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Audi A5: Die Drachenbändiger

Hektische Betriebsamkeit auf dem Rollfeld des Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck. Der Grund: eine Flugnummer der etwas anderen Art. Ein Lenkdrachen wird von zwei Audi A5, 3.0 quattro in die Luft gezogen. Das gab's noch nie.

Von Katja Eden

Ziel ist die Neuauflage des Audi A5-Coupé-Filmspots einerseits - ohne Fake, versteht sich. Und den eigenen Rekord einstellen andererseits. Das Schwierige und Extravagante an diesem Plan: Ein Lenkdrachen (englisch Kite) wird nicht direkt von einem Menschen geflogen, sondern von den beiden Audi. Für diesen Versuch werden die Autos zu den Händen des Drachenpiloten.

"Die Kleine" darf mit

Nach Stunden des Leerlaufs mit bangen Blicken in den Himmel (es sind Gewitter angekündigt, der Wind frischt zunehmend auf), geht plötzlich alles ganz schnell. Kommandos ("kalte Probe, heißer Dreh!") bellen, die Kamerateams laufen zu ihren Positionen, der Helikopter surrt, die hundert Meter langen Lenkseile des Drachens an der Stange zwischen den beiden Wagen werden befestigt, der Drachenhalter geht in Position. Irgendjemand schiebt mich zum zweiten Audi und ruft "die Kleine kann vorne mitfahren" und schwupps bin ich drin.

Familientreffen

Neben mir am Steuer sitzt Thomas Mehler, der zusammen mit seiner Frau Ilona und Marcel dieses Experiment und damit den gesamten Kite-Spot für Audi erst möglich gemacht hat. Im zweiten Audi, der mit etwas über einem Meter Abstand parallel dazusteht, sitzen Mutter Ilona und Sohn Marcel. Die Anspannung ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Ilona Mehler kontrolliert den Sitz des Headsets, macht Verständigungsproben, ein letzter Blick nach hinten zum Sohn, der es sich auf der Rückbank halbwegs bequem gemacht hat. Den Glücksbringer - ein namibischer Dollarschein, den sie sich an ihren T-Shirt-Kragen gesteckt hat - berührt und los geht es.

Etwa zwei Minuten dauert die Geradeaus-Fahrt auf dem Rollfeld. Das Ende ist unsichtbar, weil der Asphalt bläulich spiegelt wie eine imaginäre Wasserstelle in der Wüste. Die Kommandos gibt Ilona: Beide Wagen müssen wegen des starken Rückenwindes sehr schnell auf 50 km/h kommen. Sonst stürzt der Drachen ab oder Marcel hat keine Chance ihn zu stabilisieren. Das Anfahren klappt. Beide Wagen starten im zweiten Gang bei etwa 2400 Umdrehungen. Und danach ist in unserem Wagen nichts mehr zu hören außer "61-63-65-70- 64-68-70-67". Die jeweilige Fahrzeuggeschwindigkeit. Diese Zahlen, die Marcel mittels Gaszug-Joystick vorgibt und mit der er den Kite fliegt, dringen permanent aus dem Walkie-Talkie, das Thomas Mehler neben sich gelegt hat. Sein Blick ist fest auf den digitalen Tachometer gerichtet. Trotzdem schaut er immer wieder nach rechts zu seiner Frau, die den anderen Wagen auf Kurs hält, um möglichst gleich auf mit ihr zu sein. Er sagt kein Wort, gibt Gas, bremst, korrigiert und endlich kommt das erlösende "langsamer, langsamer- bremsen - jetzt Stopp-Bremse" aus dem Walkie Talkie und wir stehen abrupt am Ende des Rollfeldes!

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Thomas Mehler lehnt sich zufrieden zurück, ein gelöstes Lächeln im Gesicht, der Daumen geht nach oben und ein glücklicher Blick an mir vorbei hinüber zu seiner Frau, der in diesem Moment zwei Zentner Last von den Schultern fallen. Es ist geschafft!

