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Automarkt: Auto per Mausklick – Amazon steigt in den Autohandel ein

Nach Elektronik und Büchern will Amazon im großen Stil Autos verkaufen, berichtet das Fachblatt "Automobilwoche". Auf die alteingesessenen Händler rollt eine Dampfwalze los.

Die Autowelt hat gebannt auf Tesla, Google und Apple gestarrt, der erste Paukenschlag aus dem Silicon Valley kommt aber von Amazon. Laut "Automobilwoche" will der Handelsgigant den Automarkt aufmischen und selbst Autos in Europa anbieten. Es geht also nicht um die Produktion, sondern um die Distribution von Autos – getreu dem Motto von Jeff Bezos : "Eure Marge ist mein Geschäftsmodell".

Mehrere Testballons

Auf die Autohändler kommen harte Zeiten zu. In Großbritannien soll der Siegeszug begonnen werden, der schwierige deutsche Automarkt wird folgen. Erste Erfahrungen hat Amazon in Italien gesammelt, dort kann man seit einiger Zeit ein paar Fiat-Modelle bei Amazon ordern.

+++  Amazon verkauft jetzt Fiats - ein Drittel billiger  +++

Im August 2016 startete 'Amazon Vehicles' – ein Informationsportal für Fahrzeuge, das wohl vor allem dazu dienen soll, dass Amazon die Autointeressen potenzieller Kunden erforschen kann.

Mögliche Strategien

Amazon kommentiert den Bericht der "Automobilwoche" nicht, also weiß niemand genau, wie die Strategie aussieht. Doch die Frage, ob man ein Auto auch online kaufen würde, ist längst beantwortet. Einige Hersteller bieten so etwas selbst an, aber marktrelevant sind eher Anbieter wie Scout24 und die zahllose Neuwagenvermittler wie MeinAuto.de.

Bislang war es stets das Ziel von Amazon die Preisführerschaft zu übernehmen – zumindest aber gefühlt den besten Preis anzubieten. Es spricht wenig dagegen, dass es beim Produkt Auto anders sein wird. Es ist kaum vorstellbar, dass Amazon Autopreise aufruft, und man das gleiche Modell mit einem Mausklick woanders merklich billiger bekommt.

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Noch mehr Rabatte

Die Rabatte im Automarkt werden mit Amazon auf ein ganz anderes Niveau gehoben. Bislang sind Online-Rabatt-Autos eine Nische für Sparfüchse und Cleverle – dank Amazon wird der ganz normale Kunde zur Zielgruppe werden. Welchen Weg Amazon gehen wird, ist vollkommen unbekannt. Etwa ob der Konzern solo startet oder mit niedergelassenen Händlern kooperiert. Oder ob der Kunde – wie in Deutschland gewohnt – sein Auto mit 10.000 Möglichkeiten individuell konfigurieren kann oder ob ihm besonders günstige vorkonfigurierte Modelle angeboten werden. Ob man bei Amazon mit den bekannten Lieferfristen rechnen muss oder ob dem Kunden das gekaufte Auto in 48 Stunden vor die Tür gestellt wird, bleibt ebenfalls unbeantwortet.

Fette Margen locken

Sicher ist aber, dass Amazon ein Angebot machen wird, dass den bisherigen Markteilnehmern  - ob im Internet oder stationär - weh tun wird. Und Angriffsfläche gibt es genug. In Deutschland werden teilweise mehr als 1000 Euro nur für die Lieferung des gekauften Autos berechnet – diese fetten Margen im Autogeschäft machen den Markt angreifbar für Amazon. 

Die Vision und die Gelegenheit sind also vorhanden – besonders beängstigend wird dieses Gemisch, weil Amazon über praktisch unbegrenzte Mittel verfügt, ein aussichtsreiches Geschäftsfeld auch wirklich aufzubauen. Selbst der kostenintensive Schritt europaweit Niederlassungen zu eröffnen, wäre für Amazon ein Kinderspiel. Denn ein blinder Autokauf ohne Probefahrt ist für die meisten Käufer undenkbar. Ein Analyst sagte zur Automobilwoche, dass keine Industrie und kein Geschäft zu schwierig für Amazon sei.

Nicht alles glückt Amazon

Richtig ist allerdings auch, dass Amazon den Erfolg bei Elektronikartikeln und Büchern in Bereichen wie Mode und Lebensmittel bisher nicht so einfach wiederholen konnte. Es muss sich also zeigen, ob die Amazonkultur des Versands von Massenprodukten die besonderen Anforderungen des Autokäufers trifft. Mit der Niederlassungskultur scheint es noch zu hapern. Der "FAZ"-Korrespondent Lars Jensen besuchte Amazons Buchgeschäft in New York. Unter dem Titel "Die langweiligste Buchhandlung von New York" resümierte er "Amazon hat jetzt auch echte Buchläden. Nirgendwo kann man die kulturelle und moralische Leere des Konzerns besser spüren als in der Filiale am Central Park in New York" – verführerisch liest sich anders.


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