Porsche-Mythos Legenden der Leidenschaft


Bei der 3. Porsche Rennsport Reunion huldigten Fans des Stuttgarter Sportwagenherstellers sechs Jahrzehnten Motorsportgeschichte. Im US-amerikanischen Daytona rollten dabei über 500 historische Rennvehikel an den Start.
Von Christian Gebhardt, Daytona

"Kann ich bitte nur einmal in diesem Auto sitzen", bettelte Matt Drendel im Jahr 1986. Ein breites Lächeln füllt das Gesicht des heute 32-jährigen, wenn er sich an die erste Begegnung mit seiner großen Leidenschaft erinnert. Damals war Drendel erst elf Jahre alt und nervte den Porsche-Händler in seiner Heimatstadt Hickory im US-Bundesstaat North Carolina solange, bis er endlich in dessen begehrtes Ausstellungsstück klettern konnte. Heute muss Drendel nicht mehr fragen. 2001 erwarb der junge Mann seine erste Jugendliebe, einen Porsche 917-30. "Der geht unglaublich nach vorne." Kein Wunder, der flache Rennbolide mit dem riesigen Heckflügel wird von einem Zwölfzylinder-Turboaggregat angeschoben. Falls die 1100 PS nicht reichen, kann über eine "PS-Schraube" die Leistung durch höheren Ladedruck auf 1500 PS gedreht werden.

1973 donnerte der Amerikaner Mark Donohue so in dem Stuttgarter Geschoss zum überlegenen Sieg in der amerikanisch-kanadischen Rennserie CanAm. Nur sechs dieser kraftstrotzenden Porsche-Typen wurden überhaupt gebaut. "Deswegen ist es mir wichtiger, den Wagen zu erhalten, als Vollgas zu fahren", erklärt Porsche-Fan Drendel während er sorgfältig drei Regentropfen vom glänzenden Lack mit der Nummer 6 wischt. Der geschätzte Wert von 5 Millionen Euro dürfte für den 32-järigen keine Rolle spielen. "Mein Vater ist der Pionier des amerikanischen Kabelfernsehens und jetzt arbeite ich für ihn."

Preise sind Nebensache, zumindest an diesen drei Tagen im US-amerikanischen Daytona. Seit 2001 trifft sich die exklusive Szene der Porsche-Rennwagenbesitzer alle drei Jahre. Bei der Rennsport Reunion rollen neben den schnellen Boliden auch sämtliche ehemaligen Porsche-Rennfahrer aus den vergangenen Dekaden an den Start. Mit insgesamt 23.000 Rennsiegen prägte der Rennsport den heutigen Ruf des Stuttgarter Sportwagenherstellers entscheidend mit. "Die dritte Reunion ehrt besonders die spektakulären und erfolgreichen Porsche 917 und 956/962", erklärt Peter Schwarzenbauer, CEO von Porsche-Nordamerika, in seiner Begrüßungsrede den angereisten Fans und Teilnehmern, bevor die Porsche-Oldtimer auf dem Daytona International Speedway in unterschiedlichen Rennklassen auf Zeitenjagd gehen. Nur wenige sehr außergewöhnliche Exemplare verbleiben aus Sicherheitsgründen in der Box.

Erster Le Mans-Gesamtsieg durch Porsche 917

Anfang der 70er Jahre sorgte zunächst der flache Sportprototyp 917 für Furore. Beim legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans triumphierte Porsche 1970 dank des 917 zum ersten Mal überhaupt in der Gesamtwertung des französischen Langstrecken-Klassikers. Der günstige Luftwiederstand des flachen Rennfahrzeuges und ein Zwölfzylinder, der zunächst 560 PS und in seiner letzten Ausbaustufe mit Turbolader 1100 PS leistete, ermöglichten auf den langen Geraden von Le Mans schon in den 70er Jahren Höchstgeschwindigkeiten von über 380 km/h. Mit einem Dreifachsieg beim 24-Stunden-Marathon von Le Mans im Jahr 1982 begann auch die Ära des Porsche 956 ähnlich erfolgreich wie bereits die Karriere des 917. Bis 1987 dominierte der Sportprototyp 956 und sein weiterentwickeltes Nachfolgemodell 962 mit sechs Gesamtsiegen in Folge die Konkurrenz in Le Mans.

