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Scheibes Kolumne: Scheiß' auf die Sicherheit!

Kolumnist Scheibe sitzt mit Jörgi, Cookie und Robert beim Falkenseer Kronprinzen im Garten, um die letzten Sommerstrahlen zu genießen. Trotzdem herrscht schlechte Stimmung. Unsere Freunde haben die Nase voll von Angstmache und Paranoia, wenn es um ihren Computer geht.

Ich sitze mit Jörgi, Cookie und Robert beim Falkenseer Kronprinzen im Garten, um die letzten Sommerstrahlen zu genießen. Trotzdem herrscht schlechte Stimmung. Wir haben die Nase voll von Angstmache und Paranoia, wenn es um unsere Computer geht.

"Klau meine Daten!"

"Weißt du was", sagt Robert. "Heute habe ich meinen Rechner in der Universität einfach einmal angelassen und einen Zettel auf den Monitor geklebt. Da steht in großen Buchstaben drauf: Klau meine Daten! Ich musste es einfach tun. Ich kann dieses ganze Drama im Fernsehen und vor allem in den PC-Fachmagazinen echt nicht mehr sehen. Von wegen, die Sicherheit meines Computers sei extrem bedroht, wenn ich nix dagegen tue. So ein Quatsch. Keine Sau interessiert sich für meine Daten."

Wir schauen von unserem gutbürgerlichen Essen auf und visieren Robert durch die gelbgefärbte Brille eines bis zum Rand gefüllten Pils-Bierglases an.

Ich muss ihm leider seine Illusionen nehmen: "Schöne Aktion gegen die Datenschutz-Paranoia, bringt aber leider nichts. Nach fünf Minuten springt doch sowieso automatisch der Bildschirmschoner an. Und um den wieder zu verlassen, brauchst du dein Passwort. Hinzu kommt, dass jetzt abgesehen von der polnischen Putzfrau eh niemand mehr in der Uni ist." Ich schiebe mir ein Stück butterweichen Zander in den Mund und kaue genüsslich.

Jörgi liebt Spyware

Jörgi zeigt mit dem fetttriefenden Messer auf Robert. "Aber er hat doch Recht. Ständig impfen uns die PC-Magazine ein, dass wir uns kurz vor der alles vernichtenden Apokalypse befinden. Ich sehe vor meinem inneren Auge mindestens zehn Titelbilder, die mich eindringlich vor Spyware warnen. Was ist denn Spyware eigentlich? Das sind Programme, die ich völlig kostenfrei nutzen darf. Als Gegenleistung erkläre ich mich nur dazu bereit, in das Programmfenster eingeblendete Werbebotschaften zu ertragen. Gut, einige dieser Programme spionieren mich aus und melden etwa übers Internet weiter, dass ich in Deutschland wohne und Windows XP benutze. Na und? Ist mir doch wurscht. Diese Daten können die ruhig haben. Wenn ich an einem Gewinnspiel im Internet teilnehme, gebe ich ganz freiwillig deutlich mehr Daten bekannt. Die dann auch noch an Adresshändler verkauft werden. Ich für meinen Teil liebe Spyware. Sollen die doch ruhig spionieren, solange sie nix kosten. Ich habe nichts zu verbergen. Seht, ich rufe es laut hinaus."

Jörgi steht auf und wendet sich mit ausgebreiteten Armen zu den anderen Tischen hin: "Hört, mein Name ist Jörg, ich wohne in Berlin, bin verheiratet und habe zwei Kinder. Ich benutze Windows XP und habe mindestens fünf geklaute Musikstücke auf meiner Festplatte."

Er setzt sich wieder hin, vier oder fünf Besucher des Restaurants klatschen ein wenig irritiert.

Cookie meint verächtlich: "Du bist echt peinlich, Jörg."

Und Viren...

