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Peter Schreyer Spuren im unberührten Schnee

Ein Schreyer-Auto: Audi TT 8N
Ein Schreyer-Auto: Audi TT 8N
© press-inform - das Pressebuero
Peter Schreyer gilt heute als einer der besten Automobildesigner der Welt. Nach seiner Tätigkeit Audi und VW verhalf der Bayer Kia und Hyundai zu einem optisch ansprechenden Auftritt. Trotz aller Meriten ist der Mann aus Bad Reichenhall immer nahbar und bescheiden geblieben.

Bad Reichenhall ist vor allem für Salzabbau und den Schleichweg ohne Mautgebühr ins nahe gelegene Österreich bekannt. Vor genau 65 Jahren malte ein junger Bursch (so nennt man den Stepke auf Bayerisch) in einer ortstypischen Wirtschaft auf einen Block, den er von einem Kellner bekommen hatte. Das Motiv? Kein Rind, kein Berg und auch kein Skifahrer, sondern ein Kranwagen. Damit ist die Lebenslinie des jungen Künstlers eigentlich schon vorgegeben. Sein Name Peter Schreyer. Der Mann, der solche Klassiker wie den Audi A2 oder den Audi TT schuf und der später der koreanischem Automarke Kia ein Gesicht, besser eine Nase verpasste.

Diese Tigernase zierte dann so ansehnliche Fahrzeuge wie den Kia Stinger, mit dem der Oberbayer gleich mal den Audi A5, ein schmuckes Modell seines ehemaligen Arbeitgebers ins Visier nahm. Aber der Reihe nach. Vom Kranwagen auf dem Kellnerblock im Südzipfel Bayerns bis nach Seoul ist ein weiter Weg, nicht nur geografisch. Der gute Automobil-Geschmack wurde Schreyer schon in die Wiege gelegt. Der Vater war selbst ein Auto-Narr und brachte einmal einen Artikel über den Jaguar E-Type mit nach Hause, rief seinen Sohn zu sich und sprach jene Worte, die sich in das Hirn des Heranwachsenden einbrannten: "Schau, das ist ein zeitloses Auto."

Zeitlose Autos sollte der Mann, der immer komplett schwarz gekleidet auftritt, dann auch kreieren. Das Londoner Royal College of Art verlieh dem Bayern 2007 die Ehrendoktorwürde. Damit ist Schreyer nach Sergio Pininfarina und Giorgetto Giugiaro erst als dritten Automobildesigner, dem diese Auszeichnung zuteilwurde. Bodenständig ist er dennoch geblieben. Trifft man ihn auf Messen oder am Flugplatz (seiner zweiten Heimat), grüßt er freundlich und nimmt sich Zeit für eine kurze Unterhaltung, ehe er weiter zwischen Korea, Deutschland und den USA hin und her pendelt.

Zurück zum Lebensweg. Anstatt für die Schule zu lernen, baute er mit seinem Großvater lieber Flugzeugmodelle oder malte bis spät in der Nacht Autos. Der Unterricht war eigentlich nur Nebensache. Trotzdem schaffte Peter das Abitur. Nach dem Abschluss verschlug es Schreyer nach München, um an der Fachhochschule München Industriedesign zu studieren. Schon während dieser Zeit kam er bei Audi als Werkstudent unter. Dort erkannte man das Talent des Nachwuchsdesigners schnell und stattete ihn mit einem Stipendium an eben jenem Royal College of Art aus, das ihn später so ehren sollte. Schreyer ging konsequent seinen Weg, ohne Angst vor großen Namen. Einmal ging er mit einem Lenkrad unter dem Arm direkt zu Ferdinand Piëch, um den allgewaltigen Manager von der Notwendigkeit dieses Volants zu überzeugen. Der Designer hielt dem stechenden Blick des Alpha-Tiers stand und überzeugte Piëch, der das Lenkrad zuvor als zu teuer gebrandmarkt hatte. Bei Audi und VW kletterte Schreyer schnell die Sprossen der Design-Karriereleiter hoch. Der New Beetle trägt seine Handschrift, genauso wie der Golf IV. Die schnörkellose Designsprache Schreyers sagte Ferdinand Piëch zu, der später zugab, dass es ein Fehler war, Schreyer gehen zu lassen.

