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US-Unfallforscher Auto-Bildschirme reduzieren das Reaktionsvermögen stärker als ein kräftiger Joint

Bildschirm ohne Ende - der MBUX Hyperscreen von Mercedes-
Bildschirm ohne Ende - der MBUX Hyperscreen von Mercedes-
© PR
Das neue Auto will den Fahrer vernetzen, informieren unterhalten und lenkt ihn immer mehr ab. Die blinkenden Riesenbildschirme gefährden andere Verkehrsteilnehmer.

Früher definierte sich ein Auto durch Kurvenlage, Laufruhe des Achtzylinders und Beschleunigung. In Zeiten des E-Autos spielen diese Kriterien kaum noch eine Rolle, umso wichtiger wird Konnektivität und Infotainment an Bord. Informiert und bespaßt wird der Fahrer von riesigen Bildschirmen. Bei manchen Modellen ragen sie noch unelegant wie ein riesiges iPad in den Innenraum, bei anderen integriert sich ihre Form in die Struktur des Wagens und spannt sich von einer Seite bis zur anderen.

So baut man auch vor für die Ära der autonomen Fahrzeuge. Wenn die Passagiere gar nicht mehr steuern und bremsen sollen oder mangels Lenkrad gar nicht mehr können, wird eine Autofahrt schnell langweilig. Dann müssen die Passagiere bespaßt werden. Das Problem ist nur, noch gibt es keine autonomen Fahrzeuge und noch müssen die Fahrer den Verkehr im Blick behalten und blitzschnell reagieren – eigentlich.

Gewollte Ablenkung 

Und das wird angesichts der blinkenden Bildschirme schwieriger, sagt die AAA-Foundation for Traffic Safety. In einer aktuellen Untersuchung stellte die Stiftung fest, dass eine Änderung des Fahrziels in der Navigation die Aufmerksamkeit des Fahrers für 40 Sekunden absorbiert. Mit 50 km/h hat man dann 750 Meter zurückgelegt. Wählt man eine neue Musik aus, reduziert sich die Reaktionsgeschwindigkeit noch stärker, als hätte man zuvor eineen kräftigen Joint geraucht.

"Heutige Infotainment-Systeme können genauso ablenkend sein – wenn nicht sogar noch mehr – als persönliche elektronische Geräte", fürchtet Jennifer Homendy, die Vorsitzende des National Transportation Safety Board. Unfallzahlen können nur geschätzt werden, weil niemand wegen der Strafbarkeit freiwillig zugibt, vor dem Unfall in Musikmenüs versunken gewesen zu sein.

Im Prinzip sollten die eingebauten Systeme weniger ablenken als der – verbotene – Blick aufs Handy. Das Problem entsteht aber, weil die Menschen das Infotainmentsystem sehr viel häufiger und ohne schlechtes Gewissen benutzen. Dazu locken immer mehr Funktionen und verschachtelte Menüs.

Sicher wäre unsexy 

Die Hersteller stecken in einer Zwickmühle. Unter dem Aspekt der Sicherheit wäre es richtig, die Angebote spartanisch einfach zu halten und sie optisch simple und klar aufzubauen. Doch die Autobauer wissen auch, dass Infotainmentsysteme bei jüngeren Kunden und in Asien kaufentscheidend sind. Der Kunde wird von einem überwältigenden Eindruck mehr begeistert sein als von einem kargen Sicherheitsdesign.

Bei Thema Straßenlage, Sicherheit und Bremsen sind Pkw heute perfekt, kein normaler Fahrer bringt sein Auto in Kurven an die Grenzen. Die Modelle unterschieden sich also nur noch im Design. Das Infotainmentsystem gibt ihnen die Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzusetzen

"Sie versuchen alle, ihre eigenen Welten zu definieren", sagt der User Experience Designer Cliff Kuang. "Je komplexer Infotainment-Systeme werden, desto weniger verstehen sie die Menschen." Die "eigenen Welten" bedeuten eben auch, dass sich die Oberflächen von Hersteller zu Hersteller unterscheiden, selbst wenn die gleiche Technik dahintersteckt. Es gibt also keine verlässlichen Standards, die sich von einem Auto aufs andere übertragen lassen. Und das ist gewollt. Positiv könnte man sagen: Die Schnittstelle bringt den Fahrer zum Staunen und Entdecken. Man kann aber auch sagen, sie verwirrt und überfordert ihn.

Keine Orientierung 

Beim Bau eines klassischen Autocockpits wurde sich viel Mühe gegeben, dass Form, Material und Geräusche von Knöpfen und Schaltern mit dem Fahrer sprachen, jede Aktion eine taktile Rückkopplung gab. Man wusste daher, was man gerade tat, auch ohne hinzusehen. Das gibt es beim Touchscreen nicht. Jede Einzelaktion muss von den Augen gelenkt und kontrolliert werden, denn das Glas des Bildschirms gibt keinerlei Rückkopplung an die Fingerspitzen.

Blickt man auf die Sicherheit, wären strenge Normen für die Dauer der Ablenkung und für Bedienstandards nötig. Sollte man aber die bisherige US-Empfehlung, dass keine Aktion länger als zwei Sekunden ablenken darf, umsetzen, wären komplexere Bedienungen nicht mehr möglich.

Quelle. Slate 


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