Kleinwagen von Renault Kesse Zicke


Mit dem Prototypen Zoé testet Renault den Kleinwagen von morgen. Leicht zu bewegen ist er aber nicht.

Jetzt nur keinen Fehler machen. Jean-Pierre, so hat sich der Renault-Ingenieur murmelnd vorgestellt, hat die Schnauze gründlich voll. Seit Tagen muss sein Baby für Testfahrten herhalten. Das kleine flammrote Auto mit den roboterhaften Scheinwerfer-Augen, den riesigen Chromrädern und den weit ins Dach gezogenen Türen ist aber kein gewöhnliches Serienmobil, sondern ein Konzeptauto. Ein mehrere Millionen Euro teures Einzelstück. In Handarbeit gefertigt. Und entsprechend anfällig für Fehlbehandlung. Es ist eine neue Interpretation des ewig reizvollen Themas Stadtwagen. Ein Testgerät, mit dem die Manager des französischen Herstellers auf Ausstellungen erkunden wollen, wie das Auto insgesamt oder Detaillösungen ankommen.

Jean-Pierre versteht das Ansinnen seiner Chefs zwar, hat dafür aber jetzt keinen Nerv. Erst gestern sind die Italiener abgerückt, ein ganzes Team vom Staatsfernsehen, und die Miene unseres Betreuers lässt schließen, dass dies eine Katastrophe gewesen sein muss. Jetzt darf ihn der stern testen. "Vorsicht mit den Türen", greint der Franzose, "wenn man die zu ruppig zuschlägt, bricht die Scheibe. Hatten wir erst kürzlich!" Ein verkniffenes Grinsen - oder ist es ein Zähnefletschen? - unterstreicht die Dringlichkeit dieser Ansage.

Auf der Beifahrerseite wird schon das Zusteigen zu einer Show für Passanten. Hier führt ein elektrischer Roboterarm den Türflügel ins Schloss oder öffnet ihn. Das ist prinzipiell eine prima Idee, denn durch den frei beweglichen Arm kann die Tür in vielen verschiedenen Winkeln geöffnet werden: zügig auf- und zuklappen, um schnell einen Mitfahrer am Straßenrand aufzugabeln, weit öffnen, um Gegenstände einzuladen oder bequem den Rücksitz zu entern, die Tür in engen Parklücken ohne Dellen für das Nachbarblech an der Karosserie längs nach hinten schieben und so weiter. Frei einstellbar und je nach Situation abrufbar.

Wie gesagt, eine tolle Sache.

Im Prinzip. Doch die Prototypen-Tür des Zoé gibt sich zickig. Im Schneckentempo schwenkt der Türflügel, Elektromotoren summen träge, und wenn der Bordcomputer einen schlechten Tag hat - den haben Bordcomputer eigentlich immer -, ist der Systemabsturz nicht weit. Das wäre dann ein Fall für den immer noch mürrischen Jean-Pierre. System-Neustart. Große Aktion.

Rückwärtsfahren hat der Betreuer des Renault Zoé auch nicht so gern. Ein Ungeübter würde den 1,2-Liter-Experimentalmotor mit Turbolader ganz sicher abwürgen. Passiert das, kann man nicht einfach den Zündschlüssel noch einmal drehen. Man muss aussteigen, mit einer Hand ins linke Radhaus langen und dort auf den Reset-Knopf drücken. Anschließend fummelt Jean-Pierre unter irgendwelchen Klappen im Innenraum rum und sendet zum Schluss von einem kleinen roten Kästchen, das der Guru stets in seiner Hosentasche mitführt, ein Funksignal an die Bordelektronik. So springt der Motor des Prototyps wieder an.

Wenn er nicht überhitzt ist. Das passiert recht häufig, und dann muss man den Wagen abkühlen lassen. Wie jetzt. Er steht am Straßenrand, die Motorhaube weit offen. Irgendwie sieht es so aus, als würde sich der Winzling mit hechelnder Zunge hängen lassen. Zeit, um sich den Wagen genauer anzusehen. Hübsch ist er, der Renault Zoé, und soll nach der Tochter des gerade in Rente gegangenen Renault-Chefs Louis Schweitzer benannt sein. Und es stecken eine Menge interessanter, praktischer, amüsanter und stimmungsvoller Ideen in dem knapp dreieinhalb Meter langen Wagen.

Wäre nicht schlecht,

wenn davon bald einiges in Serie ginge. Der Tacho etwa, dessen Zeiger sich an einem Aluminium-Ring um eine durchsichtige Glasplatte dreht. Auf die wiederum digitale Informationen projiziert werden. Oder der Speicher-Stick rechts vom Lenkrad, der sämtliche Einstellungen eines Fahrers mitnimmt und bei jedem Fahrerwechsel die passende Sitzeinstellung, Innenbeleuchtung, Telefonbuchdatei, Musiksammlung und so weiter zur Verfügung stellt. Oder die zwei Glashälften als Dach, die sich nicht nur wegklappen lassen, sondern die nachts dank winziger Leuchtdioden auch zu einem hübschen Sternenhimmel werden.

Genug geschaut - denn endlich geht's weiter. Aber sanft, fordert der Zoé-Ingenieur auf. Das Ding ist so zerbrechlich! Also wird mit Zartgefühl Gas gegeben, sanft geschaltet, vorausschauend gebremst. Nur auf einer kurzen Geraden darf mit dem 1,2-Liter-Turbomotor (streng geheim!, sagt Jean-Pierre) ein wenig geheizt werden, er marschiert mit kernigem Auspuffton und stämmiger Kraftentfaltung.

Johannes Riegsinger print

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