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Angst vor Putin: Polnische Bürgerwehren üben Krieg gegen Russland

Militärdrill um drei Uhr morgens, Überleben im Feindgebiet: Zehntausende Polen, allesamt Zivilisten, bereiten sich auf die Verteidigung ihrer Heimat vor - aus Angst vor dem großen Nachbarn Russland.

Von Tilman Müller

Die Alarmsirene schrillt Punkt fünf Uhr morgens, gleich danach tönt eine Männerstimme durchs Megafon: "Aufstehen, in drei Minuten antreten, unten vor dem Gebäude." Hastig schultern die Uniformierten ihre Tornister, greifen zu den Maschinengewehren. Schnell die Treppen hinunter, draußen ist es noch stockfinster. Und im Schein einer Straßenlaterne verliest der Kommandeur, Piotr heißt er, den Einsatzbefehl. "Der Feind ist gelandet", ruft er mit fester Stimme, seine Truppe solle die Saboteure aufspüren und ausschalten.

Ausgeführt wird der Befehl freilich nicht an diesem Sonntagmorgen. Die 17 Kampfsoldaten, die in aller Frühe so unverdrossen in der Kälte stehen, sind in Wirklichkeit Studenten und Lehrlinge. Ihr Nachtlager befindet sich nicht etwa in einer Militärkaserne, sondern in der Karol-Wojtyla-Oberschule am Stadtrand von Warschau. Und ihre Kalaschnikows sind aus Plastik. Mit Feuereifer gehen die Aktivisten der paramilitärischen Jugendorganisation "Strzelec" (Schütze) zur Sache, fast jedes Wochenende verbringen sie in einem Camp. Bei den nächsten Treffen, sagt Ausbilder Piotr, werde seine Gruppe neue Verteidigungstechniken erlernen, etwa im Häuserkampf.

Freiwilligenverband namens "Schütze"

Überall in Polen halten die "Schützen" ihre militärischen Übungen ab. Der etwa 10.000 Mitglieder starke Freiwilligenverband hat derzeit einen verstärkten Zulauf. Weite Teile der Bevölkerung empfinden den Krieg im Nachbarland Ukraine als unmittelbare Bedrohung und wollen ihre relativ junge Demokratie auf jeden Fall verteidigen, notfalls mit der Waffe in der Hand.

Fast jeder im Land, das so oft in seiner Geschichte von seinen Nachbarn überfallen wurde und sich erst 1989 vom Kommunismus befreite, sieht Russland inzwischen wieder als unberechenbare feindliche Macht. Präsident Wladimir Putin gilt als der große Aggressor, wie in weiten Teilen der Ukraine wird er vielfach auch in Polen mit Hitler verglichen und in den sozialen Netzwerken als "Putler" geschmäht.

Näher an die reguläre Armee

Die grassierende Anti-Putin-Stimmung beschert nicht nur den Schützen neue Mitglieder. In Polen existieren etwa 120 weitere Bürgerwehrverbände mit insgesamt um die 80.000 Freiwilligen in allen Altersgruppen, Tendenz steigend. Sie kaufen ihre Uniformen selbst, organisieren Übungsplätze und kümmern sich um den Nachwuchs. Mit der regulären Armee - dem 100.000 Mann starken polnischen Berufsheer und seinen 20 000 Reservisten - hatten die Schützen-Verbände bislang kaum Berührungspunkte.

Doch das beginnt sich in diesen Tagen zu ändern. Polens Verteidigungsministerium berief jüngst rund 500 Delegierte der Paramilitärs zu einer Konferenz in Warschau ein, unter ihnen auch Aktivisten der Schützen. In den Beratungen ging es vor allem darum, wie die Freiwilligenverbände sich im Ernstfall durch die Unterstützung der polnischen Armee an der Verteidigung des Vaterlands beteiligen können.

