine stabile Fahrlage zu bringen.

Deaktiviert man das Elektronik-Heer, verpflichtet man als Chauffeur idealerweise einen arbeitslosen Rallye-Profi. Das luftgefederte Heck der Limousine bietet zwar idealen Federungskomfort, ist jedoch im Hinblick auf eine drohendes Übersteuern nicht wirklich mitteilsam.

Fairerweise muss man ergänzen, dass kaum eine Luxus-Limousine derartige Fahrmanöver problemlos wegsteckt. Umso erstaunlicher, dass der 760Li damit recht gut umgehen kann. Auch wenn kein Chauffeur dieser Welt seinen solventen Arbeitgebern im Fond derartige Schleudertouren zumuten würde.

Zwölf Zylinder contra Umweltschutz

Bei einem Zwölfzylinder von Umweltschutz zu sprechen, ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Dennoch muss man erwähnen, dass sich der Zwölfzylinder im Schnitt mit 13,6 Liter Super Plus zufrieden gibt. Ein Wert, von dem einige direkte Konkurrenten noch diverse Liter entfernt sind.

Fazit

116.000 Euro - dafür bekommt man in ländlichen Gegenden eine schicke Eigentumswohnung. Bei BMW darf man dafür in automobilem Luxus schwelgen. Der lange Siebener ist wie geschaffen für Menschen, die sich nicht mit einer herkömmlichen Oberklasse-Limousine zufrieden geben möchten, sich dann aber doch noch keinen Maybach leisten können. Schöne, reiche Autowelt...

Jochen Knecht

Jochen Knecht

Wissenscommunity

Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.