"Sherlock Holmes: Das Geheimnis des silbernen Ohrrings" Mit Schirm, Charme und Karomütze


Während draußen Nebel und Regen herrschen, kann man sich im Warmen als virtueller Rätsellöser nach England begeben. Und einem legendären Schnüfflerpaar nicht nur über die Schulter schauen.

Ein düsteres englisches Landhaus, eine Party, eine geheimnisvolle Ansprache und eine junge, reiche Erbin - was fehlt in diesem Szenario noch? Genau: ein Mord. Zufällig sind auch zwei der berühmtesten Detektive aller Zeiten anwesend. "Sherlock Holmes: Das Geheimnis des silbernen Ohrrings" lässt den Spieler in die Rollen von Sherlock Holmes und seinem Assistenten Dr. Watson schlüpfen. Es gilt herauszufinden, warum der Baulöwe Sir Melvyn Bromsby das Ende seiner Feier nicht mehr erleben durfte.

Dabei wirkt auf den ersten Blick alles so harmonisch: Voller Freude über die Rückkehr seiner Tochter Lavinia aus dem Ausland lädt Sir Bromsby Gäste auf seinen Landsitz Sherringford Hall. Junge Damen stehen kichernd zusammen, und altgediente Offiziere betrinken sich an der Bar. Anwesende Reporter haben die Notizblöcke gezückt. Man munkelt, Bromsby wolle an diesem Abend auch eine wichtige geschäftliche Ankündigung machen. Doch kaum hat er die ersten Worte an seine Gäste gerichtet, verstummt er – und ein sich rasch ausbreitender Blutfleck auf seinem Anzug macht klar, dass Bromsbys Schweigen ein endgültiges ist.

Ein Fall für Sherlock Holmes

Der Verdacht fällt sofort auf die jetzt reiche Erbin. Sherlock Holmes nimmt die Ermittlungen auf. Wie freundlich ist der beste Freund wirklich, wie mädchenhaft-unschuldig die Tochter? Im ganzen Haus ist nach kleinen Hinweisen zu suchen. Gäste müssen befragt und Spuren gesichert werden. Schnell wird klar, dass der Fall weit über die Mauern von Sherringford Hall hinausreicht. Düstere Lagerhallen, nebelverhangene Bahnsteige, alte Theater, Büroräume, Ruinen und Privathäuser - Sherlock Holmes und Watson müssen im Verlauf des Spiels des Öfteren die Kutsche rufen, um in und um London herum Ermittlungen anzustellen.

Die Grafik: Pracht und Probleme

Und das lohnt sich: Die Szenarios sind schön gestaltet, die Grafik von Gebäuden und Innenräumen jugendstillastig, detailreich und gut gelungen. Und wenn es regnet, dann sieht man wirklich kaum die Pixelhand vor Augen. Nicht ganz so überzeugend ist die Optik der Personen. Insbesondere die Nebenfiguren erinnern teilweise an Schaufensterpuppen – zu glatt die Oberflächen und Umrisse, zu maskenhaft die Gesichter. Doch das Problem hat "Sherlock Holmes: Das Geheimnis des silbernen Ohrrings" mit vielen anderen aktuellen Spielen in 3D-Optik gemein. Die Hintergrundmusik verstärkt die altmodische Stimmung mit Stücken von Mendelssohn-Bartholdy und Paganini.

Keine Meisterleistung: Die Navigation

Das Herumschnüffeln gestaltet sich allerdings manchmal unnötig schwierig - wenn etwa die hakelige Steuerung Sherlock nur in Miniaturschritten vorwärts gehen lässt, bis er sich endlich umdrehen kann. Oder wenn Pixel für Pixel des Bildschirms akribisch mit der Maus abgetastet werden muss, um einen mehr als gut versteckten Gegenstand in die Finger zu bekommen. Navigiert wird in klassischer Point-and-Click-Manier. Zumindest für die Finger gibt es jedoch auch Entspannungspausen in Form von Videosequenzen, in denen Sherlock Holmes seine geniale Kombinationsgabe erkennen lässt - und mehr als nur einen Hang zur Selbstdarstellung. Ein schöner Beweis dafür, dass zumindest auf dem Bildschirm auch Männer ohne Punkt und Komma reden können.

Ab ins Labor

Für die Spurensicherung steht dem Spieler die klassische Ausrüstung eines Detektivs der Jahrhundertwende zur Verfügung: Vergrößerungsglas, Maßband und kleine Teströhrchen, mit denen Kleiderfasern und Haare gesammelt werden. Regelmäßig geht's dann in die berühmte Junggesellenwohnung in der Baker Street 221b, um im Labor die gefundenen Proben zu analysieren. Keine Sorge - das gelingt auch Menschen, die seit dem schulischen Chemieunterricht nie wieder einen Bunsenbrenner aus der Nähe gesehen haben. Am Ende jeden Tages werden die Ermittlungsfortschritte des Spielers mit einem Quiz überprüft.

Das Geheimnis des silbernen Ohrrings

Hersteller/ Vertrieb

Frogware/ dtp

Genre

Adventure

Plattform

PC

Preis

39,95 Euro

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

Verzwickte Geschichte und gelungene Rätsel

"Sherlock Holmes: Das Geheimnis des silbernen Ohrrings" ist ein klassisches Rätsel- und auf keinen Fall ein Actionspiel. Adrenalinlastig sind nur wenige Stellen, an denen gegen eine Zeitvorgabe gearbeitet oder das geräuschlose Umrunden einer Wache gelingen muss. Das Vorbeischleichen am Wachmann und seinem Hund ist allerdings mehr nervtötend als nervenaufreibend - es ist so düster, dass man schon fünf Mal gescheitert ist, bis man überhaupt herausgefunden hat, wo Sherlock steht. Und das ist ja erst der Anfang... Ins Spiel passt das nicht wirklich.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die vielfältigen und wirklich schön inszenierten Rätselspiele (persönliche Favoriten: der Joker und die Arche Noah) - Geduld und Kombinationsgabe sind gefragt. Belohnt wird der Spieler mit einem im Spiel fünf Tage, in Spielzeit ca. 20 Stunden dauernden Ausflug in ein stimmungsvolles viktorianisches England. Und einer so verschlungenen Geschichte rings um viele Opfer und viele Täter, dass auch Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle sich über die gelungene Kombination gefreut hätte.

Claudia Fudeus

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