Ich stimme ihm aber zu: "Du hast Recht. Die PC-Magazine haben einfach keine Themen mehr. Aus diesem Grund wurde die Spyware-Geschichte künstlich hochgehalten. Das ist wie mit den Viren. Seien wir doch mal ehrlich. 99 Prozent aller Viren, die unterwegs sind, erreichen die Leute doch per Mail. Eine simple Skriptblockierung reicht da bereits aus und schon sind die meisten Viren abgewehrt. Ansonsten sollte man einfach keine Anhänge öffnen, die per Mail verschickt werden. Bei uns im Büro sind die Rechner rund um die Uhr an. Wir saugen manchmal 2.000 neue Programme im Monat aus dem Internet herunter. Nicht eines davon war infiziert. Und die neuesten Mail-Attacken, die eh immer schubweise kommen und auf diese Weise sofort auffallen, werden vom Virenscanner gleich erkannt und verschluckt. Das Virenproblem wird meiner Meinung nach völlig überschätzt, da verdienen sich viele Firmen und Verlage eine goldene Nase mit. Und die PC-Magazine haben endlich wieder ein Thema, das sie ausschlachten können."

Cookie wendet ein: "Ich will aber auch nicht, dass mein Chef mich ausspioniert. Da gibt es doch so Keylogger und ähnliche Programme."

Spionage geht doch so einfach

Robert haut mit der Faust auf den Tisch, dass die Gabeln fliegen: "Denk doch mal nach. Diese Programme zeichnen jeden Tastendruck auf und schießen vielleicht auch noch alle 30 Sekunden einen Screenshot. Wer soll sich denn diese im Geheimen aufgezeichneten Daten anschauen? Das ist doch total öde und balla-balla. Kein Chef hat die Zeit dazu, sich durch diesen Mist zu schmökern. Will ich dich ausspionieren, lasse ich mir ganz ohne Spionage-Tool einfach die History deines Web-Browsers anzeigen. Dann kann ich genau sehen, wo du dich während der Arbeitszeit im Netz herumgetrieben hast."

Ich habe meinen Zander vertilgt und schiebe noch ein paar Kartoffeln auf dem Teller hin und her: "Als Arbeitgeber sehe ich das so: Ich bezahle die Zeit meiner Leute. Und dafür erwarte ich auch, dass sie nicht stundenlang zu ihrem Privatvergnügen im Netz surfen. Das ist schließlich mein Geld. Und da kann ich auch fuchsig werden. Also sollten die Leute lieber mal ein wenig mehr ackern als sich zu beschweren, dass sie am Arbeitsplatz ausspioniert werden. Wer sich an die Regeln hält, der wird auch keine Probleme bekommen. Und wer gut arbeitet, dem sehe ich es auch nach, wenn er mal kurz im Netz eine Reise bucht."

Ist das das neue Credo

Cookie fragt an: "Ist das also das neue Credo? Scheiß auf die Sicherheit? Soll ich die Trojaner ignorieren, weil sie eh nix auf meinem Rechner ausspionieren können? Soll ich die Firewall abschalten, weil es nichts auf dem PC gibt, was einen Hacker interessieren könnte? Soll ich den Passwortschutz beim XP-Start ausschalten, damit sich auch meine Sekretärin meine Festplatte anschauen darf?"

Ein echter Schaden sieht ganz anders aus

Ich winke ab: "Es gilt doch die alte Regel: Speichere nichts auf dem Rechner, was du nicht auch an das Schwarze Brett der Firma pinnen würdest. Ansonsten entspanne dich einfach und lass dich von dieser extremen Paranoia nicht anstecken. Der wichtigste und wirkungsvollste Schutz wird doch in der Regel sowieso vernachlässigt - und das ist der ganz reale Schutz. Wir haben bei uns im Büro eine Alarmanlage installiert, damit kein zugedröhnter Junkie auf die Idee kommt, unsere Ausstattung zu klauen, um sich so den nächsten Schuss zu finanzieren. Denn das wäre der einzige Schaden, der sich nicht in fünf Minuten wieder beheben ließe."

Robert hebt das Bierglas: "Darauf einen Dujardin."

Auch wir heben das Glas: "Scheiß auf die Sicherheit, scheiß auf die Paranoia."

Carsten Scheibe