HOME

VERKEHER: Frankreich: Anarchie am Steuer

Im 15. Pariser Arrondissement hält ein Kleinwagen an einer Bushaltestelle. Ganz entspannt ignoriert der Fahrer zwei Politessen, die ihm schließlich ein Strafmandat verpassen.

Im 15. Pariser Arrondissement hält ein Kleinwagen an einer Bushaltestelle. Ganz entspannt ignoriert der Fahrer zwei Politessen, die ihn auffordern weiterzufahren und ihm schließlich ein Strafmandat verpassen - nur ein kleiner Ausschnitt aus dem automobilen Alltag, der momentan in Frankreich Ordnungshüter und Behörden schier in der Wahnsinn treibt. »In Erwartung der Amnestie lässt die Disziplin nach«, bedauert der Sprecher der Polizeigewerkschaft SNPT, Charles Mandes. »Beim Parken machen die Leute inzwischen, was sie wollen.« So respektiere kein Mensch mehr Behindertenparkplätze - »typisch französisch«, schimpft der Polizist.

6,5 Prozent mehr Todesopfer

Der Grund für die fast schon anarchisch anmutenden Fahr- und Parkgewohnheiten liegt in der nahenden Präsidentschaftswahl. Parkverbote und Tempolimits scheinen außer Kraft gesetzt, viele Fahrer sind immer risikobereiter. Entgegen dem langjährigen Trend stieg die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr im September um 6,5 Prozent. Denn die Autofahrer scheren sich nicht mehr um Knöllchen oder Bußgelder - sie warten auf die traditionelle Amnestie, die ein neugewählter Präsident traditionell nach seiner Wahl verkündet. .

»Menschenopfer«

Gut sechs Monate vor der Präsidentenwahl schlagen mehrere Verbände jetzt Alarm. Die angekündigte Straffreiheit werde wieder mit »einem bedeutenden Menschenopfer« bezahlt, warnt Genevieve Jurgensen, die nach dem Unfalltod ihrer beiden Töchter die Liga gegen die Gewalt auf der Straße gegründet hat.

Eindeutige Zahlen

Nach Zahlen eines Verbands für mehr Sicherheit im Straßenverkehr starben in dem halben Jahr vor den Präsidentschaftswahlen 1988 und 1995 bei Unfällen 708 beziehungsweise 260 Menschen mehr als statistisch zu erwarten war. 1974, als nach dem Tod von Präsident Georges Pompidou kurzfristig Wahlen angesetzt wurden und eine Amnestie also nicht monatelang vorher absehbar war, blieb dieses Phänomen aus.

Peinliche Überholaktion: Angeber fährt Ferrari bei Straßenrennen schrottreif

Gefährliches Pflaster

Frankreichs Straßen gehören ohnehin zu den gefährlichsten Europas. Im letzten Jahr gab es dort 8.079 Verkehrstote, in Deutschland mit seinen gut 20 Millionen Einwohnern mehr waren es 7.487.

Chirac beharrt auf Tradition

Jurgensen forderte jüngst bei einem Empfang im Elysee-Palast Amtsinhaber Jacques Chirac auf, ganz auf eine Amnestie zu verzichten. Doch der derzeitige Favorit für seine eigene Nachfolge denkt nicht im Traum daran, seine potenziellen Wähler verprellen. Wer das Leben anderer gefährde, werde keinesfalls in den Genuss der Straffreiheit kommen, sagte Chirac lediglich zu. Am »republikanischen Brauch« der Amnestie werde er aber festhalten.

Gefährdung ohne Folgen

Für Jurgensen ist das kein klares Signal an die Autofahrer: »Gefährdet jemand nicht schon das Leben anderer, wenn er in einer geschlossenen Ortschaft Tempo 60 fährt?« fragt sie. Studien bejahen dies ganz klar. Nach seiner Wahl 1995 erließ Chirac aber Strafen für Vergehen, die den Fahrer eigentlich bis zu drei der insgesamt zwölf Punkte seines Führerscheins gekostet hätten, darunter Geschwindigkeitsüberschreitungen bis 40 Stundenkilometer und gefährliches Überholen. Für Alkohol am Steuer und Fahrerflucht gab es hingegen kein präsidentielles Pardon.

Noch kein Statement vom Wahlgegner

Chiracs mutmaßlicher Wahlgegner, der sozialistische Premierminister Lionel Jospin, hat sich noch nicht klar zu diesem Thema geäußert. Sein Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot sprach sich hingegen deutlich gegen jede Amnestie aus. Er spreche aber nicht für die Regierung, sondern nur für sich selbst, versicherte der Kommunist umgehend.

So bleibt nur zu hoffen, dass die Franzosen sich an der eigenen Nase, respektive dem Gasfuß fassen. Fußgänger werden in der Zwischenzeit auf den Straßen Frankreichs gefährlich leben.

Wissenscommunity