Russland In der "Silicon Taiga" wird an der Zukunft gebastelt


Die sibirische Metropole Nowosibirsk ist Russlands Vorzeigestadt des elektronischen Zahlungsverkehrs. Die dort versammelten IT-Firmen versuchen, das Land ins 21. Jahrhundert zu programmieren.

Russlands Hauptstadt des elektronischen Zahlungsverkehrs liegt 3000 Kilometer östlich von Moskau. In der sibirischen Metropole Nowosibirsk bezahlen bereits 90 Prozent der 1,5 Millionen Einwohner die Kommunaldienstleistungen an sekundenschnellen Computerterminals. Ausgetüftelt hat das System "Gorod" (Stadt) die örtliche Software-Schmiede CFT. "Wir arbeiten daran, dass man im Taxi oder Restaurant mit dem Handy zahlen kann", sagt CFT-Generaldirektor Igor Potaschnikow (39) - Zukunftsmusik für das rückständige Russland.

Das Zentrum für Finanztechnologie CFT gehört zu den Firmen, die Nowosibirsk den Ruf eines sibirischen "Silicon Valley" eingetragen haben. "Einige sagen auch Silicon Taiga", witzelt der für Bank- und Börsensysteme zuständige Manager Andrej Wisjaschtschew. CFT sitzt im "Wissenschaftsstädtchen" Akademgorodok. Im Schatten von Birken und Kiefern parken die Autos der Angestellten. Die meisten fahren Importwagen, russische Lada sind selten.

In der Abgeschiedenheit von Akademgorodok, 20 Kilometer südlich von Nowosibirsk, lebten und forschten zu Sowjetzeiten tausende Natur- und Ingenieurswissenschaftler. Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 endeten die Privilegien, das Geld für die Forschung wurde knapp.

Wissen als wirtschaftliches Potenzial

Das gesammelte Wissen ist aber weiter ein großes wirtschaftliches Potenzial der sibirischen Hauptstadt Nowosibirsk. Bei der Verteilung der Naturschätze Öl, Gas und Holz wurde das Gebiet stiefmütterlich behandelt. In den letzten zwei Jahren hat nur der Handel für einen bescheidenen Aufschwung gesorgt. Über Nowosibirsk werden 15 Millionen Menschen versorgt, die Hälfte aller Sibirier.

Russische Computerspezialisten genießen einen guten Ruf und sind vergleichsweise billig. Deshalb verlagern viele westliche Firmen Projekte der Informationstechnologie (IT) nach Russland, wobei der Löwenanteil auf St. Petersburg entfällt. Verglichen mit Indien, wo 2003 mit derartigem Outsourcing etwa sieben Milliarden US-Dollar (5,6 Mrd Euro) umgesetzt wurden, ist das Geschäft in Russland bescheiden. 300 Millionen Dollar betrug der Umsatz 2003, aber er wächst. Ende Mai heuerte der US-Chiphersteller Intel 600 Programmierer in Russland an, davon 190 in Nowosibirsk bei dem Unternehmen Unipro.

Nicht zu viele Fremdaufträge

Bei CFT arbeiten allerdings nur zehn von 500 Mitarbeitern an Fremdaufträgen, unterstreicht Generaldirektor Potaschnikow. "Wir wollen nicht von äußeren Faktoren abhängen." Zur Warnung dient ihm eine andere große IT-Firma in Nowosibirsk, Novosoft, die mit 500 Mitarbeitern Aufträge unter anderem für IBM und Motorola ausführte und in Folge der Internet-Krise zerbrach.

CFT wurde 1991 gegründet und ist damit alt für eine Firma im neuen Russland. Die ehemals studentische Software-Schmiede entwickelte Programme für den internen Zahlungsverkehr russischer Banken und Chipkarten. Hauptpartner sei die russische Sparkasse Sberbank mit ihren Millionen Kleinkunden. Dazu kämen russische Regionalbanken und Banken in den Nachbarländern Kasachstan, Turkmenien und Kirgisien. Erste Kunden in der Europäischen Union sind Banken in Polen und Ungarn. 2003 erzielte CFT einen Umsatz von 23 Millionen Dollar.

Zu weit weg für den Moskauer Markt

Potaschnikow lobt seinen Standort Nowosibirsk. "Wir finden immer die Leute, die wir brauchen." Er kann ihnen Gehälter "zwischen 600 und mehreren tausend Dollar" zahlen, was für die Region viel ist. Deshalb fürchtet er auch nicht, dass Länder wie Deutschland oder die USA Spezialisten abwerben. Die Fluktuation der Arbeitskräfte sei mit zehn Prozent eher gering. Nur das Vordringen auf den Moskauer Bankenmarkt, auf dem 85 Prozent des russischen Finanzverkehrs abgewickelt werden, sei wegen der Entfernung ein Problem. "In Moskau ist es für uns schwieriger, neue Produkte zu vertreiben, weil wir doch in Sibirien sitzen."

Friedemann Kohler, DPA DPA

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