Scheibes Kolumne Nerv mich nicht!

stern.de-Kolumnist Scheibe möchte ab und zu nur eines haben - seine Ruhe. Aber Callcenter-Anrufer, Tieraktivisten, Wurstverkoster, Tankstellen-Servicekräfte und Ampelputzkolonnen pulverisieren dieses Anliegen. Nur gut, dass sich im Internet langsam der Widerstand formiert.

Ich nenn es "floaten". Oder "funktionieren auf Autopilot". Denn es ist doch so: Während der vielen Arbeitsstunden am Tag muss ich funktionieren. Ich muss wach sein, mitdenken, nett und professionell am Telefon wirken - einfach meinen Job machen. Das ist anstrengend und sorgt dafür, dass ich in den Freizeitstunden gern ein wenig abschalten möchte. In diesen kostbaren Minuten ist es dann ärgerlich, wenn man von außen gestört wird. Und das auch noch völlig unnötig.

Hektische Anfrage aus dem Callcenter

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die meisten Callcenter-Anrufe erreichen mich außerhalb meiner Kernarbeitszeiten, also am Wochenende, ganz früh am Tag oder kurz vor 18 Uhr. Meist verlangt eine wichtig klingende Stimme sofort den Geschäftsführer zu sprechen. Wenn ich dann schnell die Füße vom Schreibtisch nehme und mich konzentriere, höre ich doch nur so etwas wie das hier: "Hallo, sind Sie verantwortlich für den Fuhrpark in Ihrem Unternehmen? Ich rufe für das Autohaus XX an und möchte Ihnen gern ein Angebot machen, dass Sie nicht ablehnen können ..."

Ich hasse diese Anrufe wie Hühneraugen am Hintern. Inzwischen kann ich meinen Spruch auswendig aufsagen: "Ich stehe in keiner Beziehung zu Ihrem Unternehmen und habe nie zugestimmt, dass Sie mich anrufen. Was Sie gerade tun, ist eine illegale Kaltakquise. Wenn Sie mich nicht sofort aus Ihrer Datenbank nehmen, gebe ich das an meinen Anwalt weiter. Solch ein Anruf kann teuer werden, die Strafen sind sehr hoch."

Meist habe ich danach meine Ruhe. Allerdings gibt es immer wieder neue Firmen und Callcenter, sodass es auch immer wieder neue Gelegenheiten dafür gibt, meinen Spruch aufzusagen. So oder so: Wenn ich mich gerade einmal entspannen möchte und es geht so ein Anruf ein, dann könnte ich die Krätze bekommen. Leider fehlt mir die Ruhe meines Kollegen Elmar Denkmann, der auf seiner Seite Nicht-Anrufen.de auf kreischend komische Weise zeigt, wie man die Callcenter-Anrufer am Telefon nach Strich und Faden verarschen kann.

Tieraktivisten und Wurstverkoster nerven

Wenn ich unterwegs bin, bin ich oft völlig in Gedanken. Ich denke dann neue Artikel durch, lege mir Strategien zurecht oder überlege mir neue Projekte. Oder ich bin geistig auf Zero und übe mich darin, was Männer am besten können - gar nicht denken. Das kann ich stundenlang machen und laufe dann wie ein Roboter durch die Gegend. Gerade beim Erledigen des Wocheneinkaufs mache ich das sehr gern. Das Einkaufen geht mir vollautomatisch von der Hand, weil ich weiß, was ich brauche und wo es steht.

Doch immer häufiger machen mir die Promo-Leute einen Strich durch die Rechnung. Sie platzieren sich strategisch klug am Knotenpunkt mehrerer Gänge und springen sofort hinter ihrem Stand hervor, sobald ich meinen Wagen vorbeirollen möchte. "Kennen Sie schon unsere neue Pferdemettwurst? Hier: Probieren Sie doch mal. Haha, das schmeckt, was? Heute verkaufen wir Ihnen vier Würste zum Preis von einer."

