30 Jahre Pannenstatistik Verreckt am Wegesrand

Sie stehen qualmend oder dampfend auf dem Standstreifen. Sie stottern und röcheln oder blinken nicht mehr. Millionen Autos bleiben Jahr für Jahr in Deutschland liegen, dahingerafft durch eine Panne. Wenn das geschieht, springt in München ein Computer an. Der Fall wird registriert und einsortiert, und das persönliche Unglück wird Teil eines großen Ganzen: der ADAC-Pannenstatistik.
Von Sven Stillich

Seit 30 Jahren läuft das bereits auf diese Weise, und es wird weiter laufen - denn Liegenbleiber wird es so lange geben wie das Benzin reicht. Vor der Panne sind alle gleich, der Geschäftsmann in seinem Mercedes wie die Studentin im alten Polo. 2007 wurden die Gelben Engel des Automobilclubs zu 2,5 Millionen gestrandeten Autos gerufen, kleine Hilfeleistungen nicht gerechnet. Von 1978 bis heute waren es 52 Millionen Defekte - mit leeren Batterien an der Spitze der Hitliste, gefolgt von Motorproblemen und Lichtmaschinenausfällen. Sortiert nach Marken schnitten über die drei Jahrzehnte Toyota, Mercedes und Audi am besten ab.

Es riecht verbrannt, ein seltsames Geräusch - und aus einem schnellen Kilometer werden 1000 lange Meter oder mehr bis zu nächsten Notrufsäule. Ein Erlebnis, das keiner vergisst. Kaum ein Autofahrer, der keine Pannengeschichte hat. Wer davon erzählt, klingt oft wie ein Überlebender. Jeder, der vor Jahrzehnten einen VW Käfer gefahren ist, weiß heute noch vom Anlasser zu berichten, der nicht mehr anlassen wollte nach längerer Fahrt, von überhitzten Zylindern oder vom Kolbenfresser gar, dem hungrigen Feind des Fernverkehrs. Oder wie in den 70er-Jahren die Roboter in den Fabriken die Macht übernahmen und deshalb in so manchem BMW die frisch erfundenen Steckkontakte immer wieder abfielen, was oft zum Stillstand führte. Dazu die vielen Opel Kadetts und Senator-Modelle, deren Wasserpumpen reihenweise nicht mehr pumpten. Und der Fiat Uno, der bei Regen gar nicht fahren wollte, so dass viele Besitzer immer eine Dose Kontaktspray für den Zündverteiler an Bord hatten. Mann hilft sich selbst - das ging früher noch. Selbst wenn Damenstrümpfe auch damals einen kaputten Keilriemen nicht ersetzen konnten, wie bei Wurst und Bier gern behauptet wird.

Marder und Ostdeutsche

Halbwahrheiten sind die Würze solcher Geschichten. Und gerade bei der Autopanne ist auch das Unmöglichste möglich. Das galt besonders Ende der Achtziger, als mit einem Schlag zwei neue Pannenverursacher auf den Plan traten: Marder und Ostdeutsche. Die Marder kamen über die Alpen aus Österreich, knabberten Nachts Kabel an, verursachten Kurzschlüsse und brachten Autos sogar dazu, ohne Fahrer und Ziel einfach loszufahren. Als erste Marderpannen auf Sylt gemeldet wurden, waren viele sprachlos - bis Tiere als blinde Passagiere auf Autoreisezügen entdeckt wurden. Seitdem ziehen die Marder marodierend durch ganz Deutschland. Und die Ostdeutschen? Die rollten 1989 mit ihren Trabis an. Und blieben reihenweise auf den Autobahnen liegen mit überhitzten Motoren und kaputten Lichtmaschinen. Es war die Zeit der großen Euphorie, der findigen Helfer und der knappen Ersatzteile. Abgebrochene Schalldämpferrohre wurden mit Getränkedosen überbrückt, es wurde gelötet, geschweißt und rutschende Kupplungen mit Cola wieder flott gemacht. Dass allerdings Getriebe mit Bananen geschmiert worden sind, ist nur eins der Pannenmärchen aus der Wendezeit.

Viele Hersteller analysieren jedes Jahr die Statistik aus München und sind bestrebt, die erkannten Mankos zu beheben. Denn eine schlechte Platzierung in der Hitliste schadet dem Absatz und dem Image. Als Toyota in den Achtzigern Probleme mit den Reifen des Corolla hatte, bauten die Japaner zu Hause eine große Teststrecke mit europäischen Randsteinen und fuhren mit ihren Wagen immer wieder hoch und runter. Die Lösung fanden sie in einer neuen Kautschukmischung. Viele Macken von früher gibt es heute nicht mehr. Über vereiste Vergaser und verschlissene Keilriemen muss sich zum Beispiel niemand mehr ärgern. Elektronik und Bordcomputer haben das Auto zudem viel zuverlässiger gemacht. Sie haben den Fahrer aber auch von seinem Untersatz entfremdet - es sind inzwischen hochkomplexe Gefährte, an denen ein Blinklicht kaum noch ohne fachmännische Hilfe gewechselt werden kann. Der Glaube an das eigene Geschick, an das "mach' ich selbst", wurde abgelöst vom Heilsversprechen der Technik.

Tag der schwachen Batterie

Das zeigt sich auch an der modernen Panne. Zum Beispiel häufen sich Fälle, in denen Autos liegen bleiben, nur weil der Tank leer ist. Der Grund: das blinde Vertrauen der Fahrer in ihren Bordcomputer. Anstatt auf die bewährte Benzinuhr zu achten, klebt der Blick auf dem bunten Display. Das zeigt die Kilometerreichweite in Ziffern an, und wenn da "5 km" steht, wird das so lange für bare Münze genommen, bis der Fahrer mit einem Mal lange Zeit hat, am Rand der Straße über seine Fehleinschätzung nachzudenken. Wenn er Pech hat, lässt er sein Auto auch noch unter einer Stromleitung oder in der Nähe eines Funkmastes ausrollen. Dann kann es passieren, dass der Wagen ihn nicht mehr reinlässt - weil die Strahlung der Umgebung das Funksignal des Autoschlüssels überlagert. Doch nicht alles ist im Fluss. Es gibt noch einige Konstanten. Den Urlaubsbeginn in Holland zum Beispiel bemerken die Münchener sofort. Dann sind die Autobahnen gesäumt von alten und überladenen Wagen aus den Niederlanden. Und noch etwas wird es geben, so lange die Räder rollen: den "Tag der schwachen Batterie". Das ist der erste Morgen, an dem es nach dem Herbst richtig kalt ist. Wenn die Temperaturen fallen, versagen Tausende Autos ihren Dienst. Dann herrscht überall Stillstand. Außer bei den Pannenzählern vom ADAC natürlich.


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