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Computerspiele: Auferstanden von den Toten

Auch wenn sie im letzten Teil von "Tomb Raider" lebendig begraben wurde: Jetzt ist Lara Croft wieder da - und erwachsen geworden.

Renn, Lara, renn! Sie sind alle hinter dir her. Natürlich bist du keine Mörderin - aber das wissen nur wir, die den Controller in der Hand halten. Wir wissen, dass du unschuldig bist, denn wir kennen dich besser.

Wir - das sind weltweit mehr als 30 Millionen Videospieler, darunter fünf Millionen Deutsche, die mit dir bereits fünf "Tomb Raider"-Abenteuer erlebt haben. Wir waren mit dir in Indien, Peru und Venedig, auf der Chinesischen Mauer, in der Antarktis und Ägypten. Und viele von uns haben dich vermisst. Wie viele, das wird sich zeigen, wenn dein neues Spiel "Tomb Raider: The Angel Of Darkness" im Laden steht.

Drei Jahre nichts gehört

Schon drei Jahre ist es her, seit wir etwas von Lara gehört haben - was einerseits nicht wirklich verwunderte, schließlich war sie am Ende ihres letzten Abenteuers lebendig begraben worden. Andererseits weiß seit "Dallas" jeder, dass Tote auferstehen können, wenn es die Bilanz verlangt. Und dem Spielehersteller Eidos ging es während der Lara-Pause oft nicht gut. Seine Aktien befanden sich zeitweise im freien Fall, der Firma drohte der Verkauf, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ein neues "Tomb Raider" auf den Markt kommen würde. Lara Croft ist immer noch die beste Angestellte der Firma.

Tomb Raider: Angel Of Darkness

Genre

Action-Adventure

Plattform

Playstation2
PC

Preis

ca. 55 Euro

Viel steht auf dem Spiel, viel hat sich getan

Viel steht also nun auf dem Spiel für Eidos. Und viel hat sich getan in den vergangenen Jahren: Lara Croft hat Konkurrentinnen bekommen, andere Unternehmen haben weibliche Spieleheldinnen etabliert, und auch das Spielprinzip von "Tomb Raider" - klettern, rennen, schießen, Rätsel lösen - wurde viele Male kopiert und dabei verbessert. Und niemand weiß, ob die Figur Lara Croft selbst noch genug Fans hat, um das neue Spiel zum Bestseller zu machen.

Schluss mit staubigen Pyramiden

Eidos tritt jedenfalls die Flucht nach vorn an. Die Firma präsentiert mit dem neuen "Tomb Raider" nicht nur eine bessere Grafik und feinere Animationen, sondern ein Spiel, das mit seinen Vorgängern nur noch wenig zu tun hat: Lara reist nicht auf der ganzen Welt herum, es taucht keine einzige verstaubte Pyramide auf, das Abenteuer spielt dieses Mal in Prag und Paris - da auch im Louvre. Außerdem gibt es zum ersten Mal eine zweite Hauptfigur, die der Spieler im letzten Drittel steuern wird - und zwar einen Mann. Der heißt Kurtis Trent, besitzt übersinnliche Kräfte und kann nur hoffen, dass ihn die Spieler mögen werden: Kurtis ist ein Held auf Probe und nur dabei, weil viele Fans von Eidos eine zweite Spielfigur gefordert haben. Doch die wichtigste Veränderung hat Lara Croft selbst erfahren: Sie ist kein Teenie mehr. Was nicht nur daran liegt, dass sie viel besser gezeichnet ist und sich geschmeidiger bewegt, als das vor Jahren technisch möglich war - sie ist merklich älter geworden, nicht nur im Gesicht, sondern in ihrer ganzen Persönlichkeit: Erstmals hat man das Gefühl, nicht mit einem Püppchen ein Abenteuer zu durchleben, sondern mit einer Frau, die erwachsen ist und endlich nicht mehr darauf angewiesen sein muss, dass Spieleentwickler ihre Brüste zu Ballons aufgeblasen haben. Das ist das eigentliche Meisterstück von Eidos und seinem Studio Core Design - Lara Croft anmerken zu lassen, dass ihre Abenteuer und ihr Leben Spuren hinterlassen haben. Sie ist zum Charakter geworden.

Lara muss reden und Entscheidungen treffen

Das ändert natürlich das ganze Spiel: Früher wäre es nie vorstellbar gewesen, dass sich Lara mit anderen Figuren im Spiel unterhält; dieses Mal muss sie das sogar - und dabei Entscheidungen treffen. Auch geht sie subtiler zu Werk, muss sich verstecken, muss schleichen und genau überlegen, wie sie sich verhält. Schießen und drauflosrennen, das funktioniert nur noch selten. Werden die Fans das mögen? Die Chancen sind groß - denn durch die neue Lara schimmert die alte natürlich immer noch durch. Und natürlich stöhnt sie immer noch leise auf, wenn sie sich an etwas nach oben zieht.

Als ob man eine alte Freundin träfe

Das Problem des Spiels dürfte denn auch nicht Lara Croft sein oder die eine oder andere technische Macke, sondern die Mixtur selbst: Zu viel an "Tomb Raider: The Angel Of Darkness" erinnert optisch und vom Spielprinzip her an Bestseller der letzten Jahre - an Schleichabenteuer wie "Metal Gear Solid 2" oder "Splinter Cell" etwa oder den Horror-Hit "Resident Evil". Als Fortsetzung der "Tomb Raider"-Serie ist das Spiel gelungen, einzigartig oder gar eigenständig ist es nicht. Es funktioniert im Grunde nur, weil alles, was in ihm passiert, an Lara Crofts Spiele- und Lebensgeschichte erinnert. Und deswegen werden viele, die Lara die vergangenen Jahre vermisst haben, sie jetzt wieder ins Herz schließen.

Sven Stillich / print