Kia-Zukunft Coole Kanten statt Korea-Barock


Lange Zeit hat Kia seine Kunden nur über Nutzwert und Garantie in die Showrooms gelockt. Ansonsten: optische Langeweile. Mit Ex-Audi-Designer Peter Schreyer kam Profil ins Blech. Soul und Venga waren der Anfang, jetzt folgen Sportage und 2011 Picanto, Rio und Optima - alle im attraktiven Outfit.
Von Michael Specht

Wenn sich eine Investition für Kia gelohnt hat, dann gewiss diese: Peter Schreyer. Der ehemalige Designer bei Audi und Volkswagen (TT, New Beetle) ist seit 2006 in den Diensten des ältesten koreanischen Autoherstellers und treibt dessen Modelle die Langeweile aus. Bislang steht Kia für Nutzwert und sieben Jahre Garantie. Emotion? Eher weniger. "Ich will, dass man einen Kia auch wegen seines guten Aussehens kauft", sagt der 56-jährige Bayer und steht stolz neben seiner jüngsten Kreation, der dritten Generation des Sportage. Das intern CUV (Crossover Utility Vehicle) genannte Auto kommt recht bullig und muskulös daher. Schuld daran ist vor allem die Silhouette. Das Verhältnis von Blech zu Glas beträgt ungewöhnliche 2:1. Üblich ist so etwas allenfalls für flache Sportflitzer, nicht aber für hochbeinige Geländewagen - vom amerikanischen Hummer einmal abgesehen. Auch der gegenläufige Knick in der C-Säule verleiht dem Sportage etwas Unverwechselbares. Mit dem etwas schwülstigen Vorgänger jedenfalls hat der Neue nichts mehr zu tun.

Längster Radstand im Segment

Sitzt man hinter dem Lenkrad, ist von den niedrigen Scheiben nichts mehr zu merken. Die Übersicht leidet darunter nicht. Sitzposition und Raumgefühl sind gut. Auch auf der Rückbank gibt es reichlich Platz, weder Knie noch Kopf stoßen irgendwo gegen. "Wir haben den längsten Radstand im Segment", sagt Produkt-Manager Kenneth Hong, muss allerdings nur Mittelmaß eingestehen, wenn es um die Variabilität geht. Zwar sind 480 Liter ein guter Wert für den Kofferraum, auch das maximale Volumen von 1353 Liter und die Fächer unterm Ladeboden gehen in Ordnung. Doch lassen sich weder die Rücksitzlehnen komplett in die Waagerechte bringen, noch bietet Kia dem Kunden eine verschiebbare Rücksitzbank oder eine umlegbare Beifahrerlehne an.

Neuer Diesel aus Deutschland

Gegenüber dem Vorgänger wesentlich verbessert wurde das Cockpit. Die Materialien sind angenehm, das Billigplastik ist verbannt und die Verarbeitung ordentlich. Zumindest hinterließen diesen Eindruck die ersten Vorserienmodelle, die Kia uns im heimischen Entwicklungszentrum Namyang für eine erste Probefahrt zur Verfügung stellte. Gut gefiel der Zweiliter-Diesel in Verbindung mit einer Sechsgang-Automatik. Der 136 PS starke Selbstzünder ist laufruhig und zieht schon ab 1800/min munter los. Als Normverbrauch gibt Kia 5,5 Liter pro 100 km an. Auch mit dem Zweiliter-Benziner (163 PS) zeigte sich der Sportage harmonisch motorisiert. Diese Variante dürfte jedoch im Programm bei uns eher die Außenseiterrolle spielen. Zumal ein komplett neu entwickelter Benziner mit 1,6 Liter Hubraum und 136 PS ins Haus steht, der ein halbes Jahr nach Markteinführung (6. August) folgen soll. Es ist Kias erster Benzindirekteinspritzer. Zeitgleich wird es einen kleinen Diesel geben. Der in Rüsselsheim (Kia R&D Center) konzipierte Selbstzünder leistet 115 PS und soll den imageträchtigen CO2-Wert von 120 g/km schaffen, was einem Verbrauch von 4,5 l/100 km entspräche. "Wir wollen den sparsamsten Crossover in der Klasse anbieten", sagt Kenneth Hong. Und vermutlich auch den günstigsten. Der Sportage soll bei weniger als 20 000 Euro starten (Basis-Benziner 115 PS).

Aus Magentis wird Optima

Im Sommer 2011, so die momentane Planung, wird der Optima nach Deutschland kommen, der in Korea bereits unter dem Namen K5 auf der Straße ist. Die 4,84 Meter lange Limousine dürfte deutlich bessere Absatzchancen erreichen als der glücklose Vorgänger Magentis, von dem 2009 in Deutschland gerade einmal 227 Stück neu zugelassen wurden - trotz eines Basispreises von unter 23.000 Euro. Schreyer gelang mit dem Optima ein attraktiv proportioniertes Stufenheckmodell, das sportlicher und eleganter wirkt als die hiesigen Hauptkonkurrenten Passat, Mondeo oder Insignia. Auch im Innenraum ist nichts mehr von einstigen Korea-Kunststoffen zu sehen. Das Cockpit hat Premium-Qualität. Dennoch bleibt es schwierig, in Europa in diesem klassischen Fahrzeugsegment (D-Segment) Kunden zu erobern. Daher will Hyoung-Keun Lee, Vorstandschef von Kia Motors Corporation, vor allem mit Flottenbetreibern und Firmen ins Geschäft kommen. "70 Prozent der Zulassungen in Europa sind nicht privat", sagt Lee. Gelingt sein Vorhaben, besteht sogar die Chance, auch eine Kombiversion des Optima zu bauen. Derweil wird in Korea eifrig gerechnet, ob sich die Produktion lohnt. Denn asiatische und amerikanische Kunden mögen keine Kombis. Gezeichnet aber hat Schreyer das Auto vorsichtshalber schon mal.


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