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Apples Neuheiten: Löwengebrüll aus Kalifornien

Apple präsentiert ultraleichte Laptops, die ohne Festplatte auskommen, und das Betriebssystem "Lion" lernt vom iPhone: Künftig gibt es Apps auch auf dem Mac. Muss die Konkurrenz nachziehen?

Von Karsten Lemm, San Francisco

In Großfamilien kann es leicht passieren, dass der Erstgeborene in den Hintergrund rutscht, besonders wenn die jüngeren Geschwister sehr erfolgreich sind. Dem Macintosh ist es genau so ergangen: Alle Welt schaut auf die aktuellen Apple-Stars - das iPad, kaum ein halbes Jahr alt, aber schon mehr als fünf Millionen Mal verkauft, und das iPhone, das allein in den vergangenen drei Monaten 14 Millionen neue Fans gefunden hat. Immer neue Apps für die Mobilgeräte, immer neue Rekorde hier und da, während sich bei den Macs schon lange nichts Revolutionäres mehr getan hat. Kein Wunder, dass Apple-Chef Steve Jobs am Mittwoch alles unternahm, um den Blick wieder auf die Geräte zu lenken, die traditionell der Inbegriff der Marke Apple waren.

"Wir lieben den Macintosh", beteuerte der 55-Jährige bei einer Pressekonferenz in der Firmenzentrale im kalifornischen Cupertino. "Wir schenken ihm viel Beachtung, und wir investieren sehr viel Geld in ihn." Der Beweis? Neue Laptops, eine neue Version der "iLife"-Software für Foto-, Video- und Musik-Bearbeitung (siehe Fotostrecke) sowie ein Vorgeschmack auf die nächste Version des - zuletzt ebenfalls etwas vernachlässigten - Betriebssystems OS X. Version 10.7 trägt den Spitznamen "Lion": der Löwe, König der Sippe.

Tatsächlich unternimmt Apple mit dem Macintosh nun einen großen Sprung in die Zukunft: Das ultraleichte "Macbook Air", bisher eher ein Nischenprodukt, wird deutlich aufgefrischt und präsentiert sich als Vorbote einer neuen Art von tragbarem Rechner. "Wir haben uns gefragt: Was käme wohl dabei heraus, wenn sich ein Macbook mit einem iPad zusammentun würde?", fragte Jobs unter schallendem Gelächter. Das Ergebnis ist ein windschnittiges, luftig leichtes Notebook mit langer Batterielaufzeit, das - so verspricht es Apple - auf Knopfdruck einfach aufwacht, wenn es gebraucht wird.

Flashspeicher statt Laufwerk

Kein lästiges Warten nach dem Schlummern mehr, denn das Macbook Air verzichtet auf eine Festplatte, die sonst immer erst hochfahren muss. Zwei Modelle gibt es künftig, eines wie bisher mit 13,3-Zoll-Bildschirm und ein kleineres mit 11,6-Zoll-Display. Beide nutzen so genannte Flash-Chips als Speicher, ähnlich wie die meisten Handys, Apples iPhone und das iPad. Diese Art von Speicher ist wesentlich schneller, kleiner und leichter als eine Festplatte. Allerdings auch teurer, deshalb muss das 999 Euro teure Einsteigermodell mit nur 64 Gigabyte Speicher auskommen. Im größeren Macbook Air für 1299 Euro sind 128 Gigabyte eingebaut.

Auf ein DVD-Laufwerk verzichten beide Geräte - jeweils nur 1,7 Zentimeter dick und 1,1 sowie 1,3 Kilo schwer. Dank mehrerer Batterien, die sich im schmalen Gehäuse verbergen, soll das 11-Zoll-Modell auf fünf Stunden Laufzeit kommen, das größere 13-Zoll-Modell auf sieben Stunden. "Wir glauben, so sieht die Zukunft von Notebooks aus", verkündete Jobs im gewohnten Brustton der Überzeugung. Erhältlich sind die Geräte sofort, allerdings fehlt noch der zweite Teil der Zukunft: Software, die ähnlich wegweisend ist wie die Hardware. Diese Rolle ist "Lion" zugedacht.

Die App-Invasion

Mit der nächsten Version des Betriebssystems will Apple den Umgang mit Computern neu erfinden, indem Macintosh-Rechner einiges von ihren jüngeren Geschwistern lernen. Ähnlich wie iPhone und iPad bekommen Macs künftig einen App Store für Programme, die sich im Handumdrehen installieren lassen, und auch der Umgang mit der Software ähnelt stärker der Bedienung auf den Mobilgeräten. Mac-Apps in "Lion" lassen sich im Vollbild-Modus anschauen, speichern eigenständig fortwährend ihre Daten und nutzen vermehrt "Multi Touch"-Gesten - etwa Fingerspreizen zur Vergrößerung der Ansicht. Bei Standrechnern dient dazu ein berührungsempfindliches "Trackpad", das Apple als Zubehör verkauft, bei Laptops das eingebaute Touchpad für die Maus.

Der Großteil dieser Funktionen muss noch warten, bis "Lion" im Sommer nächsten Jahres auf den Markt kommt. Den App Store für Macs allerdings will Apple schon im Januar öffnen. Rechner, auf denen die aktuelle Version des Betriebssystems, "Snow Leopard", installiert ist, sollen dann ähnlich simpel mit Software versorgt werden können wie iPhone und iPad. "Das Konzept ist wahrlich revolutionär und wird die gesamte Branche aufrütteln", urteilt Richard Doherty, Direktor der Unternehmensberatung Envisioneering Group. "Niemand sonst hat etwas Ähnliches zu bieten."

Zwar kann jeder schon jetzt Programme im Internet einkaufen - aber die Prozedur ist vergleichsweise umständlich: Software suchen, finden, kaufen, sich dabei anmelden und Bezahl-Informationen eingeben, schließlich die Anwendung herunterladen und installieren. Der App Store verspricht, all das einfacher und schneller zu machen. "Bequem und simpel, das sind zwei sehr mächtige Argumente", sagt Doherty.

Das App-Store-Konzept mag sich für Spiele und einfache Anwendungen eher anbieten als für komplexe Software-Pakete wie Microsoft Office, glaubt Mike McGuire vom Marktforscher Gartner Group. Dennoch ist der Trend für ihn klar: "Nutzer werden sich zunehmend fragen: Warum kann ich nicht all meine Software auf diese Art bekommen?" Ähnliches auf Windows-Rechnern anzubieten wäre für Apples Konkurrenten allerdings keine leichte Aufgabe, erklären die Analysten, denn nur weil Steve Jobs und seine Entwickler die Kontrolle über Hardware, Software und den Service selbst ausüben, können sie sich Dinge wie den App Store einfallen lassen. "Die Latte liegt wieder ein Stück höher", sagt McGuire, auch mit Blick auf das Macbook Air und die neuen Funktionen in OS X. "So sieht es aus, wenn jemand viel Geld in Innovation investiert."

Und Geld hat Apple neuerdings genug: Die Kalifornier, die vor wenig mehr als zehn Jahren noch am Rande des Abgrunds standen, machten allein von Juli bis September gut 20 Milliarden Dollar Umsatz (etwa 14 Milliarden Euro). Davon blieben über 4 Milliarden Dollar als Gewinn in der Kasse. Und während der iPod etwas an Fahrt verliert, legten Macintosh-Rechner kräftig zu: 3,9 Millionen Stück verkaufte Apple im jüngsten Quartal, 27 Prozent mehr als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Nicht schlecht für einen Erstgeborenen, der so lange von seinen jüngeren Geschwistern überschattet wurde.

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