Begeisterung über Einsatzfreude

Organisiert hat das Treffen General Boguslaw Pacek, 60. Vom Verteidigungsministerium als Verbindungsmann bestellt, tourte der umtriebige Haudegen in den vergangenen Monaten quer durch Polen, um Kontakte aufzubauen. "Ich war total überrascht, wie motiviert gerade die jungen Leute sind", sagt er beim Kaffee mit freudigem Lächeln, "in vielen anderen Ländern müsste man die Jugend wahrscheinlich bezahlen, damit sie solche Strapazen auf sich nimmt."

General Pacek, der als Nato-Verbindungsmann auch das ukrainische Verteidigungsministerium berät, macht sich "ernsthafte Sorgen". Die Bedrohung, sagt er, sei für alle Nato-Länder mit einer Grenze zu Russland deutlich gestiegen, seit Putin vor drei Monaten seine neue Militärdoktrin verkündete.

Danach stuft Russland die Präsenz von Nato-Einheiten nahe seinen Grenzen als Sicherheitsrisiko ein und behält sich das Recht vor, jeden Angriff mit Atomwaffen zu beantworten.

Ausbilder Tomasz Paterski erklärt seinen jungen Schützlingen bei eisigen Temperaturen Überlebensstrategien in feindlichem Gebiet

Ausbilder Tomasz Paterski erklärt seinen jungen Schützlingen bei eisigen Temperaturen Überlebensstrategien in feindlichem Gebiet

Immer häufiger tagt der Nationale Sicherheitsrat

Davon unbeeindruckt schickten die USA angesichts der brüchigen Waffenruhe in der Ukraine jüngst 3000 Soldaten zu Nato-Manövern ins Baltikum, um die Solidarität der westlichen Allianz zu demonstrieren. Es gehe jetzt, erklärte auch Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski, um eine "Stärkung der Ostflanke der Nato".

Immer häufiger tagte zuletzt in der Hauptstadt Warschau der Nationale Sicherheitsrat. Die Nervosität wächst auch im Nachbarland Litauen. Dort erklärte Präsidentin Dalia Grybauskaite, es werde "wegen der geopolitischen Situation" demnächst wieder Einberufungsbefehle zum Wehrdienst geben. Die Regierung bewilligte bereits Waffenlieferungen nach Kiew und brachte vor Kurzem eine Broschüre mit dem Titel heraus: "Wie man sich in Extremsituationen und kriegerischen Zwischenfällen verhält". Unter anderem heißt es da, man solle niemals in Panik verfallen, selbst Schießereien vor dem eigenen Haus seien "nicht das Ende der Welt".

"Wir wissen einfach nicht, was passieren wird", sagt General Pacek. Auf keinen Fall gehe es ihm darum, die Jugend in den Krieg zu schicken. Eindringlich weist er darauf hin, dass die Schützen-Organisation schon seit dem Jahr 1910 existiere. Ihr Patriotismus sei ein wichtiger Bestandteil Polens, "das 123 Jahre lang, von 1795 bis 1918, von der Landkarte verschwunden war" und danach nur unter schwierigsten Bedingungen wieder auf die Beine kam. Der General kämpft mit seinen Gefühlen und ringt um Formulierungen, dann sagt er: "Schauen Sie, die hohe Kunst besteht im Moment darin, die Gesellschaft nicht in Angst zu versetzen, ihr aber bewusst zu machen, dass uns schwierige Zeiten bevorstehen."

Mateusz geht einfach gern ins Camp

Geradezu gelassen dagegen sieht der zwei Generationen jüngere Mateusz Petkow die Dinge in seinem Land. Er hat beim Nachtalarm an der Karol-Wojtyla-Oberschule mitgemacht, ist 17 Jahre alt, ein Lehrling mit Bürstenhaarschnitt, der einmal Flugzeugmechaniker werden will und seit etwa einem Jahr fast jedes Wochenende in einem Schützen-Camp verbringt. Nicht nur wegen des Ukrainekonflikts; er geht dort einfach gern hin, in Uniform. Seine Mutter will zwar nicht, dass er womöglich eines Tages in den Krieg zieht, aber sie findet es toll, dass ihr Junge die Familie verteidigen will.

