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Blitzmarathon: Die großangelegte Heuchelei

Auch in diesem Jahr feiern sich Verkehrsminister und Polizei für den Blitzmarathon. Niemand stört, dass 13.000 Polizisten dabei kaum einen Raser erwischen.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

Wie Polizeiarbeit zum Medienspektakel wird, kann man jedes Jahr beim sogenannten Blitzmarathon bewundern. Seit Tagen berichtet die Presse von der Aktion, die mit medienwirksamen Superlativen um sich wirft. 13.000 deutsche Beamte kontrollieren an über 7000 Stellen, ob das Tempolimit eingehalten wird. Auch das Ausland macht jetzt mit. Am Ende wird wieder eine stolze Bilanz an erlegten Rasern präsentiert: 93.000 waren es im letzten Jahr.

Das ist schon ein Grund, sich stolz auf die Schultern zu klopfen. Oder auch nicht. Denn die Erfolgsbilanz besteht im Wesentlichen aus Verdrehungen und Zuspitzungen, die knapp an der offenen Lüge vorbeischrammen.

Nicht relevant für Unfälle

Das fängt schon damit an, dass als Begründung stets die Zahl der Todesopfer im Verkehr angeführt wird. Im vergangenen Jahr starben in Deutschland rund 3350 Menschen bei Verkehrsunfällen, überhöhte Geschwindigkeit war die häufigste Ursache. Das hört sich nach den gesuchten Rasern an, doch überhöhte Geschwindigkeit in der Unfallstatistik ist etwas ganz anderes als ein Überschreiten des Tempolimits. Der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, Siegfried Brockmann, versteht davon mehr als unsere Verkehrsminister. Ihm zufolge spielen die überhöhte Geschwindigkeit in der Statistik überhaupt keine Rolle, sondern die sogenannte nicht angepasste Geschwindigkeit. "Das kann bedeuten, dass ich auch mit 50 in der Stadt viel, viel zu schnell sein kann, beispielsweise wenn ein Kind an der Straße steht und mir dann ins Auto läuft." So entstehen Unfälle. Wichtig sei, so Brockmann, das man die Verkehrsteilnehmer dazu bringt, situationsgerecht zu fahren und nicht einfach "nur das stur zu fahren, was erlaubt ist".

Raser sind die Ausnahme

Tatsächlich halten die Deutschen die Tempolimits erstaunlich exakt ein. Bei jedem Marathon können der Öffentlichkeit ein paar krasse Raser stolz präsentiert werden. Schaut man sich die Zahlen aber nicht durch die rosarote Brille an, sieht das Bild anders aus. Genaue Zahlen liegen für 2014 aus Nordrhein-Westfalen vor. 712.000 Autofahrer wurden kontrolliert, davon überschritten 24.300 die erlaubte Geschwindigkeit. Das sind immerhin 3,4 Prozent. Die mickrige Ausbeute an Temposündern wird in der Pressemitteilung dramatisch zu einer Welle von Rasern hochgeschrieben, tatsächlich beinhalten die 3,4 Prozent in NRW alle Tempoverstöße. Doch normalerweise überschreitet das Gros der Ertappten die erlaubte Geschwindigkeit nur geringfügig. Für Abweichungen von fünf bis zehn Km/h ist das Wort Raser deutlich zu hoch gegriffen. Von echten Rasern sollte man sprechen, wenn ihnen ein Fahrverbot droht. Das betraf in NRW 181 Fahrer. Der Raseranteil beträgt demnach ganze 0,025 Prozent.

Sicher ist das immer noch zu viel, vor allem wenn die Raserei zu einem Unfall führt, aber eine Zahl im Bereich von 0,25 Promille entlarvt das Raser-Halali als großangelegte Heuchelei. Hier wird mit viel Tara ein Feindbild aufgebaut, dass es so gar nicht gibt. Denn eigentlich lässt diese Zahl nur einen Schluss zu: Kaum jemand verhält sich so gesetzestreu wie Autofahrer.

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