Expertengespräche Tempo 180 und zwei Meter Abstand


Auf Deutschlands Autobahnen sind die Raser unterwegs. Fachleute fordern schärfere Kontrollen.

Auf Deutschlands Autobahnen sind die Raser unterwegs. Der tragische Unfall einer 21-jährigen Frau und ihrer zweijährigen Tochter, die offenbar von einem Drängler auf der Autobahn A5 in den Unfalltod getrieben wurden, hat das Problem überhöhter Geschwindigkeiten erneut deutlich werden lassen. Fachleute fordern schärfere Kontrollen.

"Überhöhte Geschwindigkeit ist laut Statistik das häufigste Verkehrsdelikt in unserem Land", sagte der Diplom-Psychologe Ronald Pelzel in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Pelzel leitet die Karlsruher Begutachtungsstelle für Fahreignung des Instituts für Arbeits- und Sozialhygiene (IAS).

Männliche Raser

Der Experte hatte am vergangenen Montag auf der Autobahn 5 den Unfallort untersucht, an dem eine junge Mutter und ihre zweijährige Tochter - bedrängt durch einen Raser hinter ihnen - ums Leben kamen. Zum Thema Raserei verweist er auf die aktuelle Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes. Danach sind 54,9 Prozent der von der Flensburger Behörde erfassten Delikte Geschwindigkeitsübertretungen. 3,7 Millionen der insgesamt 6,7 Millionen dort registrierten Verkehrsteilnehmer waren zu schnell unterwegs. Nur 17 Prozent der eingetragenen Personen sind Frauen, 83 Prozent Männer.

"Freibrief-Gefühl"

"Da nur ein Bruchteil der begangenen Geschwindigkeitsübertretungen geahndet wird, entwickeln viele der Verkehrssünder eine Art Freibrief-Gefühl", sagte Pelzel. Am stärksten sei in der Raser- Statistik die Gruppe der 25 bis 35-Jährigen vertreten.

"Frustrations-Aggressions-Tendenz"

Der Verkehrspsychologe stellt bei seinen Begutachtungen auffällig gewordener Verkehrsteilnehmer immer wieder eine so genannte "Frustrations-Aggressions-Tendenz" fest. Stress oder Ärger werden nicht selten durch eine rücksichtslose Fahrweise kompensiert. Auch einige unter Terminstress stehende Geschäftsleute erliegen nach Angaben Pelzels immer wieder der Versuchung, durch Raserei Zeit zu sparen - mit zum Teil tödlichen Folgen.

Augustinus Andt kennt das Problem aus täglicher Anschauung: "Manche fahren mit Tempo 180 und halten dabei zwei bis drei Meter Abstand zum Vordermann", berichtet der Polizeioberkommissar von der Verkehrsdirektion Ludwigshafen: "Das ist keine Seltenheit." Andt gehört zu einer Einsatzgruppe, die als Zivilstreifen den fließenden Verkehr in der Vorderpfalz überwachen.

"Proof Video Data System" soll Raser stoppen

Dabei nutzen sie das "Proof Video Data System", kurz Provida, das mit Hilfe von speziellen Videokameras Drängler und Raser aufnimmt. Die so genannten Provida-Wagen können nicht nur die Geschwindigkeit eines Rasers messen, sondern auch den Abstand, den er zu seinem Vordermann hält. Die Provida-Technik ist nach Einschätzung von Fachleuten in den meisten Bundesländern im Einsatz.

Gefühllose Geschwindigkeit

"Gerade auf den Autobahnen ist es schlimmer geworden", erklärt Andt. Der Polizeioberkommissar gibt der fortgeschrittenen Fahrzeugtechnik an dem Problem eine Mitschuld. Motoren mit immer mehr PS und verbesserte Fahrwerke führten dazu, dass vor allem die Fahrer großer Limousinen kaum noch ein Gefühl für die tatsächliche Geschwindigkeit hätten.

Auf Härtefälle wartet ein Strafverfahren

Für erwischte Drängler kann es bitter werden. Neben einem Bußgeld sowie einigen Punkten in der Flensburger Verkehrssünderkartei kann es schnell zu einem befristeten Fahrverbot kommen. Auf die ganz aggressiven Fälle wartet in der Regel ein Strafverfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sowie Nötigung. Wer verurteilt wird, kann seinen Führerschein für ein ganzes Jahr verlieren.

Dichter Verkehr

Professor Wilfried Echterhoff von der Gesellschaft für Ursachenforschung bei Verkehrsunfällen in Köln widerspricht der Annahme, Deutschlands Autobahnen seien unsicherer geworden. "Es gibt keine Zahlen, die zeigen, dass das Problem der Drängler gewachsen ist", betont Echterhoff: "Der Verkehr ist in den letzten Jahren aber unglaublich dichter geworden."

Dies führe dazu, dass kaum noch jemand den nötigen Sicherheitsabstand einhalte. Dazu komme, dass schnelle Autos heute deutlich weiter verbreitet seien als früher, erklärt der Unfallexperte: "Jeder hat heute die Möglichkeit, sich ein starkes schnelles Auto zuzulegen."

Stationäre Überwachungsanlagen

Echterhoff hegt Zweifel, ob das bisher in Deutschland praktizierte System, mit mobilen Kontrollen den Dränglern zu Leibe zu rücken, wirkungsvoll ist: "Das führt nur zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei." Sinnvoll sei es stattdessen, stationäre Überwachungsanlagen einzurichten, wie sie in den Niederlanden bereits im Einsatz seien. Zwischen Arnheim und Utrecht etwa werde der gesamte vorbei fahrende Verkehr auf Geschwindigkeit und das Einhalten des Sicherheitsabstands überprüft: "Wenn der Staat etwas erreichen will, muss er offen kontrollieren."


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