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Games Convention: Im Land von Pixeln und Fleisch

Es dürfte nur einen Ort in Deutschland geben, an dem sich 13-Jährige in die Arme von spärlich bekleideten Models schmiegen und sich Krieger der Imperialen Sturmtruppen beim Würstchenholen artig hinten anstellen: Leipzig zur Zeit der Games Convention.

Von Henry Lübberstedt

Der Lärm ist ohrenbetäubend, als Massen widerlicher Orks mit wildem Kriegsgeschrei die Reihen der menschlichen Truppen durchbrechen. Äxte und Schwerter schlagen gegeneinander, hölzerne Schilde zerbersten unter mächtigen Hieben. Überall verzerrte Gesichter und fallende Soldaten. Dann geht das Licht wieder an.

Den von Electronic Arts (EA) eingeladenen Verkaufsmanagern lässt der Ausschnitt aus EAs neuestem "Herr der Ringe"-Spiel die Kinnlade herunterfallen. Doch als sie längst den Raum verlassen haben, steht noch immer ein 14-jähriger Junge in der Mitte des 360-Grad-Kinos, wie paralysiert. "Das waren die aufregendsten 15 Minuten meines Lebens", sagt er völlig entrückt.

Fleisch statt Pixel

Der Rundum-Leinwand steht auf der Games Convention in Leipzig, der größten Besuchermesse für Computerspiele in Europa. Entrückte Teenager gehören zu ihrem festen Bestandteil. Meistens entzückt sie die immer bombastischere Grafik der Spiele, doch immer häufiger auch die knapp bekleideten "Messebabes".

Als ein Heer aus Rucksäcken mit Basecaps und kurzen Hosen schieben sich die meist minderjährigen Besucher an den Ständen der rund 220 Aussteller vorbei. Die Messeleitung ist glücklich. Insgesamt würden über 100.000 Besucher in diesem dritten Jahr auf der "GC" erwartet, teilt die Leipziger Messe mit. Die Ausstellungsfläche wurde um 25 Prozent auf 55.000 Quadratmeter vergrößert.

Hinter den lärmenden Hallen verhandeln die Spieleverlage mit Händlern über Mengen und Margen. Die Geschäfte laufen prächtig. Das so genannte Business-Center musste ausgebaut werden. Für das Publikum haben die Aussteller neben neuen Spielen vor allem eines aufgestockt: den Sex-Faktor.

Die auszogen, sich auszuziehen

"Sollen sie sich für euch ausziehen?", schreit der von zwei Blondinen flankierte Vertreter einer Spielefirma ins Publikum. Die beiden haben zuvor T-Shirts über ihre pinkfarbenen Bikinis gestreift, nun sollen die getragenen Hemden ins Publikum geschleudert werden. "Ausziehen, Ausziehen", skandiert die Menge.

Einen Stand weiter - vorbei an einem Militär-Hubschrauber und Maschinengewehren - schlängeln sich zwei Go-Go-Tänzerinnen auf Tischen um die Metallstange in der Mitte. Ihr Publikum hat die Füße hochgelegt, schaut von Liegestühlen zu. Mit den Produkten der Firma hat die Darbietung freilich nichts zu tun. "Was weiß ich, an welchem Stand ich hier bin, die sehen doch einfach nur scharf aus", sagt einer der Liegenden.

Da hat es Ubisoft schon einfacher, die Kurve zu mehr Kurven zu nehmen. Der französische Spieleverlag hat ein Spiel zusammen mit dem Playboy-Magazin entwickelt und stellt gleich vier Schönheiten dem Publikum für gemeinsame Schnappschüsse zur Verfügung. Stolz legt der 15-jährige Marc seine Hände um die Taillen der Models, während sein Kumpel fotografiert. Als er das Foto auf dem Display der Digitalkamera begutachtet, legt ein breites, seliges Grinsen seine Zahnspange frei. "Geil!" Beide kichern.

Keine Chance gegen nackte Haut

Bei soviel Haut haben die Figuren aus den Spielen einen schweren Stand. Die Elfen aus "Herr der Ringe" fallen kaum auf, Leisure Suit Larry aus der gleichnamigen Spieleserie wird keines Blickes gewürdigt, allenfalls der bedrohlich wirkende Elitesoldat aus Microsofts Science-Fiction-Shooter "Halo" flößt Respekt ein und bahnt sich eine Schneise durch die Menge.

Im Gegensatz zur weltgrößten Messe für Computerspiele, der E3 in den USA, gibt sich die Games Convention vergleichsweise gewaltfrei. Jenseits des Atlantiks gehören Soldaten in voller Kampfausrüstung, Panzer und Militärhubschrauber zum festen Bild der Spielemesse. Leipzig setzt auf attraktive Messehostessen. Sicher keine einfache Entscheidung, denn nie zuvor brachte die Spielebranche mehr Kriegsspiele auf den Markt als in diesem Jahr.

  • Henry Lübberstedt