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EU-Pläne zum TÜV: Scheinheilige Menschenretter

Die EU-Kommission will alte Autos jährlich zum TÜV schicken und so über tausend Menschenleben retten. Doch vermutlich wird der Plan die Straßen nur gefährlicher machen.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

Es klingt so einfach: Werden alte Autos häufiger auf ihre Verkehrstauglichkeit geprüft, lassen sich viele Unfälle vermeiden und Menschenleben retten. So stellt sich das jedenfalls EU-Kommissar Siim Kallas vor. Konkret sieht sein Plan, den er nun vorgelegt hat, vor, dass private Pkw, die sieben Jahre oder 160.000 Kilometer auf dem Buckel haben, jedes Jahr zur Hauptuntersuchung müssen.

Seine Rechnung: An fünf bis sechs Prozent aller tödlichen Unfälle sind Fahrzeuge mit technischen Mängeln beteiligt. 1200 der 2000 daraus resultierenden Verkehrstote ließen sich durch eine häufigere Überprüfung der Wagen vermeiden.

Glaubhaft ist diese Kalkulation nicht. Folgt man dem EU-Kommissar, müssten Altautos den überwiegenden Teil der tödlichen Unfälle verursachen. Und das, obwohl alte Wagen meist deutlich weniger gefahren werden als Neuwagen.

Zu den typischen technischen Unfallverursachern zählen außerdem Defekte, die plötzlich auftreten: Auch verkürzte Prüfintervalle können platzende Reifen, Leckagen an den Bremsleitungen und defekte Bremslichter nicht immer verhindern. Einfach häufiger zum TÜV und schon müssen über Tausend Menschen weniger sterben - diese Vision stimmt leider nicht.

Qualität bleibt auf der Strecke

Besonders ärgerlich ist, dass die Qualität der Untersuchung mit keinem Wort erwähnt wird. Denn die ist entscheident. In Deutschland führen TÜV und Dekra die sogenannte Hauptuntersuchung durch. Die Auswahl der Organisationen ist streng, ihre Experten gelten als unbestechlich und defekte Wagen fallen in der Regel gnadenlos durch.

Ein Raser zerlegte bei einer sinnlosen Angeberaktion einen seltenen "La Ferrari", von denen nur rund 500 Exemplare existieren.

Doch genau an dieser Qualität mangelt es in vielen Staaten. Dort können Gutachter und Werkstätten selbst die Sicherheit attestieren. Entsprechend gnädig fallen die Prüfungen aus. Etwa dann, wenn der Gebrauchte noch weiter verkauft werden soll. Eine EU-weite Angleichung wird nicht nur die Zeitintervalle harmonisieren, auch die Qualität der Untersuchung wird dann einheitlich.

Wer will, wird sich seine Plakette im Ausland - zum Beispiel in Polen - abholen. Das deutsche System mit nur wenigen, strengen Prüforganisationen kann dann nicht überleben, denn es entspricht nicht dem EU-Ideal von Gewerbefreiheit und dem Grenzen überschreitenden Verkehr von Dienstleistungen. Sollte die EU-Kommission über die Prüfungen bestimmen dürfen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch hier jede Werkstatt selbst prüfen darf. Ob diese Form der Liberalisierung der Sicherheit dient, muss bezweifelt werden. Gerade problematische Wagen werden dann dem gefälligsten Prüfer vorgeführt.

Sicher ist aber, dass der Vorschlag den Einflussbereich der EU-Kommission weiter vergrößern wird und natürlich die Kosten für die Autofahrer. Mindestens 100 Euro kostet eine Hauptuntersuchung, und diese finanzielle Mehrbelastung wird die treffen, die sich das am wenigstens leisten können.

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