Nein, ich möchte keine Würste probieren. Schon gar nicht in diesen homöopathischen Dosen, die bereits auf dem Weg zum Mund verdunsten, sodass sie die Geschmacksnerven gar nicht erst erreichen. Meist gucke ich schon böse oder in eine andere Richtung, sobald ich mich einem dieser Promoter nähere. Das hindert diese Nervbolzen aber trotzdem nicht daran, sich mir in den Weg zu stellen.

Habe ich es endlich geschafft, das Chaos an der Kasse zu überwinden - "Nein, ich sammle keine Treuepunkte, Herzchen oder Coupons. Nein, ich habe keine Shopping-Kundenkarte" -, geht es direkt vor dem Supermarkt weiter. Tierschützer, Food-Watcher, Zeitungs-Aboverkäufer, Telefondienstleister und andere Genossen stellen mir mit Absicht ein Bein. Noch am Boden liegend werde ich dann auch schon belabert. Einmal habe ich nachgegeben, ein einziges Mal. Beim ADAC. Da wollte ich wissen, ob die Firma Mitglied werden kann und ob das dann auch für das private Auto gilt. "Keine Ahnung", teilte mir der aus dem Tal des Unwissens stammende Promoter mit. "Aber unterschreiben Sie doch erst mal, den Rest können Sie dann mit der Zentrale klären." Na, klar.

Tankstellen-Nervbolde bieten Service an

Autofahren ist für mich auch immer so schön entspannend. Ich floate so für mich hin, bin mit den Gedanken sonstwo und fahre auf Autopilot. Aus dieser Trance komme ich auch nicht heraus, wenn ich tanken muss. Das Herumstehen, während das Benzin in den Tank läuft, passt sich perfekt meiner Chillout-Phase an.

Umso mehr nervt es mich, wenn mich bereits die Tankstellen-Service-Kraft taxiert, während ich noch unter das Zapfsäulendach rolle, und sofort in meine Richtung loswackelt. Noch bevor ich aussteigen kann, hat der Service-Mann bereits den Zapfrüssel in der Hand und starrt mich erwartungsvoll an: "Darf ich volltanken?". Nein, ich tanke lieber selbst. Und schon bin ich der Buh-Mann, der dem armen Mann seinen einen Euro Service-Gebühr vorenthalten möchte. Aber es tut mir Leid, ich bin gerade mit mir selbst beschäftigt und möchte gern auch beim Tanken ganz für mich bleiben. Darf ich das in unserer Gesellschaft gar nicht mehr?

Noch schlimmer ist es jetzt, wenn man nach Berlin reinfährt und die großen Straßen benutzt, etwa rund um die Siegessäule. Sobald man an der Ampel steht, springen ein halbes Dutzend Jugendliche aus dem Gebüsch und hüpfen auf die Straße, um hektisch die Frontscheiben der wartenden Autos zu wienern. Die Jungs machen ihren Job gut. Aber er ist überflüssig. Meine Scheibe ist bereits sauber. Und selbst wenn nicht - ich will floaten und nicht aus meinen Gedanken gerissen werden. So wird das Anstehen an der Ampel aber zur Krise. Erst bange und hoffe ich, dass die Ampel wieder auf Grün umspringt, bevor die Kolonne mein Auto erreicht hat. Dann werde ich auch noch passiv genötigt, ein Trinkgeld herauszureichen. Denn sonst kassiere ich böse Blicke der Marke: "Ey Alter, isch weiß, wo du wohnst, ey. Und dir deine Kinder auch."

Zum Glück hat eine genervte Berlinerin jetzt zur Gegenwehr geblasen. Tanja Trültzsch hat die Seite Mach-ich-lieber-selber.de ins Internet gestellt. Hier lässt sich ein wetterbeständiger Aufkleber für die Auto-Frontscheibe bestellen, der allen Putzteufeln schon von weitem ganz freundlich zeigt, dass ihre Dienste nicht benötigt werden. Eben: "Mach ich lieber selber." Mensch, wenn ich das nur auch für all die anderen Leute haben würde, die mir unterwegs immer auf die Nerven fallen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


Mehr zum Thema



Newsticker