Und dass man ihn in den Camps manchmal mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißt, das stört Mateusz kein bisschen: "Einmal haben sie mich mit einem Feuerwerkskörper geweckt, der im Schlafsaal direkt neben meiner Matratze explodierte", sagt er, "war echt super."

In einem offenen Krieg haben wir keine Chance

Beim Snack in einem McDonald’s-Restaurant nahe dem Warschauer Airport skizziert Mateusz schon mal erstaunlich illusionslos den Ernstfall. "Wenn es zum offenen Krieg kommt, dann haben wir keine Chance", sagt er, "da bleibt nur der Partisanenkampf, aber den üben wir ja fleißig." Große Gedanken über den Krieg oder die Russen macht er sich nicht. Nationalismus oder gar Fanatismus sind ihm fremd, er liebt das Miteinander, das er bei den Schützen erfahren hat. "Wenn bei meiner Gruppe mal an einem Wochenende nichts los ist", erzählt er "mache ich ein paar Anrufe, irgendwo finde ich immer ein Camp, in das ich gehen kann."

Maja Wysoczanska ist erst 19, aber schon seit drei Jahren dabei. Die Regeln und die harten Anforderungen des Vereins hatte sie erstmals bei einem zwölftägigen Lageraufenthalt im polnischen Jura-Gebirge nahe Czestochowa kennengelernt. Selbstverteidigung, Erste-HilfeKurse, Katastrophenschutz, Paintball-Schießen - solche Dinge machten dem jungen Mädchen einfach Spaß. Und der ist Maja, wie sie erzählt, erhalten geblieben: Bis heute absolviere sie gern auch härtere Fitnessübungen und laufe wie viele ihrer Kameradinnen manchmal einen Halbmarathon.

Etwa 20 Prozent der Schützen-Mitglieder sind Frauen

Etwa 20 Prozent der Schützen-Mitglieder sind Frauen

Schusssichere Weste zum 18. Geburtstag

Mit 16 legte Maja, aufgewachsen in Poznan im Westen Polens, den Eid auf die Organisation ab, in Uniform und mit erhobener Hand. "Bei Gott, meinem eigenen Gewissen und allen Schützen", rief sie kurz nach ihrem Aufenthalt in den Jura-Bergen, "schwöre ich, dass für mich das ganze Leben lang die Republik Polen über allem steht, dass ich willens bin, sie bis zum letzten Atemzug zu verteidigen und all meine Taten und Absichten in ihren Dienst zu stellen. So wahr mir Gott helfe."

Inzwischen ist Maja selbst eine Ausbilderin, die jungen Mitstreiterinnen den Eid abnimmt. Sie studiert Logistik an der Warschauer Militärakademie und teilt sich in einer WG ein kleines Zimmer mit ihrer Kommilitonin Karolina - ebenfalls eine Aktivistin, die aus der Stadt Sanok kommt, im äußersten Südosten Polens, dicht an der Grenze zur Ukraine. Die jungen Frauen lachen viel; sie sind beide schlank, eher zierlich, blond, sehr sportlich - und jede hat ihr Plastikgewehr griffbereit unter dem Bett. "Ich habe meines von den Eltern zu Weihnachten geschenkt bekommen", sagt Karolina. In Sanok sei es übrigens üblich, erzählt sie, dass Jungen spätestens zum 18. Geburtstag eine schusssichere Weste kriegten.

