VG-Wort Pixel

VW-Skandal Elf Millionen Stinker - die Probleme drohen VW zu begraben

In den USA darf Volkswagen seine Umweltbetrüger nicht mehr verkaufen. Jetzt infiziert das Kalifornienproblem den Heimatmarkt. Auf die Fahrer eines neuen VWs oder Audis mit Zwei-Liter-Diesel kommt Ärger zu.

Elf Millionen Autos sind mit einer Betrugssoftware ausgestattet worden. Das gibt Volkswagen inzwischen zu. Wörtlich heißt es in der Erklärung von Volkswagen: "Auffällig sind Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189 mit einem Gesamtvolumen von weltweit rund elf Millionen Fahrzeugen. Ausschließlich bei diesem Motortyp wurde eine auffällige Abweichung zwischen Prüfstandswerten und realem Fahrbetrieb festgestellt." Bei Motoren vom Typ EA 189 handelt es sich um die modernen Vierzylinder Diesel mit 1,6 und 2,0 Liter Hubraum. Die Erklärung sagt allerdings nicht, ob alle Motoren des Typs mit der kritischen Software angesteuert wurden.

Offizielle Werte sind Makulatur

Aber auf jeden Fall wurde in elf Millionen Aggregaten eine Software mit Hintertür eingebaut: eine sogenannte Defeat Device Software, die das Auto auf einem Teststand in einen Öko-Modus versetzt, und im Real-Betrieb in den Stinker-Modus wechselt. Die Abweichungen in der Praxis werden nicht immer so krass sein, wie in den USA, wo die Werte für Stickoxide bis zum 35-fachen überschritten wurden. Nicht weil Volkswagen woanders ehrlicher wäre, die Grenzwerte sind nur nicht so scharf. Zu erwarten ist aber, dass auch in anderen Ländern die Modelle von Volkswagen, Seat, Audi und Co. in der Praxis nicht die offiziellen Messergebnisse erreichen.

Echte Tests überfällig

Bundesverkehrsminister Dobrindt hat bereits angekündigt, dass alle Dieselmotoren  von VW neu getestet werden. Hoffentlich unter Bedingungen, die nicht von der Betrugssoftware manipuliert werden können. Das kann erst der Anfang sein, denn das Stichwort "Zyklen-Optimierung" ist nicht erst seit letzter Woche ein Thema. Bislang hat die Politik vor solchen Manipulationen die Augen verschlossen. Nun wird es höchste Zeit, dass alle Motoren aller Hersteller von unabhängigen Gutachtern getestet werden. Noch ist es nicht bewiesen, aber die Vermutung liegt nahe, dass zumindest der EA-189-Diesel in dem Test durchfallen wird.

Wer hat da nicht hingeguckt?

Zum Betrug gehört nicht nur der Betrüger, sondern auch jemand, der sich hereinlegen lässt. Daher hat nicht nur Volkswagen Vertrauen verloren. Offizielle Stellen müssen unangenehme Fragen nach ihrem Versagen beantworten. Entdeckt wurde der Betrug eher durch Zufall, von einer kleinen Organisation, die sich die nötige Mess-Ausrüstung bei einer Uni ausleihen musste. Unsere offiziellen Stellen fanden an den Motoren nichts auszusetzen. Prüfer, die das Offenkundige nicht entdecken oder nicht entdecken wollen, braucht niemand. Da muss dringend aufgeräumt werden.

Rechtliche Bewertung

Sollten Dobrindts-Test zeigen, dass die Autos auch in Deutschland ihre Glanzwerte in Sachen Umweltschutz nicht erreichen, kommen die wirklich unangenehmen Fragen auf Volkswagen und Martin Winterkorn zu. Dann muss geklärt werden, wie das Ganze zu bewerten ist. Und da kann es nur eine - nämlich die amerikanische Antwort geben: Das ist keine Trickserei in einem Graubereich, das ist offener Betrug der Behörden und der Kunden. Denn egal, was VW auch an Nachjustierung anbieten wird: die elf Millionen Autos werden die versprochenen Traumwerte auf dem Prüfstand in der Praxis nicht erreichen. Selbst wenn man den Motor dazu bringen kann weniger Schadstoffe auszustoßen, wird das andere Folgen haben, etwa dass die Leistung heruntergeht, der Verbrauch steigt oder mehr Additive zugegeben werden müssen. Die ursprüngliche Wundertüte an guten Eigenschaften wird durch ein sehr viel unscheinbareres Paket ersetzt werden. Und das heißt nichts anderes als: Das Produkt erreicht kaufentscheidende zentrale Eigenschaften nicht. 

Was bedeutet das für den Kunden? Kann er sein Schummelpaket wieder zurückgeben? Oder muss er jetzt einen bestellten Wagen abnehmen, obwohl er beim Kauf mit falschen Angaben getäuscht wurde? Es kann nicht sein, dass deutsche Kunden mit einem "Dumm gelaufen" und einem Software-Update abgespeist werden.

Kunden müssen geschützt werden

Die Zulassung der betroffenen Modelle muss mit den echten Abgaswerten neu beantragt werden, auch wenn die betroffenen Autos dann eine schlechtere Schadtstoffeinstufung erhalten. Vielleicht bekommen sie auch gar keine Straßenzulassung mehr, in den USA sieht es derzeit danach aus. Dann stellt sich die Frage: Wie lange darf Volkswagen seine Motoren noch in Deutschland verlaufen. In den USA ist der Vertrieb der betroffenen Modelle sofort auf Eis gelegt geworden. 

Auf alle Fragen müssen schnell Antworten gefunden werden. Vor allem im Interesse der Arbeitsplätze bei den Konzernmarken von Volkswagen. Denn solange keine Klarheit herrscht, wird Volkswagen kaum noch ein Auto mit den beliebten Butter-und-Brot-Motoren verkaufen können.


Mehr zum Thema



Newsticker