Motorradtour 2 - Nordchina Ein Volksauflauf und eine Sechs-Stunden-Panne


Neunzig Kilometer von Chengde beginnt eine andere Welt. Yang Shuling, ein Zweitausend-Seelen Dorf, ist von der modernen Welt so weit weg wie der Mond.
Von Matthias Schepp

Neunzig Kilometer von Chengde, der malerischen Sommerfrische der chinesischen Kaiser, tauchen wir in eine andere Welt ein. Yang Shuling, ein Zweitausend-Seelen Dorf, liegt 400 Kilometer von Peking entfernt, ist aber von der modernen Welt so weit weg wie der Mond. Auf der Landstraße bauen die Obst-, Gemüse, Kleider- und Haushaltswarenhändler ihre Stände auf. Die Erfolgreicheren haben wackelige Tische, die Mehrheit breitet Melonen, Kürbisse und Ginger auf dem Asphalt aus. Wir wollen Äpfel kaufen, sind aber im Nu von fünfhundert Leuten umringt. Sie blockieren die Straße. Ein Bus bahnt sich mühsam und wild hupend seinen Weg.

Ausländer unbekannt

Bauer Cao aber pafft in aller Ruhe sein Kraut aus einer Bambusrohrpfeife. "Ich habe noch nie einen Ausländer gesehen", sagt er. Das gilt für die meisten im Dorf, mit Ausnahme der kommunistischen Dorfchefs, die ab und zu nach Peking oder Chengde fahren dürfen.

Eine junge Frau steht mit offenem Mund vor Peter. "Sind Ihre Haare gefärbt", fragt sie scheu. Sie hat noch nie einen Menschen gesehen, der eine andere Haarfarbe als schwarz hat. Peter hat hellbraune Haare, nicht gefärbt, echt. Ein alter Mann mit Krückstock hat sich bis zu Gerd George, unserem Fotografen, vorgekämpft. "Wieviel willst Du", fragt er. Er möchte eines der Fotos kaufen. So wie früher, als fahrende Filmvorführer und Fotografen alle paar Monate ins Dorf kamen.

Die Armut des Landes

Mehr als 800 Millionen Menschen leben auf dem Land, die meisten von ihnen in großer Armut. Ihr Durchschnittseinkommen beträgt weniger als 200 Euro - im Jahr. Die meisten Politiker und Wirtschaftsbosse im Westen haben meist nur die Skyline von Shanghai im Kopf. Sie werden nicht müde von Chinas Wirtschaftswachstum und seinen Zukunftsaussichten zu schwärmen. Sie vergessen, dass China nicht nur eine aufstrebende Großmacht ist, die gerade ihren ersten Bürger ins All geschickt hat, sondern auch ein Entwicklungsland, in dem neunzig Prozent der Menschen Deutschland nicht auf einer Landkarte finden könnten.

Am Morgen haben wir im großen Buddisten-Tempel von Chengde, einer Kopie der berühmten Potala in Tibet, Wimpel gekauft, die das Rad des Lebens zeigen. Wir befestigen sie an den Antennen unserer Motorräder. "Das wird uns Glück bringen", hatte Rene Egle, der Hotelmanager aus Jakarta in Indonesien, gejuxt. Tatsächlich haben wir nur anderthalb Stunden für die knapp hundert Kilometer gebraucht. Die Straße war wunderbar. Die Morgensonne wärmte uns. Keines der Motorräder machte schlapp. Dann aber verlässt uns das Glück. Eine Umleitung führt über eine wilde Piste mit vielen Schlaglöchern, drei lange, staubige Stunden.

Die Notration: 120 Kilogramm Ersatzteile

In Lingguan, einem staubigen Flecken voll hässlicher Beton-Plattenbauten, streikt das Kugellager des Motorrads von Richard George, dem Engländer, den wir alle kurz Rick nennen. Wir haben mehrere Kugellager dabei, insgesamt 120 Kilogramm Ersatzteile. Andere Bauteile aber fehlen. Der Polizist, der uns vor zehn Minuten noch misstrauisch beäugte, lässt unseren Mechaniker Shang auf seinem Motorrad Platz nehmen und hilft bei der Suche. Nach einer halben Stunde sind die beiden erfolgreich zurück. Das Ein- und Ausbauen aber dauert sechs Stunden. Hunderte schauen uns dabei zu. Dann bricht die Dunkelheit herein.

Wir wollen dennoch ein Stück weiterfahren, wollen uns nicht mit den spärlichen 220 Kilometern zufrieden geben, die wir seit heute Morgen zurückgelegt haben. Nach dreißig Kilometern aber müssen wir aufgeben. Zu gefährlich. Jeder von uns kennt die Statistik: Jedes Jahr sterben auf Chinas Straßen 110.000 Menschen. Wir wollen kein unnötiges Risiko eingehen, trinken um elf Uhr in unserem Hotel noch ein Bier und beschließen, morgen aufzuholen, was wir heute nicht geschafft haben.


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