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Motorsport: Höllenritt im Renn-Käfer

In einem Rennboliden ein richtiges Autorennen auf einer echten Rennstrecke fahren. Der Uniroyal Fun Cup macht den Motorsport-Traum wahr. Ab 995 Euro kann jedermann auf den Spuren von Schumacher und Co. wandeln.

Von Christian Gebhardt

Vollgas, bis zum Bodenblech. Fünfter Gang. Mit fast 200 km/h ziehe ich aus dem Windschatten. Das Kiesbett am Ende der Start-Ziel Geraden fliegt rasend auf mich zu. Schnell auf die Bremse, den dritten Gang reinknallen. Einlenken, am Scheitelpunkt wieder voll aufs Gas. Gerade noch mal die Kurve gekratzt. In den wild vibrierenden Außenspiegel sind die überholten Renn-Käfer nur noch schemenhaft zu erkennen. Nächste Kurve, noch später verzögern, keinen vorbei lassen. Zu spät gebremst, beim Einlenken schiebt der Rennbolide mächtig über die Vorderräder. Danach zu früh aufs Gas. Das Heck wird leicht, gerät wild ins Schlingern. Wieder voll auf die Bremse. Weißer Qualm steigt auf. Mit blockierenden Rädern geht’s runter von der Ideallinie. Dreher. Jaulend stirb der Motor ab.

Nur weg hier

Das Herz rattert wie eine Nähmaschine auf Hochtouren. Gerade habe ich mich bei meinem ersten Autorennen im Rahmen des Uniroyal Fun Cups auf dem Sachsenring selbst ins Abseits gedreht. Vier Stunden Renndistanz stehen auf dem Programm und nach eineinhalb Stunden schon alles vorbei? Im schwer einsichtigen Kurvenabschnitt Omega können die Einheits-Rennwagen mit der aufgesetzten Kunststoff-Karosse in VW Käfer-Silhouette nur durch wilde Zick-Zack-Lenkmanövern ausweichen. Schnell weg hier.

Zum Glück geht es bergab

Zittrig geht die Hand, vorbei am griffigen wildlederüberzogenem Dreispeichen-Rennlenkrad in Richtung des spartanisch ausgestatteten Armaturenbretts. Analoge Rundinstrumente mit Hauch vergangener Automobiljahrzehnte informieren mit roten Zeigern über Drehzahl, Öl-Druck und Kühlwassertemperatur. Digitales Info-Board mit Klimatronik – Fehlanzeige. Endlich fündig geworden, neben zwei kleinen baumarktähnlichen Kippschaltern, thront rechts der schwarze Druckknopf. Darüber eine auf gelbe Folie selbstgedruckte Aufschrift "Anlasser".

Einmal drücken, zweimal drücken. Nichts passiert. Schon beim ersten Boxenstopp nach 40 Minuten musste der 760 Kilogramm leichte Retro-Renner mit der Startnummer 169 mit geballter Muskelkraft angeschoben werden. Diagnose: Anlasser defekt. „Wenn der Motor draußen auf der Strecke ausgeht, war’s das, da kommt keiner zum Anschieben“, schießen mir die Worte von Fun Cup-Rennmechaniker Siggi Steinacker, selbst erfahrener Rallye-Pilot in der Deutschen Meisterschaft, in den Kopf. Glücklicherweise ist der Flügelflitzer auf einer Bergab-Passage des 3,670 Kilometer langen Grand Prix-Kurses gestrandet. Zweiter Gang rein, rollen lassen. Kupplung kommen lassen, dabei das Gaspedal voll durchtreten. Mit gewitterähnlichem donnernden Grollen meldet sich der 130 PS-starke Reihenvierzylinder-Mittelmotor zurück.

Nacktes Fahrvergnügen

Bremsen, Runterschalten, Einlenken, am Scheitelpunkt wieder aus der Kurve rausbeschleunigen. Zehnmal links und viermal rechts pro Runde. Die einzelnen Kurven sind schnell im Gedächtnis, der Mut ans Limit zu gehen erfordert Zeit. Hektisch tänzelt der Fun Cup-Flitzer in den schnellen Kurven mit dem Heck. 5 km/h mehr und es geht ins Kiesbett, der rechte Fuß zuckt unweigerlich vom Gaspedal. Das Herz hämmert bis zur Halskrause. Höchste Konzentration ist gefordert und das kostet Kraft. Ohne elektronische Luxus-Fahrhilfen, wie Servolenkung und Bremskraftverstärker, müssen die Fun Cup-Piloten körperlich fit sein, um die Boliden in der Spur zuhalten. Bei sommerlichen Außentemperaturen mutiert der kleine Race-Käfer mit Cockpit-Temperaturen bis zu 50 Grad außerdem schnell zu einer wahren Renn-Sauna. Der feuerfeste Rennoverall ist innerhalb von Sekunden wie nach einem Duschbad klitschnass geschwitzt.

Nach 40 Minuten geht es zurück an die Box. Vier bis acht Piloten wechseln sich bei den vier bis 25 Stunden dauernden Langstreckenrennen ab. Während der Boxenstopps haben die Teams die Möglichkeit zu Fahrerwechseln. Mit 20 Liter-Kanistern werden die Fun-Käfer über einen Einfüllstutzen in der kugeligen Fronthaube hektisch aufgetankt. Durch die Luft schwebender Benzingeruch und große Öl-Flecken in der Boxengasse erinnern an die Rennsport-Ära vor den perfekten Boxenstops der aktuellen Formel 1. Motorsport zum Anfassen.

Rennziel erreicht

Wild zerre ich an den Schnallen des Dreipunkt-Gurtes, der den Brustkorb zusammenschnürt und kaum Luft zum Atmen lässt, presse mich aus dem engen Rennschalen-Sitz und hangele an den Verstrebungen des Sicherheits-Gitterrohrrahmen aus der engen Tür. Rennziel erreicht, das Auto ist heil geblieben und der Fun Cup hält was er verspricht: Fun steht im Vordergrund und Spaß hat es gemacht. Aber alle Achtung vor Lenkrad-Profis: Rennfahren ist körperlicher und mentaler Hochleistungssport.

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