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Scheibes Kolumne: Heute werde ich reich!

stern.de-Kolumnist Scheibe sucht bereits seit Jahren nach der zündenden Geschäftsidee, die ihn reich macht, ohne dass es wirklich Mühe kostet. Jetzt hat er sie gefunden - er verkauft Smellies, Parfums der ganz besonderen Sorte. Natürlich setzt er für die Vermarktung voll und ganz auf die modernen Möglichkeiten des Internets.

Mein Kumpel Mario und ich planen schon seit Jahren, zwar nicht die Weltherrschaft zu übernehmen, aber doch ohne große Mühen so reich zu werden, dass wir nie wieder geistig oder körperlich arbeiten müssen. Eine Insel in der Karibik würden wir kaufen - und jede Menge knackiges Weibsvolk einladen, das uns mit Palmenwedeln Luft zuwedelt und dabei nicht meckert.

Allein an der passenden Idee mangelt es noch. Was haben wir schon alles durchgesprochen an bierseligen Ideen, die am Abend toll klangen und am Morgen danach an der Realität zerschellt sind. Wir haben uns bereits im Vorfeld Domains gesichert, Logos entworfen und Patentanmeldungen vorbereitet. Nur um am Ende ist dann doch nix draus geworden.

Umso überraschter war ich letztens, als die perfekte Idee plötzlich einfach da war. Meine Mitarbeiterin Antonia war Schuld an der überraschenden Erkenntnisfindung. Ich lief auf dem Weg zum Materialschrank durch ihr Büro und schnupperte auf einmal: "Hmm, was riecht denn hier so gut?", fragte ich und folgte dem verlockenden Duft bis zu ihrem Schreibtisch. "Das bin wohl ich", sagte sie und schaute verschämt zu Boden, als würde sie eher stinken und nicht verlockend duften. "Ich komme gerade von meinen Eltern und hab da den ganzen Morgen Schnitzelchen gebraten."

Ja, das war doch einmal ein Duft. Angebratete Zwiebeln, gebrutzelte Schnitzel, dazu ein Hauch ranziges Bratenfett: Mir lief das Wasser im Munde zusammen. Jedes Mal, wenn ich an diesem Tag durch das Büro laufen musste, schnupperte ich ein neues Aroma. Mal kamen die Zwiebeln mit Brachialgewalt zum Tragen, mal war es mehr der nackte Bratpfannen-Fleischgeruch. Mit knurrendem Magen zog ich Kreise um Antonia und sog den Geruch gierig ein.

Die perfekte Idee

Dann kam mir plötzlich die Idee und ich rief sofort Mario an: "Wir werden reich. Ich habe DIE Marktlücke gefunden. Wir machen Parfums für Frauen, die Männer auch wirklich gern haben. Schluss mit sauteuren Parfums, die nach doofen Blumen oder aromatischen Klosteinen stinken und die kein Mann wirklich gern an seiner Frau schnuppern möchte. Ab sofort riechen unsere Frauen nach dem, was Männer wirklich riechen möchten: Bremer Schmortopf, Rheinischer Sauerbraten, Berliner Currywurst oder Blut- und Leberwurst. Das nennen wir dann Smellies - Parfums aus der Küche."

Mario war erst skeptisch: "Keine Frau möchte doch wie ein Schnitzel riechen. Das kaufen die uns niemals ab."

Ich war gedanklich schon ein ganzes Stück weiter: "Mensch Mario, alle Frauen jammern doch permanent, dass ihre Männer sie nicht mehr in den Arm nehmen und immer so lieblos sind. Mit unserem Smellie 'Chateaubriand' ändert sich das sofort. Die Kerle werden wie verrückt nach ihren Frauen sein und sie gar nicht mehr loslassen, wenn sie riechen wie ein teurer Braten, den sie nur alle paar Jahre einmal auf den Tisch bekommen. Männer haben doch überhaupt nix übrig für synthetische Düfte aus der Retorte. Männer denken die meiste Zeit am Tag ans Essen, häufiger noch als an Sex."

Mario stimmte sich langsam ein: "Ja, und dann machen wir lauter Smellies. Einen mit Nordseescholle mit Krabben, einen mit Spanferkel und Sauerkraut und dann noch einen Einstiegsduft mit Bratkartoffeln und Speck."

Wir haben die rosa eingefärbte Vision von lauter glücklichen Männern, die ihre Frauen herzen, sie ständig in den Arm nehmen und ihnen sagen, wie gut sie auf einmal riechen. Und zum Geburtstag verschenken die Männer dann die Düfte, die sie selbst am liebsten schnüffeln möchten.

Vermarktung übers Internet

Mario denkt weiter: "Wir müssen das komplett übers Internet vermarkten, damit die Kosten niedrig bleiben. Am besten machen wir das wie die MyMuesli-Jungs. Wir bieten einfach ein paar Grunddüfte an und die kann man dann per Mausklick mit Zusatzgeruchsnoten erweitern. Zum Braten kommt dann der Sauerkraut-Duft und zum argentinischen Filetsteak noch eine Prise Pommes. Den Grundpreis halten wir ganz niedrig, nehmen dann aber viel Geld für die Zusätze und die Verpackung. Auf die Packung drucken wir dann fett: Meinen Schatz habe ich zum Fressen gern."

"Cool", sage ich. "Das klappt bestimmt. Ich kenn ein paar Comiczeichner, die designen uns die Verpackung. Die Pressearbeit kann ich selbst machen. Deine Aufgabe, Mario, wäre es, modernes Marketing zu machen, ohne dass hohe Kosten entstehen. Du tust am besten so, als wärst du eine Frau und schreibst in die ganzen Frauenforen im Web rein, wie zärtlich dein Mann auf einmal ist, seitdem du Smellies benutzt. Dann bitten wir die Blogger-Community um Hilfe und schicken ihnen kostenlose Proben zu, damit sie über uns schreiben. Außerdem eröffnen wir einen Twitter-Kanal und sammeln Follower, die wissen wollen, welche Promis bereits unser Produkt einsetzen. Und dann machen wir schräge Promo-Videos für YouTube. So wird das gemacht heutzutage."

Mario denkt auch nach: "Du kennst doch so viele Firmen, die Newsletter an zig hunderttausend Leute versenden. Da müssen wir mit rein. Ein einziger Newsletter kann uns bereits reich machen. Geht der an eine Million Anwender und nur ein Prozent kauft bei uns, dann sind das bereits 10.000 Kunden auf einen Schlag. Selbst bei einer Quote von nur einem Promille sind wir bereits um 1.000 Kunden reicher. Wir verkaufen die Smellies zum Grundpreis von 39,99 Euro, das wären dann knapp 40.000 Euro Gewinn bei tausend Käufern. Wir teilen natürlich brüderlich…"

Ich werfe ein: "Nein, nein, jeder die Hälfte…"

Mario: "Na gut, das sind dann 20.000 Euro für jeden. Wenn wir jeden Tag einen anderen Newsletter verwenden, dann sind das bereits 600.000 Euro im Monat für jeden von uns. Warte, ich kündige mal rasch meinen Job."

Während wir noch am Reden sind, schlage ich bereits das Internet auf und suche nach Südseeinseln, die zum Verkauf stehen. Komisch: Je länger wir über unsere neue Geschäftsidee sprechen, umso mehr Hunger bekomme ich.

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