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Salon Privé 2009: Automesse im Herrenhaus

Im Kampf gegen die Krise sucht die automobile Luxusbranche nach neuen Strategien. Jüngster Trend aus London: Beim elitären Salon Privé kommen Vertreter von Edelmarken wie Aston Martin persönlich zur Gartenparty, um der hochwohlgeborenen Kundschaft das Geld zu entwinden.

Von Jan Baedeker

Im Jahr Eins der Finanzkrise gibt es einen erlauchten Zirkel, der es sich nicht verkneifen kann, Millionenbeträge in den persönlichen Fuhrpark zu investieren. Im elitären Hurlington Club im Westen Londons, unweit des Nobelviertels Kensington, trifft sich im Sommer die britische Hauptstadtgesellschaft zur Gartenparty mit integrierter Automobilmesse.

Schon der frisch manikürte und satt grüne Rasen des Anwesens, auf dem sich in diesem Jahr bereits 39 Luxus-Marken präsentieren, verströmt den süßen Duft des Geldes. Im Hintergrund spielen die Clubmitglieder, allesamt nur auf persönliche Empfehlung und gegen einen astronomischen Jahresbeitrag aufgenommen, ungerührt ihre wöchentliche Tennis- oder Croquet-Partie. Es ist eine Kulisse wie aus Woody Allens Oberschicht-Satire "Match Point", gemischt mit einem Werbespot für schwarze Kreditkarten. Zwischen den ordentlich aufgereihten Automobilen warten Kellner in dunkelgrünen Westen, um den Partygästen Champagner, Hummerschwänze oder wahlweise auch schwarzen Tee mit Milch zu reichen. London liegt schließlich nicht an der Cote d’Azur,

Tagesticket für 250 Euro

Bei der Aussprache des Veranstaltungstitels kommen die Besucher, denen ein Tagesticket rund 250 Euro wert ist, allerdings um den falschen französischen Akzent nicht herum. Nach einem ordentlichen Schluck Pommery geht den leicht beschürzten Ladies und maßbeschneiderten Gentlemen das "Saloun Priwäy" jedoch schon recht flott über die Lippen. Wichtig für die Aufnahme des Autosalons in den Londoner Society-Kalender war derweil weniger der klangvolle Name, als vielmehr die Zahl der Premieren: Acht Enthüllungen hatte Veranstalter David Bragley versprochen, darunter die England-Premiere des neuen Rolls-Royce Ghost (rund 226.000 Euro) und des Aston Martin One-77 (voraussichtlich eine Million Euro). Mit dem Vermot Veritas RS III, einem haifischähnlichen Ein-Mann-Sportwagen für 260.000 Euro, kam sogar noch eine Weltpremiere dazu, die mit großem Applaus gefeiert wurde. Rund 500 PS bringt der Wagen auf die Straße, zu Verbrauchs- oder Emissionsdaten des Veritas gab es dagegen keine Auskünfte.

Schöner als vor der Krise

Klimakrise und Rezession scheinen auf den Rasenflächen des Herrenhauses nicht zu existieren. "Party like it’s august 2008", heißt es unter den Verschontgebliebenen. Feiern wie im August 2008. Mit 4.250 Besuchern hat der Salon Privé im Vergleich zum Vorjahr noch um ein Drittel zugelegt. Für Bragley, der die britische Autoshow für Superreiche bereits im vierten Jahr organisiert, ist die Wirtschaftsflaute sogar der Schlüssel zum Erfolg: "In diesen Zeiten können sich die Hersteller einfach nicht mehr erlauben, ihre Marketing-Budgets zu verspielen. Die Industrie hat einfach den Punkt überschritten, an dem man die Teilnahme an einer Veranstaltung mit bloßer Eitelkeit rechtfertigen kann." In Krisenzeiten muss der Markenchef seinen Kunden persönlich das Geld für einen neuen Rolls-Royce, Ferrari oder Bugatti aus der Tasche ziehen. Und das gelingt am besten in der gelösten Atmosphäre einer glamourösen Cocktail-Party.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Der Abend kostet extra

Von der viel beschriebenen "Neuen Bescheidenheit" ist während der dreitägigen Veranstaltung nicht viel zu sehen. Bei den abendlichen Galaveranstaltungen, die selbstverständlich gesondert berechnet werden, feiert die Schickeria so ausgelassen wie spendierfreudig. Und auch das klassische Rahmenprogramm, mit dem der Geschmack einer schnöden Verkaufsveranstaltung überdeckt werden soll, wird die Klassenzugehörigkeit herausgestellt: Für den "Concours d’Elegance", einer Art Misswahl für den schönsten Oldtimer, hatten die Teilnehmer ihre betagten Bugatti, Hispano-Suiza und Aston Martin im Gesamtwert von 117 Millionen Euro aus den Konservierungslagern geholt. Der Titel ging letztlich an einen seltenen 1968er Ferrari 275 GTB/4 NART Spyder aus dem Besitz von Clive Beecham, einem Unternehmer, der sein Geld recht krisensicher mit der Vermarktung von Barbie- und Simpsons-Schokolade verdient. Auch bei den obligatorischen VIP-Einladungen hatten die Veranstalter nicht gespart: Die Anwesenheit des benzinsüchtigen Jamiroquai-Frontmanns Jay Kay sicherte die Nachberichterstattung in der Yellow Press ebenso wie der Auftritt des Supermodels Jodie Kidd, die ihre Brötchen mittlerweile als Rennfahrerin verdient.

Der Autor

Jan Baedeker ist Kreativchef bei Classic Driver, einem Internet-Magazin für klassische und ausgefallene Automobile. Unter www.classicdriver.com findet man aktuelle Berichte aus der Szene und einen gut sortierten Automarkt

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