Frauenanteil: 20 Prozent

Etwa 20 Prozent der Schützen-Mitglieder seien Frauen, schätzt Maja Wysoczanska. Als Treffpunkt hat die Studentin eines jener Trendcafés gewählt, die man überall in den supermodernen Warschauer Einkaufszentren findet. Die Palette der Marken, Boutiquen und Geschäfte reicht von Armani bis Zara, draußen rauschen BMWs und neue Škodas über die lärmgeschützte Stadtautobahn. Alles ist bunt, modern und geradezu perfekt, wenn man bedenkt, wie grau und ärmlich Polen noch vor 20 Jahren aussah. Die junge Generation weiß, dass sie etwas zu verlieren hat, und sie will diese Lebensqualität auf keinen Fall wieder missen.

Maja spricht leise, vorsichtig und überlegt. Der Krieg in der Ukraine ist für sie zwar eine ernste Bedrohung, aber Angst hat sie nicht. Auf keinen Fall möchte sie, dass der Patriotismus, der sie und ihre Freunde so stark motiviert, in den Medien als bloße Reaktion auf die Bedrohung durch Russland dargestellt wird. "Die Schützen sind der Mittelpunkt meines Lebens", sagt sie, das sei schon vor dem Kiewer Maidan und dem Krieg in der Ostukraine so gewesen.

Einige sind hartgesottene Nationalisten

Ähnlich wie Mateusz, dem jungen Flugzeugmechaniker, ist auch Maja jede Form von Extremismus oder übertriebener Religiosität fremd. Gut findet die junge Frau, die mit ihren Eltern auch schon einmal in Berlin war, die europäische Idee. Sie sagt aber nicht einfach: Ich bin für die EU. Maja formuliert es etwas geschickter, diplomatischer und vor allem patriotischer. Sie sagt: "Ich hoffe doch sehr, dass die polnischen Werte auch die europäischen sind."

Nicht alle bei den Schützen sehen das so. Einige von ihnen sind hartgesottene Nationalisten, für die allein das eigene Land zählt. Tomasz Paterski etwa, 27 Jahre alt, ein ehemaliger Armeesoldat, der auf dem Land nahe Poznan einen Pferdehof betreibt und ehrenamtlich junge Schützen ausbildet. An einem Samstagmittag lässt er am Bahnhof der Stadt Konin ein Dutzend uniformierter Oberschüler antreten. Der Bus, der alle in die Nähe eines Waldlagers hätte bringen sollen, ist nicht gekommen. Also ordnet Paterski einen Gewaltmarsch an, trägt selbst einen 35 Kilo schweren Tornister auf dem Buckel und schaut dauernd auf seinen GPS-Tracker. "Miserables Lauftempo", murrt er und mahnt zur Eile, "mindestens sechs oder sieben Kilometer pro Stunde müssen es schon sein."

Schlafen unter Zweigen

Im Nirgendwo eines Kiefernwalds wird ein Lager aufgeschlagen, bei null Grad. Es gibt weder Zelte noch Decken. Paterski baut einen Unterstand aus Ästen und einer dünnen Plane, klemmt eine Papierrolle fest und beginnt über "Wola przezycia" zu dozieren, den Willen zum Überleben. Dann kommt die Nacht. Der Ausbilder spannt seine Plastikhängematte auf, die Jungs finden etwas Stroh und ein paar Zweige. "Wenn Putins grüne Männchen bei uns auftauchen", sagt einer vor dem Einschlafen, "dann müssen sie sich aber warm anziehen."

"Etwas Abhärtung kann nicht schaden", sagt Paterski, "nächstes Mal bereiten sich die jungen Herren und Damen richtig vor, dann bibbern sie bestimmt weniger." Kurz darauf stimmt der Mann im Kampfanzug, der von der EU eher wenig hält, ein Hoch auf den Patriotismus an: "Ich sage den Leuten immer, sie sollen polnische Produkte kaufen, das hilft unserem Land." Und schiebt gleich noch ein Hoch hinterher. "Eines kann ich euch sagen: Die Franzosen haben in ihrer Geschichte ja schon öfter mal die Flinte ins Korn geworfen. Aber wir hier in Polen werden die weiße Flagge niemals hissen."

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