Dieselpreise Sparsam, das war einmal


Er stank, rußte und ruckelte. Doch dann holte der Dieselmotor mächtig auf, bei hubraumstarken Modellen hat er den Benziner inzwischen abgehängt. Jetzt kostet Diesel vereinzelt mehr als Super. Kommt nun das Ende einer Ära?
Von Christoph M. Schwarzer

Warum erhöhen die Mineralölkonzerne die Preise? Weil sie's können. Das zumindest ist der Eindruck, den der neueste schlechte Preiswitz bei den Fahrern erzeugt: Leser der Bild-Zeitung haben mehrere Tankstellen entdeckt, bei denen der Dieselpreis den von Superbenzin überholt hat. Und selbst, wenn das Einzelfälle sind, ist die durchschnittliche Differenz auf nur sieben Cent zusammengeschrumpft. Dazu der ADAC: "So ein Preischaos haben wir noch nicht erlebt!" Ein Chaos, das Lenker und Kaufinteressenten vor die Frage stellt: Lohnt sich mein Diesel noch, oder ist jetzt Schluss mit dem Trend zum Selbstzünder.

Unterschiede bei der Mineralölsteuer

Die Energiesteuer, ehemals Mineralölsteuer genannt, ist jedenfalls nicht die Ursache für die Angleichung von Diesel- und Benzinpreisen. Sie liegt wie gehabt bei 47 Cent für Diesel und gut 65 Cent für Ottokraftstoffe. Macht knapp 20 Cent Unterschied. Es sind diese theoretischen 20 Cent, die jeden Autokäufer vor die Frage stellen, ob sich der Mehrpreis beim Kauf eines Diesels plus der höheren Kfz-Steuer plus der höheren Wartungskosten über den Verbrauch wieder reinfahren lässt. Ziemlich genau die Hälfte der Neuwagenkäufer hat im Oktober 2007 ja zum Diesel gesagt.

Dieselanteil stark gestiegen

Wie stark der Trend zum Heizöl-Ferrari geworden ist, beweist ein Blick ins Archiv: Im Editorial der "auto, motor und sport" vom November 1995 verspricht ein Londoner Marktforschungsinstitut einen dicken Anstieg des Dieselanteils von 15,4 Prozent im Jahr 1996 auf 25,4 Prozent für das Jahr 2004. "Cabrios und Oberklassemodelle sollen zu Trendsettern für den neuen Boom werden", hieß es 1995. Wie gesagt, heute ist es die Hälfte. Ein weiterer Blick in die Zulassungsstatistik zeigt, dass vor allem Käufer großvolumiger Wagen zum Diesel greifen. Der prozentuale Verbrauchsvorteil schlägt bei ihnen am meisten zu Buche, und während Golf & Co. um jeden Käufer ringen, sieht es etwa bei den schweren SUVs super aus.

Boom bei den Lkw

Ist es also die steigende Nachfrage, die zur Preisexplosion beim Diesel führt? Dafür spricht, dass das Verhältnis von Diesel zu Benzin, das aus einem Liter Rohöl gewonnen werden kann, immer gleich bleibt. Zum Nachfrageschub trägt auch der Boom bei den Lkw bei: In Deutschland stiegen die Verkaufszahlen von etwa 77.000 Einheiten im Jahr 2004 auf geschätzte 96.000 Laster in diesem Jahr. Immerhin, die heimische Industrie profitiert davon: Marktführer Mercedes hat einen Anteil von über 39 Prozent am Kuchen. Noch krasser sieht es für den europäischen Gesamtmarkt aus. Da sind aus knapp 337.00 Lkw im Jahr 2004 inzwischen 413.000 geworden.

Start der Heizölsaison

Immerhin, das Heizöl kann kein Grund für einen hohen Preis durch starke Nachfrage sein. Nach dem milden Winter des letzten Jahres sind viele Tanks noch gut gefüllt. Und ohnehin geht der Anteil der privaten Häuser und Wohnungen, die Wärme durch Heizöl erzeugen, seit Jahren stetig zurück und liegt derzeit bei nur noch einem Drittel. Viele Häuslebauer setzen auf Pellets, die nur halb so teuer sind – noch.

Der Diesel fällt zurück

Mit dem ersten TDI, den Audi 1990 im verblichenen Typ 100 auf den Markt brachte, begann der Dieselboom. Diesel, das war plötzlich nicht mehr der Mercedes W123 in der Version 200 D, der sich mit 60 PS mühsam auf Tempo 130 quälte. Diesel, das war jetzt schnell und stark. Kein Vielfahrer kann heute noch darauf verzichten, und die Rennen in der Dienstwagenklasse, wer 215 und wer 221 fahren kann, sind der tägliche Beweis. Nur die Zukunft liegt im Dunkeln: Die Technik ist teuer und schwer, und sie wird mit Partikelfilter und den kommenden Harnstoff-Katalysatoren noch aufwändiger und teurer. Gleichzeitig gewinnt der Benziner durch Downsizing-Konzepte mit Hochaufladung und dem so genannten Diesotto an Boden. Steht der träge Automarkt vor der Wende? Möglich ist es, und der Staat wird seinen Teil dazu beitragen. Zum Beispiel mit einer CO2-basierten Kfz-Steuer. Sie wäre ein weiterer Fallstrick für den Diesel, weil er pro verbrauchtem Liter Sprit immer ein bisschen mehr Kohlendioxid produziert als Ottomotoren.

Keine Planungssicherheit für Käufer

Die Zeche zahlen die Fahrer, die beim Kauf ihres Diesels von Zahlen ausgegangen sind, die von der Wirklichkeit überholt wurden. Aber auch der Autoindustrie kann das Preis-Wirrwarr zusetzen: Neben der Verunsicherung über die kommende CO2-Steuer, Umweltminister Gabriel hatte diese Diskussion öffentlich angestoßen, ohne ein präzises Konzept zu haben, beseitigt jetzt die Preisunsicherheit die letzte Planungssicherheit beim Autokauf. "Wir raten dem Interessenten, unabhängig vom Treibstoff ein Auto zu kaufen, das möglichst wenig verbraucht", sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer, "alles andere ist Kaffeesatzleserei." Nur eins sei sicher: Dass der Ölpreis auf Dauer nicht sinken werde.


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