Komplizierte Figuren

Nicht nur, dass die hochpräzise Zugnummer noch einmal vor laufenden Boden- und Luftkameras geklappt hat und Marcel sogar noch die eine oder andere Figur wie Scheibenwischer und liegende Acht geflogen hat, nein, auch der eigene Rekord wurde eingestellt. Bei genau 2,1 Kilometer ist der Drachen in den Boden gekracht. Aber das stört in diesem Moment niemand: Die ganze rund 40-köpfige Crew ist glücklich, alles ist "technisch sauber" im Kasten, niemand wurde verletzt. Vergessen sind die vielen Rückschläge, die vielen zerstörten Drachen, die schmerzenden Sonnenbrände, die sich alle beim Dreh in der Wüste Namibias einfingen.

"Mein Gott, ich bin klatschnass", ist Mehlers erster Kommentar. Angesichts der fast afrikanischen Temperaturen, die seit Tagen auch auf dem Rollfeld von Fürstenfeldbruck herrschten, absolut nachvollziehbar.

Etwas Trägheit schadet nicht

Wer noch nie versucht hat, einen Lenkdrachen zu fliegen, kann nicht ermessen, welch schwieriges und ehrgeiziges Projekt diese Fahrt und der gesamte Dreh für den Filmspot darstellt. Normalerweise wird ein Sportdrachen mithilfe von zwei Seilen im Abstand von nur 40 Zentimetern gelenkt. Jede noch so kleine Bewegung an den Griffen löst ein sofortiges Manöver des Drachens aus. Den Verantwortlichen war klar, dass so etwas kein Auto der Welt schaffen würde! Doch an Aufgeben dachte die Audi-Crew nicht mehr. Es musste einfach eine Möglichkeit gefunden werden, um die Idee zu realisieren. Für die Drachenbändiger Thomas, Ilona und Marcel Mehler, seit 1992 Sportdrachenflieger aus dem nordrhein-westfälischen Velbert, die sonst daran tüfteln, die Drachen beweglicher, wendiger und reaktionsfreudiger zu machen, lautete die Devise daher "Umdenken ist angesagt!" damit der Drachen träger wurde. Des Rätsels Lösung war bald gefunden: An die Autos banden sie Seile und an deren Ende wiederum eine etwa 1,50 Meter lange Stange. Hieran befestigten sie die Seile des Drachens im üblichen 40-Zentimeter-Abstand. Der Erfolg gab ihnen Recht: Der sehr sensible Kite wurde träger und die Autos "durften" jetzt mit etwa einem Meter Abstand fahren. Außerdem gaben sie dem Drachen mehr Leine: 100 Meter statt den wie im Wettkampf üblich 44 Meter. Zudem wurden Löcher in die Drachenbespannung gestanzt, so dass der Druck abfließen und höhere Geschwindigkeiten gefahren werden konnten.

Gas von der Rückbank

Damit Marcel Mehler sein Fluggerät immer im Blick haben und schnellstens reagieren konnte, war sein Wagen technisch verändert worden: Das Gaspedal wird außer Kraft gesetzt und nach hinten verlegt. Dort sitzt Marcel auf der Rückbank, starrt aus dem Heckfenster und "fliegt" den Drachen mittels Druck auf den Gas-Joystick, dadurch wird der Wagen schneller oder langsamer. Seine Mutter sitzt währenddessen vor ihm am Steuer, lenkt, kuppelt, kann natürlich kein Gas geben, obwohl das Pedal noch vorhanden ist und gibt via Headset ihrem Mann im zweiten A 5 die erforderliche Geschwindigkeit durch. Bei etwa 70 km/h ruft Marcel von hinten "jetzt ist er stabil", gibt etwas mehr Gas und schon fliegt der Drachen in die eine Richtung, nimmt Gas zurück und das sehr nervöse Sportgerät schwingt sich majestätisch in die andere Richtung.

Die Spannweite des Kites beträgt vier Meter, die Standhöhe 1,80 Meter, das Gestänge ist aus Karbon, die Bespannung aus Polyester und er wiegt dank einiger Umbauten 2,5 Kilogramm. So ein Drachen kostet etwa 500 Euro. Wenn man bedenkt, dass bis zur Fertigstellung des Spotdrehs in Namibia und des gelungenen Rekord-Versuchs in Fürstenfeldbruck etwa 75 Drachen zerstört wurden, glaubt man Thomas Mehler sofort, wenn er sagt: "Kiting ist ein kostenintensiver Sport, für den man ein sehr gutes Auge und das perfekte Gefühl für den Wind haben muss."

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