Intel-Gründer Andy Grove "Die Firmen bettelten um Prozessoren"


Vor fünf Jahren erzählte Andy Grove, der Mitgründer des Chipherstellers Intel, dem stern, wie er die Geschichte des PC erlebte. Und Groves Ausführungen zur damaligen Situation des PC sind auch heute noch überraschend gültig.

Mr Grove, wissen Sie noch, was Sie am 12. August 1981, dem Geburtstag des Personal Computers, gemacht haben?

In meiner Erinnerung war das kein besonderer Tag. Ich muss zugeben, dass ich den PC damals nicht für so wichtig hielt. Da sehen Sie mal, was von mir als Visionär zu halten ist.

Was war Ihnen 1981 wichtig?

Ich hätte auf den ebenfalls neuen Displaywriter von IBM gewettet. Das Konzept hatte mich voll überzeugt. Der Displaywriter war eine Art Schreibmaschine mit Bildschirm, für die Intel, ebenso wie für den PC, den Hauptprozessor-Chip lieferte, also sozusagen das Hirn. Ich dachte, der Displaywriter wäre das große Ding.

Eine aufgepeppte Schreibmaschine?

Ja. Mein Vorstellung war, dass überall, wo Schreibmaschinen benutzt wurden, dann ein Displaywriter stehen würde - was ein Riesenmarkt gewesen wäre. Genau so kam es ja auch, aber eben mit dem PC. Das habe ich nicht vorhergesehen.

Wann erkannten Sie das Potenzial des PC?

Innerhalb weniger Monate nach der Einführung. Die Vorhersagen von IBM, wie viele Chips sie brauchten, wurden bei weitem übertroffen. Wir haben dann eigens für die PC-Prozessoren neue Fabriken gebaut. Allerdings schwankte die Nachfrage in den ersten Jahren doch erheblich.

Damals waren die Chips für den Personal Computer noch nicht Ihr Hauptgeschäft.

Nein, aber schon 1982 oder 1983 machten sie den größten Teil unseres Prozessorgeschäfts aus. IBM hatte ja die Rechte an der PC-Architektur so gestaltet, dass auch andere Hersteller Personal Computer nach dem IBM-Vorbild bauen durften - mit dem Prozessor von Intel und Betriebssystem-Software von Microsoft. Als dann diese "IBM-kompatiblen PC" von Compaq und all den anderen auf den Markt kamen, konnte jeder erkennen, was für ein Erfolg der PC werden würde. Und bei uns bettelten die Firmen um Prozessoren, so knapp waren die.

War es ein Fehler von IBM, anderen den Bau von Kopien seines PC zu erlauben?

Man darf nicht vergessen, dass IBM zwar den Großrechnermarkt beherrschte, aber bei Heimcomputern keine Rolle spielte. Hätte ausschließlich IBM diesen Typ von PC angeboten, wäre womöglich Apple mit seinen Computern erfolgreich gewesen - die waren 1981 nämlich führend. Aber die Fülle der Anbieter verhalft dem IBM-kompatiblen PC zum Erfolg.

Den hat wohl auch IBM so nicht erwartet.

Niemand hat das. IBM ging es nur darum, dem wachsenden Heimcomputer-Markt irgendetwas entgegenzusetzen. Also wurde ein kleines Entwicklungslabor gegründet, das in für IBM unglaublich kurzer Zeit den PC zusammenstrickte - aus fertigen Teilen, die von anderen gekauft wurden, mit vorhandener Software, die ebenfalls zugekauft wurde. Dann erfasste das "Phänomen PC" die ganze Industrie - und der Intel-Prozessor und das Microsoft-Betriebssystem MS-DOS wurden zum weltweiten Standard. IBM verlor die Kontrolle über den PC.

Nach 20 Jahren - ist der PC erwachsen geworden? Finden Sie, dass er so komfortabel zu bedienen ist, wie man das von einem ausgereiften Produkt erwartet?

Nein, kein bisschen. Man würde meinen, dass Computer nach 20 Jahren nicht mehr abstürzen, dass sie nach dem Einschalten sofort benutzbar sind oder sich automatisch vor Datenverlust schützen. Aber so sind PC immer noch nicht.

Warum?

Letztlich ist das die Strafe für einen unglaublich effektiven Markt - effektiv, wenn es um die Reduktion von Kosten oder die Erhöhung der Leistung geht. Aber es hat niemand die Oberaufsicht, weil IBM den Standard freigegeben hat. Das ist wie in der Politik: In der Demokratie gibt's mehr Durcheinander als in einer Diktatur. Dies ist eine Art industrielle Demokratie.

Muss man also mit einem neuen Entwurf anfangen, um Ordnung zu kriegen, oder kann sich der PC dahin entwickeln?

Technisch wäre das kein Problem. Was der Markt dazu braucht, sind ein paar richtig schlechte Jahre, damit alle wieder zu sich kommen und gemeinsam vorgehen.

Derzeit geht es ja mit der Internet- und Computerindustrie bergab.

Wenn dabei ein besserer PC herauskommt, wäre das ein sehr wertvolles Resultat. Aber ich bin da nicht wirklich optimistisch.

Viele denken, der PC wäre sowieso am Ende seiner Zeit.

Unsinn. Der PC ist trotz aller Probleme das mächtigste, vielseitigste, anpassungsfähigste und preisgünstigste Produkt in der Informationstechnologie. Es ist keinerlei Ersatz in Sicht.

Interview: Thomas Borchert/Karsten Lemm

(Das Interview erschien zuerst im stern 33/2001)

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