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Bill Gates auf der CES: Viel Vista, wenig Visionen

Traditionell zeigt Bill Gates am Vorabend der Consumer Electronics Show Neues von Microsoft. Im Vordergrund steht - wie im vergangenen Jahr - das neue Betriebssystem Vista. Und es geht um die Abwehr mächtiger Gegner: Apple und Google.

Von Maximilian Geyer, Las Vegas

Schlangen wie bei einem Popkonzert bilden sich am Sonntagabend vor dem Ballsaal des Hotels "Venetian" in Las Vegas. Im Kampf um gute Plätze wird gedrängelt und geschubst, was das Zeug hält. Zur Consumer Electronics Show (CES), der wichtigsten Unterhaltungselektronikmesse der Welt, ist nur Fachpublikum geladen - doch wenn Bill Gates zum bereits neunten Mal die Eröffnungsrede hält, verhalten sich selbst gestandene Vertreter der Elektronikbranche wie Teenager, die ihrem Idol ganz besonders nah sein wollen. Bill Gates ist und bleibt der King of Software. Auch wenn er keinen Hehl daraus macht, dass er sich mittlerweile mehr mit der Bekämpfung von Epidemien und seiner Stiftung als mit seiner Firma Microsoft beschäftigt.

Mit noch immer demselben jugendlichen Charme wie in den Jahren zuvor rückt er seine Brille zurecht und beginnt, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Ohne Ablesen, ohne Pannen - aber auch ohne echte Sensationen. Eventuell will Microsoft sich diese noch ein wenig aufheben. Denn in der Gates-Show geht es erst einmal um Vista, das neue Windows, das Ende Januar auf den Markt kommt. Und um das eigentlich noch spannendere, da rundum erneuerte Office-Paket, das dann ebenfalls verfügbar sein wird.

Aber Gates will mehr als die Menschheit mit neuen Versionen dessen zu versorgen, was sie eh schon beinahe ausschließlich nutzt. Bill Gates will endlich beweisen, dass Microsoft nicht nur Spezialist für Büroprogramme und Betriebssysteme ist - sondern auch in allen anderen Bereichen des digitalen Lebens kräftig mitmischt.

Alles nur Google-Abwehr?

Stichwort Internet: Gebetsmühlenartig wiederholt Gates in seinem Vortrag, wie wichtig die Vernetzung aller Geräte und Inhalte sei. Und wie gut das bei Microsoft schon passiere - unter dem Zauberwort "Live". Dahinter verbirgt sich die Verknüpfung klassischer Software mit Internet-Inhalten. Erfunden hat Microsoft das nicht. Der wirklich hübsche 3D-Flug durch Las Vegas (mit der Software "Virtual Earth 3D"), für den Gates vom Publikum einen der häufigen Spontan-Applause bekommt, erinnert zum Beispiel sehr an Google Earth. Überhaupt hört es sich, wenn Gates vollmundig von "Windows Live" schwärmt, weniger nach einer grundlegenden Vision denn nach einer Google-Abwehrstrategie an. Dort tüftelt man nämlich schon seit längerem an kostenlosen, web-basierten Programmen, die vieles von Microsoft überflüssig machen könnten.

Der zweite große Markt, den Microsoft aufmischen will, ist das Geschäft mit der digitalen Musik. In den USA, so verkündet Gates, sei man mit dem seit Herbst 2006 erhältlichen Musikplayer "Zune" bereits die Nummer zwei im Markt. Doch in Europa hat Gates das Feld dem Marktführer Apple bislang kampflos überlassen. Frühestens Ende des Jahres soll der Zune hierzulande gegen den iPod antreten dürfen.

Jubel für "Halo 3"

Ebenfalls noch für dieses Jahr kündigt Microsoft eine Erweiterung der Xbox 360 an. Über den Internetdienst Xbox Live sollen Gamer künftig nicht nur mit anderen online spielen können, sondern auch noch gleich mit Fernsehen aus dem Netz versorgt werden - so genanntes IP-TV. Abkommen mit namhaften Partnern, wie zum Beispiel der Deutschen Telekom, seien dazu bereits unterzeichnet. Eine weitere Neuerung: Vista-Nutzer können zukünftig auch mit ihrem PC auf Xbox Live zurückgreifen - und so gegen Konsolenspieler in virtuellen Turnieren antreten. Auch dafür wird artig applaudiert, doch beinahe euphorisch werden viele der mehr als 5000 anwesenden Gates-Jünger erst, als auf der Großleinwand ein Trailer zum dritten Teil des erfolgreichen Action-Games "Halo" gezeigt wurde - die Grafik ist tatsächlich beeindruckend.

Der Desktop bewegt sich

Einen ähnlich großen Jubel gibt es nur, als die Menge auf selbiger Leinwand eine ganz besonders hübsche Vista-Funktion bestaunen darf: Erstmals in der Windows-Geschichte gibt es animierte Desktop-Hintergrundbilder - sogar ganze Video-Sequenzen lassen sich als virtuelle Schreibtischunterlage einrichten. Das mag sich wie ein kleines Gimmick für Computer-Nerds anhören - stellt sich aber bei genauerer Betrachtung als eigentlich ganz charmante Neuerung da.

Von strategisch größerer Bedeutung dürften jedoch die zahlreichen Herstellerkooperationen sein, die Microsoft jetzt verkündet. Gates wird nicht müde von "Devices" (Geräten) zu sprechen, die eine "great experience" ("tolle Erfahrung") für den Nutzer versprechen. Nicht nur, dass auf allen kompatiblen Geräten einschließlich Zubehör von der Laptop-Maus bis zum Bürodrucker ein "Vista"-Logo prangern wird. Sogar Autos sollen sich mit Vista schmücken können: Noch in diesem Jahr will der Hersteller Ford in einige Modelle ein System einbauen, dass das Anschließen sämtlicher Handys und Musikplayer an die Bordelektronik ermöglicht. Gesteuert wird per Spracheingabe, der Autocomputer soll sogar eingehende SMS vorlesen. Und das alles, natürlich, powered by Vista.

Im Heimnetzwerk speichern

Ebenfalls für Vielreisende, aber vor allem für Besitzer von mehreren Computern, dürfte der "Windows Home Server" gedacht sein. Zusammen mit HP will Microsoft dieses Jahr ein Kästchen für Heimnetzwerke auf den Markt bringen, auf dem alle Daten zentral gespeichert werden - inklusiven denen, die auf einer möglicherweise vorhandenen Xbox 360 liegen. Der Windows Home Server ermöglicht auch den Zugriff von unterwegs auf sämtliche Daten und macht bei Bedarf auch automatisch Backups von den Festplatten der PC. Preise sind noch nicht bekannt.

Nachdem einzelne Gastredner aus verschiedenen Microsoft-Abteilungen durch das Vorstellen der Neuerungen aus ihren jeweiligen Bereichen Gates das Erklären von Details ersparen, kann sich der Senior-Chef gegen Ende des beinahe eineinhalbstündigen Vortrages noch einmal ausführlich seinen Visionen widmen: Eine Welt, in der Windows einfach überall ist und alles über uns weiß. Im Einspielfilm verrät uns das Handy - natürlich mit "Windows Mobile"-Betriebssystem und "Windows Live"-Internetanbindung - welches Restaurant in der Nähe gerade ein besonderes Angebot hat, das unseren kulinarischen Vorlieben zusagen könnte. So könnte es Microsoft tatsächlich schaffen, Google abzulösen. Zumindest als größter Albtraum aller Datenschützer.