Professionelle Pflege fürs "Heilige Blechle"

Um die Technik der historischen Rennwagen während des gesamten Wochenendes ständig zu pflegen, reisen die Besitzer mit ihren edlen Boliden fast ausschließlich mit Boxencrews von mehreren Mechanikern an. Nach jeder Fahrt wird am offen Aggregat operiert, professionell jede Schraube geprüft. "Das ist schon erstaunlich, in welchem guten Zustand die Autos heute noch sind. Fast besser als früher. Das ist unglaublich, wie die heutigen Besitzers die alten Wagen pflegen", erklärt ein älterer Herr, während er auf einen Porsche 917 mit der Startnummer 22 blickt. Beides sind Legenden. Der ältere Gentlemen zur einen ist Gijs van Lennep. Zur anderen sein weißes Siegerauto mit den blau-roten Rennstreifen des damaligen Hauptsponsors. Der 65-jährige ist einer der knapp 40 menschlichen Helden und ehemaligen Rennfahrer, die zum Porsche-Treffen nach Daytona gereist sind. Nur wenige Schritte kann der Niederländer in der weitläufigen Boxengasse ohne begeisterte Fans machen, die mit gezücktem Kugelschreiber auf ihn zusteuern und nach einem Autogramm fragen.

Der Zahn der Zeit

1971 fuhr van Lennep mit dem Österreicher Dr. Helmut Marko den zweiten Gesamtsieg für den Stuttgarter Sportwagenbauer in Le Mans ein. "Am liebsten würde ich hier auch meinen 917 aus Le Mans fahren", leuchten die blauen Augen von van Lennep als er über seinen Erfolg beim Langstreckenrennen an der Sarthe spricht. Zwar strahlt der Renner äußerlich mit seinem ehemaligen Piloten um die Wette, doch unter dem glänzenden Lack hat der Zahn der Zeit zugeschlagen. "Der Wagen hat einen Rahmen aus Magnesium und die Schweißnähte sind rissig und porös. Heute kann man damit nicht mehr im Renntempo fahren, das wäre viel zu unsicher", erklärt Klaus Bischoff die heutigen Schwachstellen des erfolgreichen Leichtbaukonzeptes aus den 70er Jahren. Bischoff arbeitete beim Le Mans-Erfolg 1971 als Fahrwerksmechaniker am Boliden von Gijs van Lennep. Als Leiter des Porsche-Museums betreut er heute die Fahrzeuge der Museumskollektion unter anderem den Siegerwagen aus dem Jahr 1971 auch bei historischen Rennveranstaltungen vor Ort.

Kleine und große Helden

Nicht nur die bekanntesten Fahrzeuge der erfolgreichen Porsche-Rennhistorie werden in Daytona geehrt. Neben unzähligen Boliden vom Typ 911 rollen auch die weniger berühmten Rennvehikel aus den vergangenen Jahrzehnten auf die Rennstrecke an der Westküste Floridas. Und nicht alle sind reinrassige Porsche-Fahrzeuge. "Damals hat Porsche den besten Motor gebaut und Lotus eben das beste Chassis. 1965 gewann diese Kombination die damaligen amerikanischen Meisterschaften", beschreibt Fritz Kozka seinen Lotus-Porsche. Mitte der 60er Jahre wurde dem damals untermotorisierten Lotus 23B ein leistungsstärkeres 210 PS-Triebwerk eines Porsche 904-6 implantiert. Durch Zufall fand der gebürtige Münchner und ehemalige Mitarbeiter der Porsche-Rennsportabteilung seinen besonderen Schatz 2003 in Kalifornien, zu diesem Zeitpunkt allerdings noch in Einzelteilen in verstaubten Kisten verpackt. Gerade noch rechtzeitig erfolgte die komplette Restaurierung und der Neuaufbau des Lotus-Porsche für die Teilnahme an der Rennsport Reunion.

Doch egal ob nur der Motor aus Zuffenhausen stammt, der Bolide mehrfach in Le Mans erfolgreich oder nur in amerikanischen Clubrennen am Start war, bejubelt wird hier alles, wo Porsche draufsteht. Wer an der extremen Leidenschaft nicht mit einem Renner für fünf Millionen teilnehmen kann, zeigt zumindest mit einem Porsche-T-Shirt Flagge. Nirgends ist der Mythos Porsche greifbarer als in den USA.


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