Bei Audi hauchte Schreyer in den 1990er Jahren der als spießig verschrienen Marke Mit Autos wie dem A2 (für den er 2002 zusammen mit seinem Kollegen Gerd Pfefferle den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland erhielt) und dem Audi TT trug er nicht unwesentlich zum Imagewechsel der Fahrzeuge aus Ingolstadt bei. Doch bei allen Meriten, bei aller Wertschätzung: Der VW Konzern war schon damals ein Industriegigant, bestehend aus verschiedenen Marken, bei dem es bei jedem Auto Prozesse und Befindlichkeiten zu beachten galt. Diese bisweilen träge Maschinerie war so gar nicht im Sinne des kreativen Freigeistes aus dem Süden Bayerns. Mit der gleichen Konsequenz, mit der Peter Schreyer in das Piëch-Büro gestapft war, zog er ein Ding durch und wechselte am 1. September 2006 zum koreanischen Autobauer Kia, um dort das Design zu übernehmen. Die ehemaligen Kollegen schüttelten angesichts dieses Schrittes nur den Kopf und fragten sich, was ein Mann wie Schreyer in einem hierarchisch geprägten Unternehmen, dessen Autos damals durch Plastikorgien im Innenraum und belangloses Äußeres, das oft andere Fahrzeuge abkupferte, als durch frisches Design gekennzeichnet waren, denn wollte. Nicht selten fiel hinter vorgehaltener Hand der Ausdruck der "Sackgasse". Doch Schreyer wusste genau, was er tat. "Für mich gleicht die Aufgabe bei Kia, einer Einladung über weißen Schnee zu fahren und Spuren zu hinterlassen", erklärte er. Also sein Geschick in die eigenen Hände zu nehmen, anstatt Konzern-Erfüllungsgehilfe zu sein. Die Koreaner erkannten das Potenzial des nicht mehr so rohen Diamanten und ließen Schreyer weitgehend freie Hand bei der optischen Neu-Erfindung der barock daherkommenden Fahrzeuge. Im Grunde genau das, was Schreyer bei Audi zuvor vollbracht hatte, ohne jedoch das ihn die Konzern-Räson bei der gestalterischen Freiheit einbremst.

Auf der IAA 2007 stand mit der Studie Kia Kee der Vorbote der visuellen Transformation des asiatischen Autobauers. Das viersitzige Sportcoupé hatte damals schon Designdetails, die erst viel später en vogue wurden, wie zum Beispiel das "Säbelzahntiger"-Tagfahrlicht. Aber entscheidend war das neue Antlitz mit der Tigernase. Die Begeisterung über das gelungene Design war groß und Kia begann das Image der grauen Maus abzulegen. In den folgenden Jahren heimste Schreyer Designpreise für seine Kreationen ein: Der Kia Optima und der Kia Soul und der Kia Optima bekamen den bekannten Red Dot Award verliehen.

Im Jahr 2013 folgte dann der Ritterschlag: Der Bayer stieg als erster Nicht-Koreaner in das Präsidium des koreanischen Autobauers auf und übernahm wenig später die Leitung des Designs des Mutterkonzerns, der Hyundai Motor Group. Die Koreaner wussten, was sie an dem Mann mit der markanten Brille haben und wollten ihn langfristig an sich binden. Die Position war eine andere, die Erfolgsserie ging dennoch weiter: Der Hyundai i20 gewann 2015 das Goldene Lenkrad, das wieder an Peter Schreyer ging. Der komplett in schwarz gekleidete Mann aus Bad Reichenhall lächelte bescheiden. Malen tut er in seiner Freizeit ebenfalls immer noch und seine Bilder werden auch ausgestellt - zum Beispiel in der Gallery Hyundai.

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