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Chipkrise Endlich billige Tinte? Warum Canon Kunden helfen muss, seine Drucker zu überlisten

Günstiger drucken dank fehlender Teile? Canons Schicksal ist gut für Konsumenten.
Günstiger drucken dank fehlender Teile? Canons Schicksal ist gut für Konsumenten.
© YakobchukOlena / Getty Images
Seit Monaten plagt die Chipkrise die Technik-Welt. Nun sind auch Druckerpatronen von Canon betroffen. Anders als erwartet, führt das allerdings zu mehr Kundenfreundlichkeit.

Mit Druckertinte lässt sich viel Geld machen. Immerhin gehört sie zu den teuersten Flüssigkeiten der Welt und liegt beim Literpreis irgendwo zwischen 2000 und 8000 Euro. Dass Hersteller sich bei diesem Geschäft nicht gerne von Drittanbietern die Preise vermiesen lassen, ist aus Gründen der Profitmaximierung nachvollziehbar.

Für Kunden ist genau das aber seit Jahren ein großes Ärgernis: Große Hersteller wie HP, Canon, Epson oder Brother versehen ihre Druckerkartuschen mit kleinen Chips, die offiziell ganz tolle Funktionen wie die Anzeige eines korrekten Füllstands bieten sollen, inoffiziell allerdings eher der erzwungenen Kundenbindung dienen dürften. Denn ohne diesen Chip streiken Drucker oft und machen den Gebrauch unmöglich. Auch das Nachfüllen gebrauchter Patronen wird aktiv verhindert – einmal leer, beharrt der Chip darauf, dass keine Tinte mehr da ist.

Canon-Krise als Chance

Doch was, wenn höhere Mächte die Konzerne mehr oder weniger dazu zwingen, das zu unterlassen? Genau das passiert gerade, denn Canon kann aufgrund mangelnder Bauteile nur noch Druckerpatronen liefern, die keinen solchen Kontrollchip tragen. Und für Kunden ist das eine sehr gute Nachricht.

So heißt es offiziell von Seiten des Herstellers, dass wegen des anhaltenden Halbleitermangels Verbrauchsgüter derzeit ohne "spezielle elektronische Komponenten" gebaut würden. Das habe – und dieser Satz ist ausgesprochen wichtig – keinerlei Auswirkungen auf die Qualität der Ausdrucke, sondern führe lediglich zu möglichen Fehlern beim Auslesen von Füllständen. Vom Hersteller folgt anschließend eine Anleitung für den Fall, dass der Drucker sich meldet und das Fehlen des Chips beklagt.

In nur einem kurzen Support-Dokument hat Canon damit zugegeben, dass die Kopierschutz-Chips, die durchaus ein paar Funktionen bieten, keinesfalls für den reibungslosen Betrieb eines Druckers nötig sind. Eine kleine Revolution, wenn man bedenkt, dass genau diese Behauptung seit Jahren gebetsmühlenartig heruntergepredigt wird und teilweise absurde Auswüchse annahm – alles im Namen der Druckqualität und Sicherheit, versteht sich.

Erst kürzlich gab es in den USA eine Klage gegen Canon, weil ein Pixma MG6320 des Herstellers mit leerer Tintenpatrone die Scanner-Funktion deaktivierte. Verliert Canon in diesem Fall, droht eine Strafe in Höhe von bis zu fünf Millionen US-Dollar. Die Tatsache, dass man aufgrund mangelnder Bauteile nun indirekt gestanden hat, dass die Chips keine betriebsrelevanten Funktionen erfüllen, dürfte wenig helfen.

Kein Änderungswille feststellbar

Bislang spricht das Support-Dokument davon, dass die Kopierschutz-Chips nur übergangsweise fehlen werden. Ein Umdenken bei Canon oder gar in der Branche hat also offenbar nicht stattgefunden. Andere Hersteller sind bisher offenbar nicht betroffen. Auf Anfrage teilte etwa HP dem stern mit, dass es aktuell keine "nennenswerten Einschränkungen" bei der Produktion gebe.

Der Canon-Konkurrent betonte ferner, dass der Chip durchaus wichtige Funktionen erfülle. Er ermögliche die Kommunikation zwischen Drucker und Kartusche und schütze vor "Produktkopien oder Fälschungen", die "zu potentiellen Qualitäts- und Sicherheitsrisiken führen können." Bemerkenswert, dass es bei der Konkurrenz notgedrungen aber auch ohne besagtes Bauteil nicht zur Katastrophe führt.


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