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Adobe "Creative Suite": Kraftpaket für Kreative

Mit der "Creative Suite 4" verspricht Hersteller Adobe besseres Zusammenspiel zwischen Photoshop und seinen Geschwistern, schnelleres Arbeiten und reichlich neue "Wow"-Effekte. Doch das bessere Arbeiten hat seinen Preis.

Von Karsten Lemm

Zwei VW-Busse stehen auf der Straße, und in die Parklücke zwischen ihnen passt beim besten Willen kein dritter - es sei denn, man nimmt Photoshop: "Achten Sie auf die Reifen", sagt John Loiacono, Vizepräsident für Creative Solutions beim Photoshop-Hersteller Adobe, während er den dritten VW-Bus mit der Maus greift und zusammenschiebt, bis er in die Parklücke passt. Normalerweise wären die Reifen nun oval verformt, hochgestreckt und zusammengestaucht - man sähe dem Auto deutlich an, dass es eine Karambolage mit einem Bildbearbeitungprogramm hinter sich hat.

Nicht so bei der neuesten Photoshop-Version, die im Oktober gemeinsam mit der "Creative Suite 4" auf den Markt kommen soll: Eine Skalierungs-Funktion, die mitdenkt, erlaubt es nun, Objekte kleiner oder größer zu machen, ohne dass die Proportionen leiden. Dazu analysiert die Software den Bildinhalt und versucht herauszufinden, was entbehrlich ist und was nicht - so wird etwa der VW-Bus kürzer, behält aber seine Form. Wie gut das in der Praxis bei unterschiedlichen Motiven funktioniert, muss sich zeigen. In der Demonstration für stern.de erkannte Photoshop bei einem anderen Bild, dass Menschen auf einem Golfplatz wichtiger sind als Gras und Himmel. Entsprechend ließ sich das Foto intelligent in der Größe anpassen: Je nach Bedarf blendete die Software automatisch Unnötiges aus oder fügte anderes hinzu - etwa zusätzliche Wolken, Sand und Rasen. "Wir sehen das als technischen Durchbruch", sagt Loiacono. "Es ist eine von Hunderten neuer Funktionen."

Für Adobe steht mit jeder frischen Version der "Creative Suite" viel auf dem Spiel: Das Paket, das unter anderem Programme zur Bildbearbeitung (Photoshop), zum Gestalten von PDF-Dokumenten (Acrobat), Webseiten (Dreamweaver) und Print-Produkten (InDesign) enthält, ist die größte Geldquelle für den kalifornischen Softwareproduzenten, der im vorigen Jahr gut drei Milliarden Dollar einnahm. Die Firma schätzt, dass weltweit etwa sechs Millionen Kreativ-Profis als Kunden für die Software-Suite in Frage kämen - bisher hat allerdings nur etwa ein Drittel von ihnen zugegriffen. Viel Gelegenheit zum Wachsen also. 1700 Arbeitsjahre stecken in der vierten Auflage des kreativen Bündels, verteilt auf genügend Programmierer, um die tatsächliche Entwicklungszeit auf 18 Monaten zu reduzieren.

Zeit-Ersparnisse und "Wow"-Effekte

Das Ergebnis verspricht viele Verbesserungen im Zusammenspiel zwischen den einzelnen Programmen, Zeit-Ersparnisse und eben "Wow"-Effekte wie die Skalierungs-Funktion. Eine weitere Neuerung, die Kunden locken soll, ist eine Sprachanalyse für Videos, die automatisch eine Abschrift der Tonspur erstellt. "Normalerweise ist das eine enorm zeitraubende Prozedur", sagt Loiacono. Wer mit der CS4 arbeitet, soll dagegen alles dem Computer überlassen können - nicht nur bei englischem Videomaterial, sondern auch auf Deutsch, Französisch, Spanisch und in einigen anderen Sprachen. Am Ende, sagt der Adobe-Manager, "können Sie den Text nach Stichwörtern durchsuchen, die gefundenen Stellen werden hervorgehoben, und das Video springt automatisch an die richtige Stelle".

Auf Zeitersparnisse dürfen CS4-Nutzer auch beim Bearbeiten von Videos hoffen. Die Schnittsoftware "Adobe Premiere" kann nun durch eine verbesserte Vorschaufunktion langwierige Umwege bei der Kodierung vermeiden. "Manches, was früher zwei Stunden gedauert hätte, lässt sich nun in 20 Minuten erledigen", verspricht Loiacono. Layouter wiederum können künftig in InDesign auch mit Flash-Animationen arbeiten. Dahinter steht der Gedanke, dass Dokumente immer häufiger nicht nur gedruckt, sondern leicht abgewandelt auch im Internet veröffentlicht werden - und da zählt das Interaktive, das Bewegte, nicht das Statische.

Kleines Vermögen fürs Kraftpaket

"Solche Verbesserungen mögen eher langweilig klingen", räumt Loiacono ein, "aber glauben Sie mir, für jemanden, der tagein, tagaus mit diesen Programmen umgeht, bedeuten sie eine enorme Erleichterung der Arbeit." Zeit ist bekanntlich Geld, und entsprechend scheut Adobe sich auch nicht, für sein Kreativpaket ein kleines Vermögen zu verlangen: Je nach Ausführung kostet die Premium-Version der CS4 zwischen 1700 und 2500 Dollar. Upgrades fallen günstiger aus, wie gewohnt, und der Preis lässt sich auf Adobes Website maßgeschneidert berechnen. Eine internationale Ausgabe mit deutschen Menüs folgt im Dezember zu Preisen zwischen 1900 und 3000 Euro. Wer nicht warten mag, kann die US-Version schon im Oktober direkt bei Adobe im Internet kaufen.

Die Entwickler werden dann bereits an der fünften Version der Creative Suite arbeiten - und eines scheint klar: Die clevere Skalierungsfunktion, die es bisher nur in Photoshop gibt, dürfte dann auch den Weg in andere Programme finden. Nützlich wäre sie schließlich in vielen kreativen Lebenslagen. "Auf dem Schreibtisch am PC haben Sie einen schönen großen Bildschirm", erklärt Loiacono, "aber was passiert, wenn Sie die gleiche Seite auf einem Handy darstellen wollen?" Da kann es sicher nicht schaden, wenn auch Dreamweaver, InDesign und andere Photoshop-Kollegen lernen, Inhalte schlau zu schrumpfen. Damit der Umsatz fleißig weiter wachsen kann.