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Scheibes Kolumne: Früher war's romantischer!

Ach, ihr armen Kinder des digitalen Zeitalters. Ihr wisst ja gar nicht mehr, was musikalische Romantik wirklich ist. Heute zieht man sich mal eben schnell ein paar Songs auf den MP3-Player. Früher haben wir Jungs Nächte damit verbracht, für die Angebetete ein Love-Tape am Kassettenrekorder zusammenzustellen. stern.de-Kolumnist Scheibe erinnert sich.

Mein Sohn ist zehn, und er entdeckt die Musik für sich. Er findet Nelly Furtado toll, Tokio Hotel, Abba und alles, was so in den Charts steht. Ich hab ihn noch auf Neil Young gebracht, auf Rammstein und auf Juli. Nur meine Lieblingssängerin Dido knallt bei ihm nicht so richtig. Sei's drum, das kommt schon noch.

So spannend es ist, dem eigenen Kind dabei zuzusehen, wie es einen ganz eigenen Musikgeschmack entwickelt, so schade finde ich es, dass die richtigen Begleitumstände fehlen. Vor 25 Jahren hingen mein Kumpel Goldi und ich nächtelang im Adrenalinrausch am Radio, um auf den einen Song zu warten, der uns interessiert hat. Nur so konnten wir ihn auf Kassette aufnehmen. Mit der Zeit hatten wir dann genügend Songs zusammen, um perfekt choreografierte Mixe zusammenzustellen - auf einer zusammengestöpselten Anlage mit zwei Kassettendecks, eins oft geborgt vom Kumpel. Das war wichtig - für die Mädchen. Denn nichts war besser für die ersten Flirtversuche als ein ganz persönlicher Saturday-Night-Kuschel-Mix oder ein Abhott-Special-Nummer-1 in der wahnwitzigen Auflage von einem einzigen Exemplar. Da kam dann alles rauf, was zum Thema passte. Besonders beliebt waren die Schmuse-Mixe, die dann gleich auf den damals schwer angesagten Bluesparties zum Einsatz kommen durften.

Eine eigene Kunstform

"Riders on the Storm" von den Doors, "Nights in White Satin" von Moody Blues, Pink Floyds "Shine On You Crazy Diamond" und noch dazu "In The Air Tonight" von Phil Collins: Das waren noch Zeiten. Und Alan Parsons Project mit "Turn Of A Friendly Card". Wow. Beim Mixen achteten wir sogar noch darauf, dass die Beats perfekt ineinander übergingen. 45 Minuten eng Bluestanzen auf der einen Kassettenseite und 45 Minuten auf der anderen. Und das ohne hörbare Pause zwischen den Songs. Das war echte Kunst.

Heute fehlt mir diese nostalgische Note. Sucht mein Sohn nach einer passenden Musik, kommt er in den Keller und fragt, ob ich sie in meiner Sammlung habe oder ob ich sie mal eben bei iTunes kaufen kann. Unglaublich: Wir wären damals nie auf die Idee gekommen, unsere Eltern zu fragen, wenn es um das Thema Musik ging. Die hatten doch null Ahnung, hörten Elvis, Engelbert und Heino. Oder die aktuellen Charts, die damals aus Coolness-Gründen für uns völlig tabu waren. Unsere Musik war uns heilig. Nur so konnten Filme wie "High Fidelity" mit John Cusack und Jack Black entstehen: Ein echter Musikfreund kann Tage darauf verwenden, seine Musiksammlung immer wieder neu zu sortieren.

Gibt es den perfekten MP3-Mix überhaupt?

Mein Sohn weiß leider gar nicht so genau, wo seine Musik ist. Er hat ein paar gekaufte CDs, ein paar von mir gebrannte, ein paar Songs auf der Festplatte und ein paar in seinem MP3-Player. Der Überblick fehlt. Aaaaaber noch besteht ja Hoffnung. Wenn erst einmal die Mädchen interessant werden und entsprechende Bluespartys anstehen (gibt es die denn noch?), dann kann sich ja noch vieles ändern. Und vielleicht entdeckt er dann ja den Computer, um für seine Angebetete den perfekten MP3-Mix zusammenzustellen und zu brennen. Obwohl ich ja befürchte: Dasselbe wie bei uns damals ist das einfach nicht mehr.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania